Friede sei mit Tier

Milchkühe werden im Schnitt fünfeinhalb Jahre alt. Dann sind sie krank oder geben nicht mehr genug Milch und werden geschlachtet.
26.01.2014, 00:00
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Milchkühe werden im Schnitt fünfeinhalb Jahre alt. Dann sind sie krank oder geben nicht mehr genug Milch und werden geschlachtet. Auf dem Gnadenhof Butenland bei Nordenham dürfen Rinder alt werden. Mit dem Kuh-Altersheim sind auch die Betreiber Jan Gerdes und Karin Mück zur Ruhe gekommen.

Du warst früher ein richtiges A...“, wird Karin Mück später zu ihrem Partner Jan Gerdes sagen, und Gerdes wird es bestätigen.

Jetzt laufen die beiden erst mal mit einem Tragetuch zu Eisbär. So heißt der massige, weiße Hund, der schlapp im Innenhof liegt. Eisbär kann nicht mehr laufen, „der ist total hochgezüchtet“, sagt Karin Mück, eine 58-Jährige mit strohblondem Haar und roten Wangen. Mück dirigiert Eisbär auf das Tuch, dann wird er ins warme Haus getragen.

Eisbär darf auf Hof Butenland bei Nordenham er selbst sein. So wie zwei weitere Hunde, vier Pferde und fünf Schweine, außerdem Katzen, Kaninchen, Enten, Hühner, Gänse. Und 34 Rinder. Sie alle brauchen keine Angst zu haben, eingeschläfert zu werden, weil sie nicht mehr laufen können, weil sie keine Milch mehr geben oder nicht mehr für Labortests taugen. Sie werden hier alt, möglichst selbstbestimmt.

Bis 1981 war der Hof ein konventioneller Betrieb. Dann übernahm ihn Gerdes von seinem Vater und stellte auf Bio um. Gerdes, ein nachdenklicher 59-Jähriger mit Bartstoppeln, blieb unzufrieden. „Bei Bio geht‘s nur darum, wie man sein Land bewirtschaftet, dass man etwa auf Chemie verzichtet. Um Tierhaltung geht‘s eigentlich nicht.“ Gerdes vergrößerte die Fenster im Stall, schuf mehr Platz für seine Rinder, ließ sie auch im Winter mal frei laufen. Ungefähr in dieser Zeit brach Karin Mück mit anderen Tierschützern in Labore ein, die Tierversuche machten. „Tiere befreien“, nennt Mück das. Ein Kieler Labor habe Kampfgase an Schafen getestet. Mück und ihre Mitstreiter drangen dort ein und nahmen Dokumente mit, von deren Brisanz sie angeblich nichts wussten. Mück kam in Untersuchungshaft.

Als Landwirt, sagt Gerdes, müsse man jedes Jahr wachsen, so funktioniere nun mal unsere Wirtschaft. Im Jahr 2001 überlegte er, einen neuen Stall zu bauen. 500000 Euro hätte das gekostet. Viel Geld, viel Risiko. Gerdes zeigt rüber zum Stall und sagt: „Ich wollte nicht irgendwann da oben am Dachbalken hängen.“ Er wusste nicht weiter und ging in Kur.

Karin Mück kam nach vier Monaten aus der U-Haft. Sie wurde zu Schadensersatz verurteilt. Viele Jahre arbeitete sie als Krankenschwester in einer Psychiatrie. Irgendwann war auch sie durch: Sie ging in Kur.

Dort trafen sich Mück und Gerdes. Die radikale Tierschützerin und der hadernde Biobauer. Beide stellten die Sinnfrage. Gerdes musste oft an jene Praktikantin denken, die ihre Lieblingskuh nicht hatte schlachten lassen wollen und für die sie Flöte spielte. Bis zum Bolzenschuss – Gerdes schickte die Kuh trotzdem zum Schlachter. Ein A... eben, wie Mück sagt.

Gerdes beschloss, den Hof abzuwickeln. Er verpachtete das Land, verkaufte die Kühe. Zehn von ihnen passten nicht in den Lastwagen. Der Schlachter sagte: „Ich komme in vier Wochen wieder.“ Gerdes musste tief schlucken. „Am nächsten Tag habe ich den Tieren versprochen, dass sie nicht geschlachtet werden.“ Die Rinder wurden die ersten Bewohner des Kuh-Altersheims. Mück zog auf den Hof. Sie und Gerdes widmen sich jetzt ganz ihrer Tierschutz-Stiftung. Und natürlich den Tieren.

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