Studien zur Nutzung Wie eine Droge - Smartphones und soziale Medien

Etwa 56 Mal am Tag schauen deutsche Konsumenten zwischen 18 und 24 Jahren auf ihr Smartphone. Wie sich der Konsum auf den Menschen auswirkt und welche Apps es zur Selbstkontrolle gibt.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Wie eine Droge - Smartphones und soziale Medien
Von Ina Bullwinkel

Früher haben Menschen zum Zeitvertreib auf die Armbanduhr gesehen und gleich danach wieder vergessen, wie spät es ist. Heute kramen sie außerdem ihr Smartphone aus der Jackentasche, scrollen sich durch Chroniken mit Hunderten Fotos, Sinnsprüchen und News; hüpfen im Online-Spiel von Level zu Level; schauen Videos und vergessen nicht nur die Uhrzeit, sondern auch ihr Gefühl für Zeit. Wie oft sie das Smartphone am Tag in die Hand nehmen, wissen die wenigsten Nutzer. Das smarte Telefon mit seinen vielen Funktionen ist für viele Menschen ein ständiger Begleiter im Alltag geworden.

56 Mal am Tag schauen deutsche Konsumenten zwischen 18 und 24 Jahren auf ihr Smartphone. Das ergab die Global Mobile Consumer Survey von Deloitte für das Jahr 2017, für die das Unternehmen 2000 deutsche Konsumenten befragt hat. Laut der Studie schauen 41 Prozent der Deutschen innerhalb von 15 Minuten nach dem Aufstehen auf ihr Smartphone. Diese Nähe kann auch lähmen. 38 Prozent der Befragten haben bereits versucht, ihre Smartphone-Nutzung zu begrenzen, heißt es in der Studie.

Nur zwölf Prozent hätten damit Erfolg gehabt. Es stellt sich demnach nicht so einfach dar, die „screen time“, also die Zeit vor dem Bildschirm, zu verringern. Apps wie „Checky“ oder „Moment“ stehen schon seit vier Jahren im Play- und Appstore zum Download bereit. Sie wollen dabei helfen, dass Nutzer weniger Zeit mit sinnlosem Tippen und Scrollen verschwenden. Sie verfolgen die Aktivitäten auf dem Smartphone und führen dem Nutzer vor Augen, welchen Apps und Funktionen er besonders viel Aufmerksamkeit widmet und wie lange er insgesamt vor dem mobilen Gerät – das neben dem Smartphone auch ein Tablet sein kann – hängt.

Hilfe zur Selbstkontrolle

Etwas neuer für diese Art der Selbstkontrolle sind die Funktionen „Bildschirmzeit“ und „Digitales Wohlbefinden“, die viele iPhone-Besitzer und Android-9-Nutzer seit einiger Zeit auf ihren Geräten finden. Die Kontroll-Apps geben eine Übersicht über die genutzten Anwendungen und erhöhen zumindest das Bewusstsein für den Smartphone-Konsum. Ob die User nach dieser Information etwas an ihrem Verhalten ändern, liegt jedoch an ihnen selbst.

Viele Menschen greifen vor allem dann zum Smartphone, wenn sie Messenger wie Whatsapp und soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram nutzen. Mehrere Hundert Millionen Menschen sind diesen Apps verfallen und sehen sich immer wieder dazu motiviert, ihren Account zu besuchen, Nachrichten zu verschicken, Likes zu verteilen oder Kommentare zu schreiben. Auch Wissenschaftler haben sich bereits mit dieser Faszination beschäftigt und festgestellt, dass sich Likes für den eigenen Beitrag bei Facebook oder Instagram positiv auf das Belohnungssystem des Gehirns auswirken.

Dass Menschen immer wieder auf ihr Display schauen, nennt der Psychologe Christian Montag den Smartphone-Reflex. Montag leitet an der Universität Ulm die Abteilung Molekulare Psychologie und setzt sich in seinem Buch „Homo Digitalis“ mit der Frage auseinander, warum Menschen immer mehr Zeit mit dem Smartphone verbringen und welche Auswirkungen das auf ihren Alltag hat. Der Smartphone-Reflex rührt laut Montag daher, dass Nutzer hin und wieder durch positive Nachrichten belohnt werden, wenn Sie ihr Telefon aktivieren. Dadurch haben sie einen Anreiz, bestimmte Apps zu checken und online zu sein. Der Reflex basiert also auf der Gewohnheit, belohnt zu werden.

Nutzung von Facebook ähnlich wie Drogenkonsum

Es sind demnach vielmehr die sozialen Medien und Messenger denn das Smartphone selbst, die den Nutzer triggern. Montags eigene Forschung zu dem Thema deutet sogar darauf hin, dass die Nutzung von Facebook im Gehirn ähnliche Auswirkungen hat wie das Konsumieren von Drogen. Das kurze Glücksgefühl, das der Nutzer erfährt, wenn der eigene Beitrag viele Likes bekommt oder ein Freund ein lustiges Foto schickt, bringt ihn dazu, diese Art der Belohnung immer wieder erfahren zu wollen.

