Elefanten beobachten auf Safari

Durchs Schlafzimmer der Elefanten

Ein besonderes Projekt in Simbabwe zeigt, wie Safari-Tourismus Menschen und Tieren helfen kann.
30.01.2019, 13:42
Lesedauer: 4 Min
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Von Susanne Kilimann

Hwange. Noch steht die Sonne tief am Horizont, und auf den Blättern der Schirmakazien funkelt Morgentau. Vogelschreie dringen durch die noch Nachtkühle Luft. Die Reifen des Jeeps pflügen sich durch sandigen Boden. Nach kurzer Fahrt lässt die Gruppe das Buschland hinter sich und fährt in ein Waldgebiet, in dem die Blätter der uralten Zambesi-Teak-Bäume ein dichtes Dach bilden. „Willkommen im Schlafzimmer der Elefanten“, sagt Mark Butcher, ein drahtiger Endfünfziger mit schlohweißem Haar. Butcher ist Ranger und im Hwange-Nationalpark im Westen Simbabwes seit Jahrzehnten zuhause. „Im Schutz der Bäume, verbringen die Tiere die Nacht“, erzählt er.

Tatsächlich entdeckt die Gruppe bald die ersten grauen Rücken. Große und kleine. Es raschelt und knackt. Elefantenkühe und ihre Jungen machen sich an den Ästen zu schaffen, zermalmen Rinde, Holz und Laub und schauen zur Gruppe herüber. „Sie sehen uns aber nicht. Elefanten haben schlechte Augen und der Wind verrät uns nicht“, sagt Butcher. „Wenn Elefanten so friedlich mit den Ohren fächeln, sind sie völlig entspannt.“

Dass heute etwa 40 000 Elefanten im
Hwange-Nationalpark leben und jedes Jahr nur noch wenige Dutzend Tiere im Park Opfer von Wilderern werden, ist eine erfreuliche Entwicklung, an der auch Butcher Anteil hat. Als er vor knapp 30 Jahren als Ranger angestellt wurde, war Wilderei noch ein massives Problem in dem Gebiet, das bereits seit 1930 Nationalparkstatus hat. „In Gesprächen mit den Leuten hier ist mir bald klar geworden, dass harte Strafen für Wilderer allein keine Lösung sind “, sagt der weiße Simbabwer, der geboren wurde, als das Land noch Rhodesien hieß und britische Kronkolonie war. „Längst nicht alle, die einen Elefanten töten, tun das, weil sie mit Elfenbein das große Geld machen wollen“, sagt Butcher. Es gehe schlicht um Existenzängste. Die prekäre Situation sei der Tatsache geschuldet, dass Simbabwe ein Land ist, in dem es kaum Arbeitsplätze gibt, in dem circa 90 Prozent der Menschen vom Geldverkehr abgeschnitten sind. Die allermeisten Simbabwer bestreiten ihren Lebensunterhalt auch heute noch als Selbstversorger – sie halten ein paar Ziegen oder Kühe, bauen Mais und Bohnen für den Eigenbedarf an. „Und wo es immer mehr Menschen gibt, wird die Konkurrenz zwischen Tieren und Menschen stärker. „Denn wenn ein Löwe deine Ziege reißt, ein Elefant dein Maisfeld zertrampelt, ist das Tier dein Feind“, sagt Butcher. „Du willst das Tier töten, weil es deine Lebensgrundlage zerstört.“

