Interview mit Medienforscher Wie uns soziale Medien beeinflussen

Instagram versteckt in sechs Ländern die Like-Funktion, Twitter testet die Funktion „Hide Replies“. Wie das die Nutzer beeinflusst, erklärt der Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt.
24.07.2019, 22:48
Lesedauer: 4 Min
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Wie uns soziale Medien beeinflussen
Von Eva Przybyla

Wie sehr beeinflusst uns „die Architektur“ der sozialen Medien, Herr Schmidt?

Jan-Hinrik Schmidt: Mit ihr legen die Entwickler den Nutzerinnen und Nutzern ein bestimmtes Verhalten nahe. Sie drehen dafür an Stellschrauben in der Programmierung, der Gestaltung, dem Layout und vielem mehr.

Twitter hat kürzlich in Kanada die „Hide Replies“-Funktion eingeführt, mit der man als Verfasser eines Tweets unliebsame Kommentare verstecken kann. Was will Twitter damit wirklich erreichen?

Das Unternehmen steht unter starkem politischen und regulatorischen Druck. Neben Facebook ist Twitter am stärksten dem Vorwurf ausgesetzt, politische Debatten zu vergiften und den Aufstieg populistischer Bewegungen zu fördern. Die Änderung ist ein Versuch, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten. Ansonsten würde die Politik das Unternehmen zu Änderungen zwingen.

Warum dann diese Funktion?

Sie soll die Aktivität des Twitter-Algorithmus korrigieren. Der zeigt meistens die Kommentare zu einem Tweet, die selbst viele Reaktionen bekommen haben. Besonders bei politischen Themen sind das häufig problematische Äußerungen.

Also Hasskommentare?

Es sind Äußerungen, die provokant oder möglicherweise falsch, polemisch oder sogar hetzerisch sind.

Wird die Hide-Replies-Funktion wirken?

Das kann man nur schwer abschätzen, aber ich glaube es nicht.

Warum nicht?

Das Unternehmen hat gar kein Interesse daran, dass Menschen die Plattform weniger und besonnener nutzen. Twitter profitiert davon, wenn die Nutzer sich möglichst oft und regelmäßig zu Wort melden. So kann es mehr Werbung platzieren.

Es fördert also Hate Speech?

Sicherlich ungewollt, aber: Ja.

Womit denn?

Ganz grundsätzlich mit der Längenbegrenzung der Tweets. So kann man Argumente nicht entfalten. Twitter legt eine Kommunikation nahe, die auf das Spontane und Zugespitzte ausgerichtet ist. Es geht darum, schnell zu reagieren und Resonanz zu bekommen.

Das klingt nicht gerade nach einer guten Diskussion.

Genau. Eine Twitter-Diskussion läuft eher so: Einer steht auf einer Bühne und ruft etwas. Auf anderen Bühnen stehen auch welche und rufen. Es ist nicht klar, wer sich auf wen bezieht, weil alle durcheinanderbrüllen.

Gibt es dieses Verhalten nur, weil es Twitter gibt?

Das kann man so sagen, weil Twitter eine ganze eigene, neue Kommunikationssituation schafft. Außerhalb des Internets kennen wir etwa den Stammtisch, das Telefongespräch oder die Kundgebung. Diese Gesprächssituationen haben sich über Jahrzehnte etabliert. Twitter ist nichts davon.

Kann man dann überhaupt dort diskutieren?

Politisch eher nicht. Denn für das, was eine demokratische Debatte braucht – den Austausch von Argumenten und eine Vernunft-geleitete Debatte – ist Twitter nicht der richtige Ort.

Auch Instagram hat kürzlich seine Architektur geändert und versteckt nun in sechs Ländern die Like- oder Herz-Funktion. Was macht das mit den Nutzern?

Wenn die Resonanz-Möglichkeit, also die Anzeige der Beliebtheit, wegfällt, wissen die Nutzer nicht, wer eigentlich zuschaut und wie der eigene Beitrag ankommt. Das wird das Nutzungserlebnis für viele entscheidend verändern.

Inwiefern?

