Confidencen - ein schwedisches Theaterwunder

Ein schwedisches Theaterwunder

Mit dem „Confidencen Opera & Music“-Festival hat der künstlerische Leiter Olof Boman ein Wunder an Opernpoesie geschaffen. Premiere war diesen Sommer in der Nähe von Stockholm.
30.09.2019, 14:34
Lesedauer: 6 Min
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Ein schwedisches Theaterwunder
Von Sigrid Schuer

Erbaut wurde Stockholm auf 14 Inseln, und die Stadt hat viele spannende Geschichten zu erzählen. Wie diese – die Geschichte des Triumphs der Schönheit über Dummheit und Kulturlosigkeit. Sie erzählt von Confidencen, Schwedens ältestem Rokokotheater, erbaut 1753. Als die preußische Prinzessin Lovisa Ulrika aus dynastischen Gründen 1744 nach Schweden verheiratet wurde, bekam sie zwei Morgengaben geschenkt, um sie milde zu stimmen. Schloss Drottningholm und das Sommerschloss Ulriksdal in Solna nahe Stockholm samt den dazugehörigen Schlosstheatern. Wobei das so nicht ganz korrekt ist, Confidencen wurde ursprünglich 1670 als Reithalle vor den Toren Ulriksdals erbaut. Nach der Ermordung von Lovisa Ulrikas Sohn, König Gustav III., wie seine Mutter ein Liebhaber der schönen Künste, wurde das Rokokotheater schließlich ausgeweidet und als Partylocation missbraucht. Doch bis die Kulturlosigkeit Einzug in Confidencen hielt, brachte die preußische Prinzessin ihr Theater zum Blühen. Lovisa Ulrika war genauso den schönen Künsten zugewandt wie ihr Bruder, der Preußenkönig Friedrich der Große.

Ein Wunder von Opernpoesie

Erst vor wenigen Jahren wurde das Schlosstheater, dessen Interieur die Aura eines Palladio-Baues verströmt und doch von dem schwedischen Architekten Carl Fredrik Adelcrantz konstruiert wurde, wieder zum Blühen gebracht. Die berühmte schwedische Primadonna Kjerstin Dellert entdeckte das im Innern völlig zerstörte Theater 1976 bei einem Besuch von Schloss Ulriksdal. In jahrelanger Sisyphosarbeit weckte sie es erneut aus dem Dornröschenschlaf, krempelte die Ärmel hoch, griff selbst zu Besen und Schrubber und überzeugte schließlich amerikanische Sponsoren von ihren Rettungsplänen. Ihr war es allerdings nicht mehr vergönnt, die diesjährige Premiere des von dem künstlerischen Leiter Olof Boman völlig neu konzipierten Festivals Confidencen Opera & Music zu erleben. Kjerstin Dellert starb 2018. Der Dirigent verliebte sich wie Dellert auf den ersten Blick in das zauberhafte Rokokotheater, das mit diesem erlesenen Festival durchaus eine ernsthafte Konkurrenz für sein größeres, ein Jahr älteres Pendant in Drottningholm werden kann. Kjerstin Dellert hätte mit Sicherheit ihre helle Freude an diesem Wunder von Opernpoesie gehabt, die sich quasi hautnah in der intimen Theaterarena von Confidencen mit allen Sinnen erfahren lässt.

Das gilt für Händels 1718 uraufgeführte Pastoraloper „Acis und Galatea“, für die die junge dänische Regisseurin Tine Topsøe alle Register eines barocken Theaterzaubers sondergleichen zieht, der das Publikum zu Tränen rührt. In einem paradiesischen Garten wird die Geschichte des antiken Liebespaares erzählt, das selbst der Tod nicht trennen kann. Galatea verwandelt ihren tödlich verwundeten Geliebten in die Fluten eines Flusses, in denen sie badet. Wunderbar auch die von Händel 1739 komponierte „Ode for St. Cecilia’s day“, auch diese unter der beseelten Leitung von Olof Boman. Die lose stehenden, fein gedrechselten, hellen Holzstühle werden aus der Theaterarena geräumt und schon können sich Gesang, Musik und Tanz auf das Schönste entfalten – gemäß Pythagoras’ Theorie, dass Musik die treibende Kraft bei der Erschaffung der Welt war. Im Zuschauerraum sind kleine Inseln verteilt, zwischen denen das Publikum flanieren und den Künstlern dabei ganz nahe sein kann. Aber auch der idyllische Schlosspark wird bespielt, etwa die Orangerie mit dem maßgeschneiderten, mediterran angehauchten Programm „Unter Apfelsinenbäumen“.

