Computerspielsucht als eigene Krankheit anerkannt

Zocken, bis der Arzt kommt

Computerspielsucht ist bald als eigene Krankheit anerkannt. Bremer Therapeuten und Sozialarbeiter begrüßen den Vorstoß, Kritiker warnen jedoch vor einer Stigmatisierung von Gamern.
04.07.2018, 18:17
Lesedauer: 3 Min
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Zocken, bis der Arzt kommt
Von Patrick Reichelt
Zocken, bis der Arzt kommt

Die Aufnahme von „Gaming Disorder“ in den Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation könnte in Zukunft die Behandlungsmöglichkeiten verbessern.

dpa

Spielt mein Kind zu viel am PC oder der Konsole? Ab wann wird es problematisch? Wo finde ich Hilfe? Diese oder ähnliche Fragen haben sich schon einige Eltern gestellt. Dank eines Vorstoßes der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommt das Thema Computerspielsucht nun neue Aufmerksamkeit. Exzessives Computer- oder Videospielen gilt nach Meinung der WHO nun demnächst offiziell als Krankheit. „Gaming Disorder“ nennen die Experten die psychische Störung.

Eileen Strupat von der Caritas in Bremen begrüßt das Vorhaben der WHO. „Es ist eine Chance, dass sich mehr Menschen damit auseinandersetzten“, sagt sie. Die Sozialarbeiterin ist in der Suchtberatung tätig und kümmert sich unter anderem um Menschen, die zu viel spielen. „Am Anfang kamen viele besorgte Eltern, mittlerweile kommen aber auch die Betroffenen selber zu uns“, sagt Strupat.

Ob jemand zu viel spiele, hängt laut der Expertin nicht immer nur von der reinen Spieldauer ab. „Es gibt Jugendliche, die vier Stunden am Stück spielen, ihr Leben aber trotzdem noch auf die Reihe bekommen.“ Problematisch werde es dann, wenn das Spielen zum einzigen Lebensinhalt wird. „Die Betroffenen vernachlässigen dann ihre Freunde, die Arbeit oder Schule. Oft kommt es auch zu Entzugserscheinungen.“

Nur kleiner Teil mit Suchtverhalten

Einige lernen in einer Therapie, ihr Verhalten zu kontrollieren. Michèle Sanner ist Therapeutin bei der Ambulanten Suchthilfe Bremen (ASH) und bietet dort eine Mediensucht-Sprechstunde an. Auch sie bemerkt einen gestiegenen Bedarf an Beratungs- und Informationsangeboten. „Die Betroffenen stützen ihr Selbstwertgefühl oft komplett auf das jeweilige Spiel und haben eine emotionale Bindung dazu“, sagt Sanner. Dem stimmt auch Strupat zu: „Häufig wollen sie durch das Spiel etwas kompensieren, etwa einen Mangel an Anerkennung, die sie in der Realität so nicht bekommen.“

Lange war „World of Warcraft“ das Spiel mit dem höchsten Suchtpotenzial. Neuere Spiele wie „League of Legends“, „Fortnite“ oder „Minecraft“ haben das Spiel aber mittlerweile abgelöst. Alle diese Games haben gemein, dass sie bevorzugt online gegen andere Mitspieler gespielt werden. „Zuallererst machen Spiele einfach Spaß“, sagt Sanner von der ASH. Der Großteil der Spieler könne auch normal damit umgehen. „Bei einem kleinen Teil kommt es jedoch zu problematischem Spielverhalten.“ Daneben gibt es vermehrt Betroffene, die exzessiv auf dem Handy spielen. „Das Handy entfaltet einen Sog und erinnert die Spieler ständig daran, weiterspielen zu müssen“, sagt Sanner.

In der Fachwelt ist es seit Jahren umstritten, ob exzessives Computerspielen eine eigenständige Erkrankung ist oder nur Ausdruck einer anderen psychischen Erkrankung, wie etwa einer Angststörung oder Depression. Kritiker wie der Psychologe Andrew Przybylski vom Oxford Internet Institute monieren, dass Spieler durch das neue Krankheitsbild grundlos als therapiebedürftig gebrandmarkt werden könnten.

„Es ist voreilig, eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten des digitalen Zeitalters zu pathologisieren“, sagt er. Das sieht auch der Verband der Deutschen Games-Branche so. „Eigentlich gesunde Kinder und Jugendliche könnten stigmatisiert werden, etwa weil ihre sich verändernde Medienrealität nicht verstanden wird“, sagt ein Sprecher.

Außerdem fehle eine wissenschaftliche Basis für eine Anerkennung als psychische Störung. Das frühe Erlernen von Medienkompetenz sei daher wichtig. Vladimir Poznyak vom WHO-Programm Suchtmittelmissbrauch widerspricht. Die Abgrenzung zwischen Spielspaß und Sucht sei klar definiert, sagt er. „Die Aufnahme in den Katalog dürfte weitere Forschung auf dem Gebiet stimulieren.“

Wunsch nach stärkerer Prävention

Eileen Strupat von der Caritas Bremen wünscht sich eine stärkere Prävention. „In der Schule sollte Medienkompetenz verstärkt vermittelt werden, etwa in einem eigenen Fach.“ Gleichzeitig müsse man aber auch die Eltern in die Verantwortung nehmen und sie besser informieren; viele Eltern wüsste etwa gar nicht, welche Spiele ihre Kinder genau spielen.

Die Aufnahme von „Gaming Disorder“ in den Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation könnte in Zukunft die Behandlungsmöglichkeiten verbessern. Der Katalog dient zum einen Ärzten als Hilfe bei der Diagnose. Zum anderen nutzen Krankenkassen ihn oft als Grundlage für Kostenübernahmen. „Das ist ein großer Fortschritt“, sagt Strupat. Derzeit gebe es in Bremen noch nicht genug Beratungsangebote, die speziell auf problematisches Spielverhalten ausgerichtet sind.

Die 11. Auflage des Katalogs, International Classification of Diseases (ICD), muss formell noch von der Weltgesundheitsversammlung im kommenden Frühjahr abgesegnet werden. Das gilt als Formalität. Der Katalog enthält Tausende Krankheiten und gilt als Leitlinie für Ärzte auf der ganzen Welt. Die 10. Auflage stammt aus dem Jahr 1992, wurde aber ständig aktualisiert.

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