Diese dauernde Erwartung eines positiven Erlebnisses durch das Smartphone zeigt laut Montags Erkenntnissen, dass die Nutzer ihre Emotionen schlechter kontrollieren können. „Erwachsene sind dafür anfällig und Kinder und Jugendliche noch mehr, da bei ihnen der präfrontale Cortex, der Emotionen reguliert, noch nicht so stark ausgeprägt ist“, sagt Montag. Soziale Medien haben also auf Kinder und Jugendliche eine noch stärkere Wirkung als auf Erwachsene.

Aktuelle Zahlen der Schulbus-Untersuchung in Bremen für 2016 und 2017 vom Landesinstitut Schule zeigen, dass die 14- bis 17-Jährigen in Bremen das Internet im Durchschnitt sechs Stunden pro Tag nutzen. Eine problematische Nutzung des Internets gibt es laut der Erhebung bei elf Prozent der Befragten in Bremen. Viele Eltern fragen sich, in welchem Alter ihr Kind ein Smartphone bekommen soll und wie sie den Konsum drosseln können. Manche schieben ihren Kindern einen virtuellen Riegel vor das Smartphone, indem sie eine Software installieren, die die Nutzung einschränkt und wie eine Kindersicherung wirkt. Einzelne Apps und Inhalte werden blockiert, die tägliche Zeit mit dem Handy auf wenige Stunden beschränkt.

Kinder sensibilisieren

Christian Montag findet solche Apps schwierig, er hält sie für einen der letzten Schritte, um den Konsum einzuschränken. „Das Eltern-Kind-Verhältnis muss auf Vertrauen fußen. Viel wichtiger ist, dass Eltern ihren Kindern früh erklären, welche Mechanismen in den unterschiedlichen Smartphone-Applikationen am Werk sind.“ Es gehe darum, Kinder dafür zu sensibilisieren, welche langfristigen Folgen etwa das Versenden eines Nacktfotos haben kann und wie sie mit Cyber-Bullying umgehen sollten.

Außerdem sieht Montag das Problem bei den Eltern, die selbst sehr viel Zeit am Smartphone verbringen und so ein schlechtes Vorbild abgeben. „Diese Zeit fehlt für die Interaktion mit dem Kind und die Kommunikation leidet.“ Smartphones und Tablets bauten eine Mauer zwischen Eltern und Kindern auf. Montag empfiehlt, so lange wie möglich auf ein eigenes Smartphone für das Kind zu verzichten. „Das Problem beginnt dann, wenn zu viel Zeit auf dem Screen und zu wenig für das Spiel draußen verbracht wird.“

Die Bildschirmzeit von Kindern zu beschränken bedeutet nicht nur, Minderjährige von bestimmten Inhalten fernzuhalten oder dafür zu sorgen, dass sie weiterhin draußen spielen. Es geht auch um ihre geistige Fitness. Eine in diesem Jahr von kanadischen Forschern der Universität von Ottawa und der Carleton-Universität veröffentlichte Studie hat ergeben, dass die kognitiven Fähigkeiten von Kindern schlechter sind, wenn sie mehr als zwei Stunden pro Tag vor einem Bildschirm verbringen.

Gefahr für psychische Gesundheit

Erhöhter Konsum von Smartphones, Tablets und Fernsehen nimmt auch Einfluss auf das seelische Wohlbefinden. US-amerikanische Wissenschaftler der San-Diego-State-Universität und der Universität Georgia haben den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und psychischer Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen zwischen zwei und 17 Jahren untersucht. Die Forscher stellten fest, dass Kinder, die mehr als eine Stunde vor Smartphone oder Fernsehen verbrachten, ein niedrigeres psychisches Wohlbefinden aufwiesen als die, die eine Stunde oder weniger Zeit vor einem Bildschirm verbrachten.

Das Risiko eines niedrigen seelischen Wohlbefindens war bei Kindern, die mehr als sieben Stunden pro Tag vor einem Bildschirm saßen, doppelt so hoch wie bei denen, die eine Bildschirmstunde pro Tag hatten. Das äußerte sich darin, dass diese Kinder schlechter ruhig blieben, Aufgaben nicht erledigten, weniger neugierig waren und mit Betreuern stritten.

Vor allem Kinder sollten deswegen vor übermäßigem Konsum digitaler Medien geschützt werden. In der Diskussion um digitale Medien ist es allerdings wichtig, zwischen Übermaß und Sucht zu unterscheiden. Genauso wäre es falsch, Smartphones per se als schlecht darzustellen. „Wir müssen uns als Wissenschaftler davor in Acht nehmen, normale Alltagshandlungen vorschnell zu pathologisieren“, sagt Montag. „Wir müssen lernen, digitale Infrastruktur sinnvoll zu nutzen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+