Kinder Ein Kindheitstrauma bleibt manchmal lebenslang

Diez/Halle (dpa/tmn) - Traumatische Erlebnisse sind schon für Erwachsene schlimm - für Kinder sind sie oft katastrophal. «Sie haben noch kein Wertegerüst wie ein Erwachsener», sagt Friedrich Haux von der Fachklinik für Psychotraumatologie im rheinland-pfälzischen Diez.
07.04.2010, 10:33
Lesedauer: 2 Min
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Diez/Halle (dpa/tmn) - Traumatische Erlebnisse sind schon für Erwachsene schlimm - für Kinder sind sie oft katastrophal. «Sie haben noch kein Wertegerüst wie ein Erwachsener», sagt Friedrich Haux von der Fachklinik für Psychotraumatologie im rheinland-pfälzischen Diez.

Erwachsene wissen, dass zum Beispiel Schläge, Tritte oder Vergewaltigungen etwas Schlechtes sind. Ein Kind erlebt das schlimme Geschehen und kann es nicht einordnen - und kaum bis gar nicht darüber reden. Das Trauma festigt sich, im schlimmsten Fall bleibt es ein Leben lang erhalten.

Das Wort Trauma bedeutet so viel wie Wunde, der Mensch bleibt in diesem Fall also lebenslang seelisch verwundet. Dieses Los möchte die Psychotherapeutin Sabine Ahrens-Eipper jungen Menschen ersparen. Sie hat gemeinsam mit Kolleginnen in Halle das bundesweit einmalige Projekt «Trauma First» gegründet. Menschen im Alter zwischen 3 und 26 Jahren werden hier behandelt. Sie wurden verprügelt, vergewaltigt, überfallen, haben einen Toten gefunden oder schreckliche Unfälle erlebt. Der Vorteil von «Trauma First»: Es gibt kurzfristige Termine, die Therapeuten machen auch Haus- und Schulbesuche, arbeiten mit Sozialämtern und Kinderärzten zusammen. Mittlerweile haben die ersten Patienten ihre Therapie erfolgreich hinter sich gebracht.

«Normalerweise gibt es bei den Psychotherapeuten eine lange Wartezeit», erklärt Ahrens-Eipper. Bis zu einem Jahr könne es dort alleine bis zu einem Erstgespräch dauern. Für die schwer traumatisierten Kinder und Jugendlichen, die bei dem von Krankenkassen unterstützten Projekt behandelt werden, ist das viel zu lang. In dieser Zeit festigt sich ihr Trauma, damit wird die Therapie immer schwieriger.

Ohnehin sind junge Menschen viel schwerer zu therapieren als Erwachsene - je jünger sie sind, desto komplizierter wird es. Das hängt zum einen mit dem noch unausgebildeten Wertegerüst zusammen. Auch können Kinder weder auf frühere Erfahrungen zurückgreifen noch das Geschehen zumindest rational begreifen. Die am schwierigsten zu behandelnden Traumata entstehen, wenn das Kind von Vertrauenspersonen, etwa einem Lehrer oder den Eltern, missbraucht wird. «Das ist sehr, sehr schwer zu verkraften, weil es so unnatürlich ist», sagt Ahrens-Eipper. Schließlich sollen Eltern ihre Kinder beschützen und ihnen eine Basis für das Leben mitgeben. Mit dem Missbrauch wird diese zerstört, oder sie entsteht erst gar nicht.

«Aus diesen Kindern werden oft Erwachsene ohne Orientierung und Sicherheitsgefühl», beschreibt Karin Wagner vom Trauma- und Opferzentrum Frankfurt/Main die Auswirkungen. Krankheiten begleiten diese Menschen oft auf ihrem Lebensweg, die Suchtgefahr steigt enorm. Und ein unverarbeitetes Trauma macht sich bis ins hohe Alter immer wieder bemerkbar. Das Tröstliche: «Traumata können auch nach langer Zeit noch behandelt werden», sagt Ahrens-Eipper.

In der Therapie geht es zunächst darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und den jungen Menschen Sicherheit zu geben. Die Eltern - entweder die leiblichen oder die Pflegeeltern - sind sehr wichtig. «Je stabiler sie sind, desto besser können die Kinder ihr Trauma verarbeiten», erklärt Wagner.

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