Ich vermute, dass Instagram für manche dann an Reiz verliert. Aber allgemein bei Interface-Änderungen sind Nutzer als Gesamtheit oft sehr kreativ und finden andere Wege auf der Plattform zu dem, was sie suchen.

Sind Instagram, Twitter und Co so gebaut, dass sie süchtig machen?

Die exzessive Nutzung von solchen Plattformen ist keine Sucht. Ich spreche lieber von Sogwirkung. Diesen Effekt bauen Entwickler bewusst ein, um die Nutzer zu mehr Interaktion zu motivieren.

Womit erzeugt Instagram seine Sogwirkung?

Ein Beispiel sind die Notifications, die Benachrichtigungen.

Ist der Sog schlecht?

Im Gegenteil, für manche ist er sogar ein Qualitätsmerkmal. Wir wollen als Nutzer gefesselt werden. Wir müssen uns dann nur fragen: Wie gut kann ich mit dieser Sogwirkung umgehen? Schaffe ich es, das Handy wegzulegen? Die Architektur des Programms trifft ja immer auf einzelne Nutzer, die bestimmte Verhaltensweisen und kognitive Fähigkeiten mitbringen.

Aber wenn Sie die Wirkung als individuell bezeichnen, entlassen Sie so nicht die Entwickler aus ihrer Verantwortung?

Nein, hier sind alle gefragt. Einerseits müssen Entwickler Nutzern die Möglichkeit geben, die Sogwirkung abzuschalten. Andererseits müssen Nutzer über ihre Smartphone-Gewohnheiten nachdenken.

Sind soziale Medien ähnlich wie Zigaretten – die Menschen dürfen auf eigene Verantwortung etwas konsumieren, was ihnen potenziell schadet?

Soziale Medien sind deutlich besser als Zigaretten. Sie haben unheimlich viele positive Nebenwirkungen. Wir können dort zum Beispiel Freundschaften pflegen und uns unterhalten lassen.

Also können wir dann mit den Nachteilen leben?

Nein, denn ich halte die derzeit dominanten sozialen Medien, wie etwa Facebook, Twitter und Youtube, in ihrer jetzigen Gestalt nicht für vereinbar mit unserem Ideal einer ­demokratischen Öffentlichkeit. Aber es ist ja kein Naturgesetz, dass soziale Medien immer auf Geschäftsmodellen beruhen müssen, die auf mehr User-Engagement zielen, um besser Werbung platzieren zu können.

Sollten sozialen Medien also non-profit sein?

Nicht zwingend, aber es muss Alternativen geben. Die Wikipedia oder selbst gehostete Weblogs gehen in die richtige Richtung. Und wir brauchen im weitesten Sinne öffentlich finanzierte Plattformen.

Ein öffentlich-rechtliches Facebook?

Ein öffentlich finanziertes Youtube würde für den Anfang bereits reichen. Es wäre der Versuch, die journalistisch-publizistische Öffentlichkeit im Internet zu finanzieren und als öffentliche Aufgabe zu begreifen, so wie die Stromversorgung.

Wie muss man sich das vorstellen?

Im Grunde wie Youtube auch. Es würde vielleicht Mediatheken von Sendern ähneln. Es wäre nur nicht auf Daten getriebene Werbung angewiesen.

Ist so eine Plattform realistisch?

Öffentlich-rechtliche Einrichtungen in Europa sprechen bereits darüber mit privaten Medienunternehmen. Die Umsetzung dauert jedoch lang. Aber auf lange Sicht müssen wir das ausprobieren.

Die Fragen stellte Eva Przybyla.

Info

Zur Person

Dr. Jan-Hinrik Schmidt (46) erforscht digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut in Hamburg.

Info

Zur Sache

Änderungen auf Twitter & Instagram

Seit vergangener Woche versteckt Instagram in sechs Testländern die Zahl der „Likes“ unter geposteten Beiträgen. Die Begründung: Follower sollen sich auf den Post konzentrieren und nicht auf die Zahl der Likes. Ebenfalls seit einer Woche testet Twitter in Kanada die „Hide Replies“-Funktion. So können Nutzer unliebsame Kommentare unter ihren Tweets für alle anderen Nutzer unsichtbar machen.

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