Gast vom Theater Bremen

Boman hat ein handverlesenes Ensemble zusammengestellt, das sich trotz seiner relativen Jugend nicht nur in Skandinavien, sondern auch europaweit bereits einen Namen gemacht hat. Und mit Hyojong Kim singt ein Gast vom Theater Bremen die männliche Hauptrolle des Acis mit betörender Stimmschönheit. Olof Boman arbeitete als ständiger erster Gastdirigent mehrere Jahre mit dem koreanischen Tenor an der Bremer Oper unter anderem in Rossinis „Barbier von Sevilla“ und Donizettis „Lucia di Lammermoor“ höchst erfolgreich zusammen. In „Acis und Galatea“ tritt das ungemein inspiriert aufspielende Orchester mit seinem Maestro wie das restliche Ensemble auch in Kostümen des 18. Jahrhunderts auf. Und der ist ganz Musik, mal dirigiert er mit geschlossenen Augen, um gleich darauf mitzusingen. Apropos mitsingen: Schon in der Opernmatinée zu Purcells „Fairy Queen“ am Theater am Goetheplatz brachte er mit seinem Enthusiasmus das dezent vor sich hinfröstelnde Bremer Publikum zum Singen. Die Schweden lassen sich dagegen nicht lange bitten. Und so wird am letzten Festivaltag bei „Allsång“ leidenschaftlich mitgesungen, ganz so, wie das bei unseren Nachbarn im hohen Norden üblich ist.

Der Dirigent moderiert das gemeinsame Singen locker-flockig, stellt musikalische Querverbindungen her und setzt sich schließlich an den Flügel, um temperamentvoll den Ton anzugeben. Und so wird in der Arena fröhlich und mit großer Begeisterung gesungen: „Sånt är livet“ – „So ist das Leben“, mit all seinen Ängsten und Sorgen, aber auch mit seiner Freude und Schönheit, wie Boman später sagen wird. Und die ist an diesem ausgelassenen Nachmittag deutlich zu spüren. „Schwedische Folklore und Barock haben eine enge gemeinsame Verbindung“, betont der künstlerische Leiter. Die universale Sprache der Musik ist keineswegs eine überstrapazierte Phrase, denn sie ist in Confidencen höchst lebendig zu erleben. „Von anderen Kulturen leihen und lernen wir“, betont der Dirigent und fügt mit Nachdruck hinzu: „So muss es sein, so soll es sein, so wird es sein, gerade in Zeiten wie diesen!“ Und so sind in der schwedischen Volksmusik, wie in Evert Taubes Lied „Fritiof och Carmencita“ ungestüme Tangoeinflüsse zu hören.

Am schönsten und idyllischsten ist der Weg nach Confidencen mit einer etwa anderthalbstündiger Theaterkreuzfahrt der Reederei Strömma von der Anlegestelle Strandvägen im noblen Östermalm aus. Gemächlich gleitet das Schiff zunächst an den Sehenswürdigkeiten Stockholms wie dem Vasa-Museum vorüber, um dann viele kleine Schwedenhäuser zu passieren. Dabei können die Passagiere köstliche Schwedenhappen mit einem Glas Wein genießen. Es geht aber auch schneller, per Tunnelbana (U-Bahn) und Bus.

