Im neuen Jahr wollen viele Menschen auf Zigaretten verzichten – aber auch Nikotinkaugummis haben Tücken

Erst rauchen, dann kauen

Berlin/Bremen. Dreimal in der Woche bricht Chris Meyer* mit seiner Gewohnheit. Dann greift er nach dem Frühstück nicht zu seinen Kaugummis, sondern packt die Sporttasche und geht schwimmen.
01.01.2017, 22:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Michel Winde
Erst rauchen, dann kauen

Im Land Bremen rauchten laut Tabakatlas 2015 etwa sieben Prozent mehr Männer als in Baden-Württemberg.

Robert Schlesinger, dpa

Berlin/Bremen. Dreimal in der Woche bricht Chris Meyer* mit seiner Gewohnheit. Dann greift er nach dem Frühstück nicht zu seinen Kaugummis, sondern packt die Sporttasche und geht schwimmen. An diesen Tagen merkt er, dass seinem Körper etwas fehlt.

Nach dem Bahnenziehen hat der Entzug ein Ende: Meyer drückt einen Kaugummi aus der Packung und schiebt ihn in den Mund. Der 44-Jährige hat 25 Jahre lang fast durchgehend geraucht. Seit knapp fünf Jahren kaut er Nikotinkaugummis. „An meiner Sucht hat sich überhaupt nichts geändert“, sagt er.

Für das neue Jahre haben sich viele Menschen vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Einige greifen darum statt zur Zigarette zum Nikotinkaugummi, manche bleiben daran hängen. Wie viele Menschen betrifft das? Und wie gefährlich ist die Sucht nach den Nikotinkaugummis?

Besonders viele Raucher in Bremen

Der Anteil der Raucher in Deutschland geht laut Tabakatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums zurück. Dennoch wird weiterhin viel geraucht – im Ländervergleich ist die Zahl der Raucher in Bremen sogar mit am höchsten. Hier liegt der Raucheranteil bei Männern ab 18 Jahren laut Tabakatlas 2015 bei 34,1 Prozent, bei Frauen bei 23,2 Prozent.

In Niedersachsen rauchen 29,9 Prozent der Männer und 21,2 Prozent der Frauen. In Baden-Württemberg sind es deutlich weniger: 26,9 Prozent der Männer und 18,8 Prozent der Frauen. Auch hinsichtlich der Sterberate liegt das Land Bremen weit vorne. „Hier sterben 23 Prozent der Männer und elf Prozent der Frauen an den Folgen des Rauchens“, schreiben die Experten im Tabakatlas. In Niedersachsen sind es etwa 20 beziehungsweise acht Prozent.

Zigarettenkonsum stellt in den Industrieländern eine der größten Gesundheitsrisiken dar. Viele Menschen steigen deshalb auf Ersatzprodukte um. Doch Chris Meyer kaut wie er geraucht hat: zum Kaffee, beim Telefonieren, nach dem Essen. „Ich bin eigentlich Kettenkauer geworden“, sagt er.

Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ist die Erfolgsaussicht entwöhnungswilliger Raucher, die es mit einem Nikotinersatz versuchen, eineinhalb bis zweieinhalb mal höher als bei der Behandlung mit einem Placebo. Nikotinkaugummis sollten fachlichem Rat zufolge sechs bis zwölf Wochen eingesetzt werden. Es gibt sie in den Stärken zwei und vier Milligramm Nikotin. Mit dem Rauch einer Zigarette geraten 0,5 bis 1,5 Milligramm Nikotin ins Blut.

Suchtgefahr höher als bei Pflaster

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schreibt, das Risiko, von Nikotinkaugummis abhängig zu werden, werde als eher gering eingeschätzt. Generell hänge die Sucht-Wahrscheinlichkeit davon ab, wie schnell das Nikotin im Gehirn freigesetzt wird, erklärt Anil Batra, Leiter der Sektion Suchtforschung und Suchtmedizin an der Universitätsklinik Tübingen.

„Je schneller ein Suchtmittel im Gehirn ankommt, desto höher ist die Suchtpotenz“, sagt auch Tobias Rüther, der die Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München leitet. Das Pflaster wirke nach 15 Minuten über mehrere Stunden verteilt, das Nasenspray schnell bei akutem Verlangen. Beim Kaugummi dauere es fünf bis sieben Minuten, bis die Wirkung einsetzt. Die Geschwindigkeit des Zigarettenkicks werde von keinem Präparat geschlagen.

Raucher sind körperlich und psychisch abhängig. Nikotinhaltige Ersatzprodukte sollen den körperlichen Entzug hemmen. Beim Kaugummi geht das so: Man kaut sechs, sieben Mal, bis ein pfeffriger Geschmack entsteht. Dann parkt man den Kaugummi in der Backentasche, bis der Geschmack nachlässt. In der ersten Woche tariert der Raucher aus, wie viele Kaugummis er braucht, damit Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Nervosität oder Schlafstörungen nicht auftreten, dann wird die Dosis Stück für Stück reduziert.

Experten plädieren für eine fachliche Beratung während des Rauchstopps. Im Fachbuch „Toxikologie“ von Hans Marquardt heißt es: „Etwa 80 Prozent der Raucher, die sich entschlossen haben, ohne fremde Hilfe das Rauchen aufzugeben, werden bereits innerhalb eines Monats wieder rückfällig und weniger als zehn Prozent bleiben über ein halbes Jahr hinaus abstinent.“

Die Nebenwirkungen von Nikotinkaugummis sind nach bisherigem Kenntnisstand eher gering. Beim Rauchen ist ohnehin weniger das Nikotin das Gefährliche. Der Tabakrauch enthält mehrere Tausend Substanzen, die beim Inhalieren in den Körper geraten – mindestens 50 sind krebserregend, weitere 50 gelten als chemische Gifte. All das fällt bei den Kaugummis weg. Von einem langfristigen Konsum raten Experten dennoch ab, weil die Folgen kaum erforscht seien. Laut Packungsbeilage treten bei einem von zehn Konsumenten Kopfschmerzen, Husten, Schluckauf, Übelkeit und Reizungen von Mund oder Hals auf.

Tobias Raupach, der die Tabakentwöhnungsambulanz in Göttingen leitet, nennt Aufstoßen und Sodbrennen als Nebenwirkungen, Rüther von der Spezialambulanz in München verweist bei erhöhtem Nikotinkonsum auf Herzschlagerhöhung und Gefäßverengung.

Chris Meyer hat für sich noch keine körperlichen Beeinträchtigungen durch das jahrelange Kaugummikauen ausgemacht. Was er tun könnte, um irgendwann doch noch mit seiner Gewohnheit zu brechen – und nicht rückfällig zu werden? Raupach empfiehlt eine fachliche Beratung. Rüther schlägt vor, immer wieder ein Kaugummi durch ein normales zu ersetzen und den Konsum so zu reduzieren.

Ernsthaft versucht aufzuhören, hat Meyer noch nicht. Dabei wäre es ihm schon lieber, nicht von dem Nervengift abhängig zu sein. Seinen „Stoff“ kauft er immer in den gleichen zwei Apotheken. „Eigentlich warte ich darauf, dass ein Apotheker mal sagt: ,Was machen Sie eigentlich, das ist ja Medikamentenmissbrauch.‘“


* Der Name wurde auf Wunsch des Betroffenen geändert.

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