Umfrage des ADFC

Radfahrer vergeben schlechte Noten

Radfahren boomt in der Corona-Pandemie. Doch nicht alle Gemeinden sind gut gerüstet. Lilienthal und besonders Worpswede schneiden laut einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) schlecht ab.
18.03.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Irene Niehaus
Radfahrer vergeben schlechte Noten

Während Radler Bremen loben und Lilienthal zumindest durchschnittlich bewerten, ist ihr Urteil über Worpswede vernichtend.

Maurizio Gambarini/DPA

In Sachen Fahrradfreundlichkeit schneidet Lilienthal nicht gerade gut ab. Die Gemeinde belegt im ADFC-Fahrradklima-Test bei den Orten bis 20.000 Einwohnern das mittlere Feld. Fast ganz unter strampelt sich Worpswede ab. Das Künstlerdorf liegt bundesweit auf dem 397. Platz unter 418 Orten seiner Kategorie. Auf Niedersachsen bezogen bedeutet das den letzten Platz bei 35 teilnehmenden Gemeinden, für Lilienthal mit Platz 18 genau die Mitte.

Lilienthal bekommt eine 3,75, Worpswede nur eine 4,43: Die Noten für die beiden Kommunen haben sich weiter verschlechtert. Damit sind sie weit entfernt von der Position als Top-Fahrrad-Gemeinde wie Wettringen. Der Ort im Kreis Steinfurt eroberte im neuen Ranking des ADFC in der Kategorie der Städte unter 20.000 Einwohner Platz eins. Überhaupt bleibt das Münsterland Vorzeigeregion in Sachen Radverkehr.

Die aktuellen Zahlen präsentierte jetzt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Für den Fahrradklima-Test 2020 sind im vergangenen Herbst insgesamt mehr als 225.000 Menschen bundesweit befragt worden. Dabei wurden 1024 Städte und Gemeinden in verschiedenen Größenklassen bewertet. Laut ADFC ist es die größte Umfrage zur Zufriedenheit von Radfahrern weltweit. Der alle zwei Jahre zusammen mit dem Bundesverkehrsministerium erhobene Fahrradklima-Test ist zwar nicht repräsentativ, gilt aber als Stimmungsbarometer.

Keine Stärkung in der Krise

Insgesamt bemängeln die 82 Männer und Frauen, die in Lilienthal online befragt wurden, ihr Sicherheitsgefühl als Radler, sie beschweren sich über zu schmale Radwege und ärgern sich vor allem, dass falsch parkende Autos auf Radwegen zu selten kontrolliert werden. Negativ sehen sie auch die Oberflächen der Wege und Radwege. Keine guten Einschätzungen gab es bei den Fragen zu Konflikten mit Fußgängern oder Autofahrern. Schlecht benoten die Befragten zudem Hindernisse auf den Wegen. Nachholbedarf gibt es bei der Führung um Baustellen herum. Unzufrieden sind die Befragten außerdem mit den Ampelschaltungen für Radfahrer. Kritisiert wird zudem, dass insgesamt zu wenig für den Radverkehr getan werde, verbesserungswürdig sei demnach die Werbung für das Radfahren. Lichtblicke mit deutlich positiveren Einschätzungen gab es nicht nur bei den Fragen zu öffentlichen Fahrrädern, zur Erreichbarkeit des Ortszentrums und der Ausschilderung, sondern auch beim Thema „Zügiges Radfahren“. Für lobenswert halten die Befragten außerdem, dass in Lilienthal die meisten Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr freigegeben sind.

Enttäuscht sind die Befragten, wie die Gemeinde Lilienthal auf die Corona-Krise reagiert hat. 72 Prozent sagen, dass das Fahrrad durch Corona wichtiger geworden sei, die Hälfte der Interviewten hat während der Pandemie neue Ziele für Radtouren entdeckt. Den Maßnahmen der Kommune, um Radfahrer in der Krise zu stärken, geben sie aber nur dei Schulnote 5.

