Draht und Esel

„Ein pures Vergnügen“

Ingo Trauer und sein französisches Postrad verbinden 20 gemeinsame Jahre. Zuvor hat er seine Räder immer auf dem Flohmarkt gekauft. Das Postrad ist aber längst nicht das einzige Exemplar in Trauers Garage.
26.05.2019, 05:42
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus
Das erste Mal auf zwei Rädern

Das war etwa 1947 in Oelsnitz im Vogtland, da war ich sieben, acht Jahre alt. Damals musste ich die Beine durch den Rahmen eines alten Herrenrades von meinem Großvater stecken, um die Pedalen zu erreichen. Das Fahrrad habe ich mir mit meinem jüngeren Bruder geteilt. Damals, in der Nachkriegszeit, war es mein Wunsch, Fahrrad zu fahren, um mich in der Gegend bewegen zu können. Zuerst schlingerte ich etwas, aber Stürze hat es keine gegeben. Vielleicht bin ich mal beim Aufsteigen umgefallen, aber das sind ja in dem Sinne keine Stürze.

Das aktuelle Fahrrad

Das ist mein Alltagsrad, ein französisches Postrad, das mir auf verschlungenen Wegen vor ungefähr 20 Jahren angeboten worden ist. Da habe ich zugeschlagen, weil es mich an den Film von Jaques Tati, „Tatis Schützenfest“, erinnert hat. Vorher hatte ich immer nur Gurken vom Flohmarkt. Ich habe durch meinen Korb vorn Übersicht darüber, was ich transportiere, außerdem ist es ein angenehmes Fahren. Man kann leicht aufsteigen, die Seitentaschen der Post und die Gangschaltung habe ich abmontieren lassen: In Bremen braucht man keine Schaltung. In der Stadt muss ich nicht von A nach B in einer gewissen Zeit. Das Fahrrad ist gewissermaßen mein Rad für den Dienstgebrauch. Ich fahre auch immer noch ein Rennrad, aber nicht mehr in der Gruppe, sondern nur noch für mich. Das Rennrad ist ein Rad der Marke „Eddy Merckx“, damit mache ich bei besserer Witterung Tagestouren und im Winter mit „starrer Nabe“ kleine Ausflüge.

Die schönste Tour

Ich bin zum Beispiel jeden Alpen- und Pyrenäenpass gefahren, alle mit meinem Bruder Jens. Alpes d´Huez etwa oder auf den Puy de Dômes. Das sind auch persönliche Erfolge. Wir sind von Bremen nach Gibraltar gefahren, das waren 3714 Kilometer und 4270 Kilometer bis zum Bosporus nach Istanbul. Eine 3120 Kilometer lange Marokko-Rundfahrt gab es auch. Und wir haben Argentinien, Bolivien und Peru durchquert, über die Anden, 5047 Kilometer waren das. Und auch viele Tagestouren, nach Stralsund zum Beispiel. Die habe ich mal in zwei Tagen, mal in drei Tagen geschafft, je nachdem, wie der Wind stand.

Die Vorgängermodelle

Das waren immer nur Räder vom Flohmarkt. In der Stadt braucht man nichts anderes. Das ist ja auch das Bequeme am Fahrrad: Man kann anhalten, wenn man jemanden trifft, das kann man mit dem Auto oder dem Motorrad nicht. Und man hat einen gewissen Aktionsradius.

Der letzte Diebstahl

Überhaupt der einzige Diebstahl: Das war in den Neunzigerjahren und nur Stunden, nachdem ich das Fahrrad auf dem Flohmarkt gekauft habe. Ich habe es vor meiner Druckerei in der Friesenstraße nur kurz am Gitter angelehnt, um einen Karton herauszuholen. Und als ich wieder rausgekommen bin, war es weg. Diebe hat man vor nicht allzu langer Zeit noch gevierteilt.

Der ausgefallenste Fahrradschmuck

Habe ich nicht. Das ist ja ein Fortbewegungsmittel.

Die am häufigsten gefahrene Strecke

Täglich zum Wochenmarkt auf den Domshof und zum Medienhaven im Steintor. Mit dem Inhaber bin ich befreundet, er macht traditionellen und digitalen Druck. Und auf Umwegen zu Flohmärkten.

Der schlimmste Unfall

Ich hatte noch gar keinen Unfall. Das ist alles an mir vorbeigegangen. Durch Training bin ich daran herangeführt worden, dass man weit im Voraus denkt und beim Fahren die Übersicht behält. Ich will zwar nicht ausschließen, dass mir das auch passieren kann, aber das habe ich verinnerlicht.

Fahrer französischer Postfahrräder sind…

...gemütlich, friedlich und freundlich. Ich scheue mich auch nicht, anzuhalten und jemanden über die Straße zu lassen. Ein defensives Verhalten.

Ich fahre gerne Fahrrad, weil…

...es ein pures Vergnügen und für mich Normalität ist. Denn es gibt auch den Müßigfahrer. „Fahr nicht so schnell“, wie meine Oma mir immer nachrief. Dafür bin ich vielleicht ein schlechter Fußgänger, weil ich fast jeden Weg mit dem Fahrrad mache.

Fahrradfahren in Bremen ist…

Wir sind noch lange keine Fahrradstadt. Auch, wenn sich das einige aus Profilsucht anmaßen. Wenn man sich im Ausland umschaut, im Norden und im Westen, da ist die Mentalität eine andere. Belgien zum Beispiel oder die Niederlande und Dänemark, Schweden und Norwegen, da sind sie rücksichtsvoller, auch im Autoverkehr. Bremen kann da nichts machen, um fahrradfreundlicher zu werden: Die Rücksichtnahme, darauf kommt es an. Das ganze Regelwerk hilft nichts, wenn die Haltung nicht stimmt und das eigene Wollen nicht da ist.

Die Fragen stellte Matthias Holthaus.

Info

Zur Person

Ingo Trauer

ist 79 Jahre alt und stammt aus Oelsnitz/Vogtland in Sachsen. Seit 1959 lebt der gelernte Drucker in Bremen. Er ist der Erfinder des legendären „Beatclub“-Logos, später kreierte er auch das „Musikladen“-Zeichen. Als Art-­Director bei „United Artists“ gestaltete er diverse Album-Cover für ­verschiedene Krautrockbands wie Can, Amon Düül oder Popol Vuh, anschließend war er noch für das Musiklabel RCA in Hamburg tätig. Bis 2006 unterhielt er eine Druckerei und einen Verlag in der Friesenstraße, lange Jahre war er auch Vorsitzender der „Radrenngemeinschaft Bremen“ (RRG). Heute bezeichnet sich Ingo Trauer als Privatier.

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