Ganz großes Kino

Wie YouTube die Medienwelt beeinflusst

YouTube ist nicht länger nur eine Spielwiese für Hobbyfilmer, sondern auch ein wichtiges Medium für die Unterhaltungsindustrie.
11.11.2011, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Freko
Wie YouTube die Medienwelt beeinflusst

Künftig wird es auf YouTube einen Kanal mit exklusiv für die Plattform produzierten Zeichentrickserien geben.

www.disney.de

YouTube ist nicht länger nur eine Spielwiese für Hobbyfilmer, sondern auch ein wichtiges Medium für die Unterhaltungsindustrie.

Lachende Babys, verrückte Haustiere, durchgeknallte Hobby-Stuntmen, selbsternannte Gesangstalente - auf YouTube sind sie alle zu finden. Seit die Videostreaming-Plattform 2005 an den Start ging, wurden unzählige Clips gepostet. Einige der Internetstars schafften es sogar, sich eine Karriere im echten Leben aufzubauen - beispielsweise Justin Bieber. Die Unterhaltungsbranche erkannte die Möglichkeiten, die YouTube bietet: Einige wegweisende Projekte deuten an, in welche Richtung sich der Dienst entwickeln könnte.

Längst laden nicht mehr nur Privatleute ihre Familienvideos, Comedy-Clips oder Konzertmitschnitte bei YouTube hoch. Auch Großkonzerne wie Disney erkannten das Potenzial des Dienstes - und machen es sich zunutze: Eben erst wurde bekanntgegeben, dass die Erfinder von Micky Maus und Co. Zeichentrickserien exklusiv für YouTube produzieren werden. Die Programme sollen auf einem eigenen Kanal laufen und durch Disney-Fernsehproduktionen und Uservideos ergänzt werden.

Disneys eigener Webauftritt wird derzeit überarbeitet, da die Verweildauer recht kurz ist und das Angebot als zu werbelastig empfunden wird - die Disney-Fans wanderten zuletzt vermehrt zu YouTube ab, wie die "New York Times" berichtet. "Es ist unerlässlich, dorthin zu gehen, wo unser Publikum ist", begründet der Vizepräsident von Disney Interactive, James A. Pitaro, den Schritt. Die Idee sei, "Disneys Vermächtnis des Geschichtenerzählens einer neuen Generation von Familien und Disney-Fans auf ihrer bevorzugten Plattform zugänglich zu machen." Daraus wird deutlich, welche Rolle das Web in der heutigen Medienlandschaft spielt: Nur, wer auch die virtuelle Welt im Blick behält, kann sich ein Bild davon machen, was die Zielgruppe will - und neue Möglichkeiten sowie ein erweitertes Publikum erschließen. Das Streamingportal selbst verspricht sich von der Kooperation hingegen mehr Glaubwürdigkeit in der Elterngeneration und neue Werbekunden.

Rund drei Milliarden Videos werden täglich bei YouTube aufgerufen, pro Minute laden Nutzer weltweit 48 Stunden Videomaterial hoch. Es ist anzunehmen, dass diese Statistik die Regisseure Ridley Scott ("Robin Hood") und Kevin Macdonald ("Der Adler der neunten Legion") zu ihrem einzigartigen Filmprojekt "Life In A Day" inspirierte.

Die beiden Hollywoodgrößen und ihr Team riefen YouTube-Nutzer im vergangenen Jahr dazu auf, ihr Leben am 24. Juli 2010 zu filmen und die Videos online zu stellen. Aus tausenden Clips filterten die Kreativen schließlich die bewegendsten, lustigsten und dramatischsten Momente heraus. Anschließend kombinierten die Filmemacher die Ausschnitte so, dass ein mehr oder minder stringenter Kinofilm entstand, der einen einzigen Tag aus der Perspektive von Menschen rund um den Globus zeigt - inklusive Geburt, Tod, Alltagsleben, Liebe, Streit.

Bereits zum Kinostart stand "Life In A Day" kostenlos auf YouTube zur Verfügung. Das Experiment lockte hierzulande dennoch rund 7.500 Besucher in die Kinos und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen: Nie zuvor wagte es ein Regisseur, einen Kinofilm aus von Internetnutzern generiertem Inhalt zusammenzustellen. Dabei entstand ein filmisches Abbild des Lebens mit all seinen Unwägbarkeiten, das zudem einen ungewöhnlichen Weg der Realisierung beschritt - ein kreativer Schachzug, der ohne die Möglichkeiten der Videostreaming-Plattform vielleicht nie umgesetzt worden wäre.

Dass indes Internetstars den Sprung ins Fernsehen oder auf die Leinwand schaffen, ist bei weitem nicht mehr so ungewöhnlich. Die niederländische Komikertruppe New Kids beispielsweise erlangte durch ihre Clips Popularität. Ihr derber Proleten-Humor begeisterte derart viele User, dass 2007 ein holländischer TV-Sender die Webserie ins Fernsehen holte. Seit 2010 ist die Chaotentruppe im deutschen TV auf Comedy Central zu sehen. Doch damit nicht genug: Mit "New Kids Turbo" kam der erste Spielfilm-Ableger in die Kinos. Immerhin rund 450.000 Fans verfolgten hierzulande die Eskapaden der Gang aus dem holländischen Hinterland. Eine Fortsetzung, "New Kids Nitro" (Start: 5. Januar 2012), steht bereits in den Startlöchern.

Ganz offensichtlich weiß YouTube um sein Potenzial als Partner der Unterhaltungsindustrie: Als Nächstes plant der Mutterkonzern Google, an die 100 Spartenkanäle mit ausnahmslos für Videostreaming-Portal produzierten Inhalten anzubieten und damit dem Internetfernsehen Konkurrenz zu machen. Das dürfte nicht das letzte Projekt des Dienstes sein.

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