Künstlerdorf weit abgeschlagen

In puncto Fahrradfreundlichkeit ist Worpswede laut ADFC eines der Schlusslichter der Gemeinden bis 20.000 Einwohner. Hier beteiligten sich 60 Menschen an der Umfrage. In dem Künstlerdorf treten die gleichen Mängel wie in Lilienthal verschärft auf, Konflikte mit Fußgängern kommen häufig hinzu. Ganz schlecht weg kommen in den Augen der Teilnehmer der Komfort und die Sicherheit auf den Radwegen. Radfahren sei eher mit Stress als mit Vergnügen verbunden, die Radler würden im Straßenverkehr nicht besonders ernst genommen. Außerdem werden die schmalen Radwege und der Winterdienst negativ bewertet. Viele der Befragten gaben an, sich auch auf den Fahrbahnen, auf denen Autos unterwegs sind, bedrängt zu fühlen. Deutlich Kritik gibt es in Worpswede zudem am Belag der Radwege und an ihrer Reinigung sowie an den vielen Hindernissen. Zudem werde eher großzügig geduldet, wenn Autofahrer auf Radwegen parkten. Schlecht bewertet wird außerdem die Einbahnstraßen-Regelung für Radfahrer. Die meisten Befragten sehen nicht, dass das Künstlerdorf den Radverkehr wirklich fördert. Als positiv geben die Interviewten dagegen die Erreichbarkeit des Ortszentrums an, auch sei das zügige Fahrradfahren in der Gemeinde möglich.

Niemand der 60 Worpsweder Teilnehmer der Umfrage gab an, dass es in der Pandemie in seiner Gemeinde handfeste Signale für mehr Fahrradfreundlichkeit gegeben habe – etwa durch verkehrsberuhigte Zonen, Poller gegen Autos oder temporäre Radspuren, sogenannte Pop-up-Streifen. Und nur wenige Bürger und Bürgerinnen im Künstlerdorf nahmen positiv wahr, dass sich Politiker verstärkt für das Thema engagierten.

Wie es um die Fahrradfreundlichkeit in Grasberg und der Samtgemeinde Tarmstedt bestellt ist, dazu liefert die Auswertung des ADFC keine Angaben. Anders in Bremen. Bei den Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern hat die Hansestadt wieder den ersten Platz inne.

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ADFC enttäuscht

82 Menschen aus Lilienthal und 60 aus Worpswede haben im Herbst vergangenen Jahres an der bundesweiten Befragung des ADFC teilgenommen. Im Vergleich zur vorangegangenen Befragung im Jahr 2018 erhöhten sich die Teilnehmerzahlen leicht, weiß Martin Enderle vom ADFC Lilienthal. Seine Gemeinde nahm zum vierten Mal und Worpswede zum zweiten Mal an der Befragung teil. Die Teilnehmer bemängeln, dass die beiden Kommunen seit Beginn der Pandemie nicht besonders viel für den Radverkehr getan haben. Auch Martin Enderle ist enttäuscht: „Die Corona-Zeit hat viele Menschen neu auf das Rad gelockt, und wir wollen, dass sich auch die Neuaufsteiger auf dem Rad wohl und sicher fühlen. Leider ist das in Lilienthal und stärker noch in Worpswede oft nicht der Fall: Bis zu 80 Prozent fühlen sich beim Radfahren nicht sicher." Seine Erfahrung: "Autofahrer schimpfen, wenn auf der Straße Radfahrer sind. Fußgänger schimpfen über Radfahrer auf den Gehwegen."

Enderle betont, dass sich schon mit kleineren Maßnahmen die Situation deutlich verbessern ließe, beispielsweise durch konsequente Ahndung von Falschparkern auf Radwegen und mit mehr Tempo 30-Zonen. Minuspunkte kassierte Lilienthal erneut für hohe Bordsteinkanten, Worpswede für nicht vorhandene Radwege im Ort. Hilfreich sind laut Enderle zudem Piktogramme, die den Radverkehr sichtbar machten, sowie fahrradfreundliche Lösungen an Baustellen und weniger holprige Radwege. „Damit beide Gemeinden wirklich einladend zum Radfahren werden, brauchen wir ein durchgängiges Netz an guten Radwegen“, betont Enderle. Der Bund habe mit dem Sonderprogramm Stadt und Land dafür ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt.

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