Bremen Elektrisch fliegen

Auf den ersten Blick erinnert die Maschine ein wenig an zwei Segelflugzeuge, die über jeweils eine Tragfläche miteinander verbunden sind; dort, in der Mitte zwischen ihnen, ist ein Propeller platziert: Das ungewöhnliche Flugzeug, in dessen beiden Kabinen insgesamt vier Menschen Platz finden, ist das weltweit erste viersitzige Passagierflugzeug mit Brennstoffzellentechnik. Entwickelt wurde das Hybridflugzeug vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Universität Ulm.
27.12.2016, 00:00
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Von Martin Schäfer

Auf den ersten Blick erinnert die Maschine ein wenig an zwei Segelflugzeuge, die über jeweils eine Tragfläche miteinander verbunden sind; dort, in der Mitte zwischen ihnen, ist ein Propeller platziert: Das ungewöhnliche Flugzeug, in dessen beiden Kabinen insgesamt vier Menschen Platz finden, ist das weltweit erste viersitzige Passagierflugzeug mit Brennstoffzellentechnik. Entwickelt wurde das Hybridflugzeug vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Universität Ulm. Sein Erstflug am 29. September gehörte aus wissenschaftlicher Sicht zu den besonders bemerkenswerten Ereignissen im Jahr 2016.

Gleich drei Gründe sprächen für das elektrische Fliegen, erklärte Professor André Thess vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart: Ein Elektromotor sei effizienter als der klassische Verbrennungsmotor; elektrisches Fliegen produziere keine Emissionen; und es sei wesentlich leiser. HY4 heißt das Flugzeug, ausgesprochen „Haifor“, wobei die 4 für die Zahl der Passagiere steht. HY dient als Abkürzung für den Treibstoff Wasserstoff. In einem Teil des Doppelrumpfs befindet sich der Wasserstofftank. Der Wasserstoff füttert eine Niedertemperatur-Brennstoffzelle, eine sogenannte PEM, die durch eine katalytische Reaktion aus Wasserstoffgas mit dem Luftsauerstoff elektrischen Strom erzeugt. Übrig bleibt als „Abgas“ nur Wasserdampf. Ein Hochleistungsakku auf Lithium-Basis sorgt für zusätzlichen Schub beim Abheben, Steigen und Fahrt aufnehmen. Der Clou dabei: Beim Abbremsen oder im Sinkflug kann Bewegungsenergie wieder in elektrische Ladung der Batterie zurückgespeist werden. Fachleute nennen das Rekuperation. HY4 erreicht eine Reisegeschwindigkeit von 145 Kilometern pro Stunde. Die Reichweite beträgt 700 bis 1500 Kilometer.

„Wir wollen testen und Erfahrungen sammeln“, sagte der Chefentwickler Josef Kallo. Hinter der Arbeit stehe auch das Ziel zu zeigen, wie ein regionaler Flugverkehr in Zukunft aussehen könnte. Die Visionen der Forscher erstrecken sich auf zwei Bereiche. Zum einen geht es allgemein um das Potenzial des elektrischen Fliegens, zum anderen um den Beitrag elektrischer Flugzeuge zum Regionalverkehr der Zukunft. Derzeit scheint kein Forscher ernsthaft daran zu glauben, einen Transatlantikflug mit Hunderten Passagieren elektrisch bewerkstelligen zu können. In den nächsten 20 bis 30 Jahren seien aber Flugzeuge mit 40 bis 80 Passagieren denkbar, sagte Thess. Die Forscher befassen sich mit verschiedenen Antriebssystemen, die auch vom Auto bekannt sind: rein elektrisch, E-Motor mit Brennstoffzelle und Wasserstofftank sowie andere Hybridvarianten mit Batterie und Verbrennungsmotor. Eine zentrales Motiv ist für die Wissenschaftler das Ziel, die globale Erwärmung einzudämmen. Fachleute gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Flugverbindungen weiter zunehmen wird. Deshalb kommt es darauf an, mit neuen technischen Lösungen zu verhindern, dass auch die Emissionen zunehmen.

Forscher wie Kallo denken bei ihrer Arbeit zwar nicht an Langstreckenflüge, wohl aber an Flüge von Stuttgart nach Verona oder Saarbrücken nach Bacelona. Auch elektrische Linien zwischen Regionalflughäfen halten die Experten für vorstellbar. In Deutschland gibt es rund 60 regionale und internationale Flughäfen. Ein Konzept sieht vor, dass die internationalen Flughäfen weiter als sogenannte „Hubs“, das heißt als Verteilstationen, dienen. Über diese Hubs könnten die Regionalflughäfen elektrisch bedient werden. Dies könnte nach Angaben der Forscher nicht nur zur Wiederbelebung solcher Flughäfen beitragen, sondern auch den Straßenverkehr entlasten.

Die Entwickler betrachten HY4 lediglich als Testmodell. Das nächste Modell könnte nach ihrer Darstellung schon sechs bis acht Personen befördern – dann allerdings in der üblichen zigarrenförmigen Kabine. Für das neue Jahr sind Demonstrationsflüge geplant, die eine Vorstellung vom regionalen Flugverkehr der Zukunft vermitteln sollen. Möglicherweise wird das viersitzige Passagierflugzeug HY4 dann auf mehreren bundesdeutschen Flughäfen zu sehen sein.

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