Spektakulärer Ausblick auf die Lichterkulisse Stockholms

Als idealer Ausgangspunkt für alle Stockholm-Touren, auch nach Ulriksdal, erweist sich das gerade vor kurzem frisch renovierte Hotel Radisson Blu Royal Viking, das direkt am Hauptbahnhof liegt. Vom Flughafen
Arlanda fährt der Schnellzug in 20 Minuten zum Bahnhof. Der von der Reise leicht erschöpfte Gast wird in der eleganten Lobby des Viersternehotels, deren Wände moderne Kunst und historische Fotografien zieren, mit kleinen Aufmerksamkeiten willkommen geheißen: Zitronenwasser, Himbeerbonbons und Keksen. Das setzt sich in den Zimmern mit frischen Beeren und Schokoküchlein fort. Auch Tee und Kaffee kann sich der Hotelgast selbst zubereiten, bevor er sich nach einem erlebnisreichen Tag in sein Kingsize-Bett fallen lässt. Sofern es ihm denn gelungen ist, die auf Hochsommer eingestellte Klimaanlage zu überlisten.

Die Suiten verfügen sogar über eigene Privatterrasse mit traumhaftem Ausblick über Stockholm. An manchen Hochsommertagen herrscht in der schwedischen Kapitale zuweilen echtes Wikinger-Wetter. Wer darob lieber einen Tag im Hotel verbringen möchte, et voilà, kein Problem: Im Untergeschoss befindet sich beispielsweise ein bestens ausgestattetes Fitnessstudio samt Jacuzzi und Pool, in dem auch Wassergymnastik angeboten wird. Das reichhaltige Frühstücksbuffet mit skandinavischen Spezialitäten lässt keinen Spezialwunsch offen. Abends können sich die Gäste im Restaurant Stockholm Fisk mit Fischspezialitäten, aber auch Tapas verwöhnen lassen. Neben der edel ausgestatteten Bar im Parterre ist für Nachtschwärmer vor allem der Besuch der Sky Bar im neunten Stock ein absolutes Muss. Sie hat am Wochenende bis 2 Uhr morgens geöffnet. Bei kleinen Snacks und großen Cocktails lässt sich das süße Leben mit spektakulärem Ausblick auf die Lichterkulisse Stockholms genießen.

Zur absoluten Lieblingsorten avanciert das Tegelbacken mit Blick aufs Wasser. Die mittelgroßen, raffinierten Speisen, die dem Gast in der Weinbar mit angegliedertem Restaurant mit einer Freundlichkeit und Zugewandtheit sondergleichen kredenzt werden, sind exquisit. Es ist zu spüren, dass dort mit viel Liebe gearbeitet und gekocht wird. Zum kulinarischen kommt der optische Genuss, der Blick über die Brücke Vasabron, deren Lichter sich in der blauen Stunde im Norrström spiegeln. Die Verbindung zur zauberhaften Gamla Stan, der Altstadt mit ihren vielen kleinen, individuellen Geschäften und dem riesigen Palast des schwedischen Königshauses.

Das Sahnehäubchen ist das Interieur des Tegelbacken, in das sich der Gast am liebsten
hineinkuscheln könnte: Roséfarbene und rote Fauteuils, im dezenten Licht erstrahlen eine Fülle irisierender, schillernder Muranoglas-Pompons. Vällkommen till Stockholm!

Die Reise wurde unterstützt von Primus Communications.

Info

Zur Sache

Stockholm

Anreise: Vom Flughafen Bremen gibt es keine direkte Flugverbindung nach Stockholm. Wer nicht fliegen möchte, reist per Zug über die
Vogelfluglinie über Malmö und dann weiter nach Stockholm.

Übernachtung: Das Radisson Blu Royal Viking Vasagatan 1, 11120 Stockholm liegt am Hauptbahnhof, mitten im Herzen der Stadt. Eine Nacht im Doppelzimmer kostet ab 125 Euro, der Durchschnittspreis liegt bei 180 Euro. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.radissonhotels.com/de-de.

Das Musikfestival: Die nächste Ausgabe von Confidencen findet vom 30. Juli bis 22. August 2020 statt. Weitere Informationen über das Festival gibt es unter www.confidencen.se. Im Menü kann man sich die Seite auch auf Englisch anzeigen lassen.

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