Die Idee, dass sanfter Tourismus den Menschen am Rande des Nationalparks neue Perspektiven öffnen und so auch Wildtiere nachhaltig schützen könnte, hat den Ranger nicht mehr losgelassen. Um Mitstreiter zu finden, musste er viel Überzeugungsarbeit leisten „Damals, vor mehr als 20 Jahren, wusste hier niemand, was Tourismus ist und schon gar nicht, welchen Nutzen er bringen könnte.“ Schließlich konnte Butcher den nur wenige Jahre älteren Johnson Ncube für seine Idee gewinnen, einen Schwarzen, der damals gerade das Amt des Dorfältesten für eine Gemeinde am Rande des Hwange-Parks übernommen hatte. Ncube beriet sich mit den anderen Bewohnern. Schließlich stimmte man dem Plan zu, einen Teil des Gemeindelandes für ein Safari-Tourismus-Projekt zu verpachten. Auf dem Pachtland wurden Lodges gebaut, aus Bambus und Zeltplanen, keine schlichten Unterkünfte, sondern komfortable Refugien, in denen es Safaritouristen an nichts mangelt, weder an bequemen Kolonialstil-Himmel-Betten, noch an Wannenbädern oder Warmwasserduschen. Am Ende des Safaritages werden die Gäste mit exquisitem Essen verwöhnt und mit ausgezeichnetem Wein aus dem Nachbarland Südafrika. Als Investoren hat Butcher Simbabwer ins Boot geholt, die es als Unternehmer in Großbritannien zu Vermögen gebracht haben.

Das Projekt hat man „Imvelo“ genannt – in der Sprache, die Ncube und seine Leute sprechen, heißt das Natur. Ein Teil des Geldes, das die Touristen bringen, kommt seither den Dorfbewohnern zugute, fließt unter anderem in die Gemeindeschule, wo Sechs- bis 14-Jährige unterrichtet werden und ein kostenloses Mittagessen bekommen. „Weil wir bedürftigen Familien Zuschüsse zum staatlich verordneten Schulgeld zahlen, ist die Zahl der Schulabbrecher deutlich gesunken“, sagt Johnson Ncube, der inzwischen 65-jährige „Älteste“ des Dorfes. Stolz fügt er hinzu: „Einige unserer jungen Leute, in der Mehrzahl sind es junge Frauen, studieren heute.“ Noch wichtiger sei aber, dass inzwischen fast jede Familie jemanden hat, der bei Imvelo arbeitet – in der Küche, im Service oder als Ranger, der mit Gästen auf Safari geht. „Wenn jetzt mal ein Elefant die Ernte zertrampelt, ist das keine große Katastrophe mehr. Dann können wir auch mal auf dem Markt in der Stadt Mais und Bohnen kaufen“, sagt Ncube.

Eine ungetrübte Erfolgsstory ist das
Imvelo-Projekt dennoch nicht. Unter der Herrschaft des langjährigen Präsidenten Mugabe, der nach der Befreiung von der Kolonialmacht als Hoffnungsträger angetreten war, dann aber als korrupter Despot das Land regierte, kam es zu gewaltsamen Enteignungen weißer Farmer. Viele Weiße flüchteten aus dem Land. Touristen, vor allem britische, blieben jahrelang fern.

Seitdem Mugabe 2017 abgesetzt wurde, steigen die Buchungszahlen allerdings wieder. Butcher gibt sich optimistisch. „Mit viel Anstrengung kann dieses Land eine gute Zukunft haben, und ich hoffe sehr, dass auch meine Töchter ihren Kindern dieses Paradies eines Tages noch zeigen können“, sagt er als die Gruppe später am Tag im Erdloch-Versteck an einer der größten Wasserstellen steht. Plötzlich bedeutet er ihr zu schweigen. Eine große Elefantenherde nähert sich. Kurz darauf tauchen Dutzende große und kleine Rüssel ins Wasserloch.

Info

Zur Sache

Safari in Afrika

In Deutschland hat der Bremer Spezialveranstalter Ajimba African Tours, www.ajimba.com die Imvelo-Safaris im Programm, 13 Tage (inklusive Flug ab Frankfurt, Nachtzug ab Victoria Falls, Vollpension und Safaris) ab 4975 Euro.

Beste Reisezeit: Im April und Mai, dann ist die Natur im Hwange Nationalpark nach der Regenzeit sehr grün, die Hitze mäßig (Mittagstemperaturen um 30 Grad Celsius, geringes Mückenaufkommen).

Reisevorbereitung: Malariaprophylaxe, Impfberatung durch das Tropeninstitut.

Weitere Informationen zu Imvelo Safari Lodges gibt es im Internet auf der deutschsprachigen Webseite www.imvelosafarilodges.com.

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