Serie: Runter vom Sofa „Ein Fitness-Workout kann man überall machen“

Monatelang mussten Fitnessstudios wegen der Corona-Pandemie schließen. Bremer Experten erklären, wie man das Workout am besten in die eigenen vier Wände verlagert.
16.03.2021, 04:13
Lesedauer: 5 Min
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„Ein Fitness-Workout kann man überall machen“
Von Mario Nagel
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Im Jahr 2019 waren nach Angaben des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) über 11,6 Millionen Menschen in den knapp 10.000 Fitnessstudios aktiv. Nachdem die Studios im Frühjahr schon ein Mal schließen mussten, sind sie seit November 2020 erneut zu. Für viele Sportler hat sich das Workout deshalb ins Wohnzimmer verlegt.

Dabei ist der Begriff Fitnesstraining dehnbar, denn im Prinzip zählt jede sportliche Aktivität eine Form davon. In der Regel wird aber zwischen zwei Arten unterschieden: der Fitness für den Gesundheitssport, also der Prävention, dem Rehatraining oder der Physiotherapie – und Fitness mit einem Leistungsgedanken, bei dem ein sportliches Ziel besteht, zum Beispiel der Aufbau von mehr Muskulatur.

Seit wann gibt es das Fitnesstraining?

In Deutschland wird der Beginn des organisierten Fitnesstrainings laut dem DSSV dem als „Turnvater Jahn“ bekannten Pädagogen Friedrich Ludwig Jahn zugerechnet, der um 1810 in Berlin erstmals öffentlich turnen ließ. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Sportvereine und erste kommerzielle Anbieter, bevor sich um das Jahr 1900 immer größer werdende Teile der Bevölkerung sportlich betätigten – und dem Fitnesssport so einen Schub gaben.

Wie sieht der Start aus?

„Wer sich dazu entscheidet, ein Fitness-Workout zu machen, braucht zum Glück gar nicht viel dafür“, sagt Simone Storch. Sie arbeitet als Personaltrainerin für Fitness und Gesundheit und wird unter anderem vom Bremer Hockey-Club gebucht. Laut Storch benötige man lediglich etwas Platz und etwas Bequemes zum Anziehen. „Damit ich mich wohl fühle, aber auch gut bewegen kann.“ Generell gelte, die sportliche Aktivität nicht zu stürmisch zu beginnen. Man sollte den Körper langsam an die Bewegung gewöhnen und mit Aufwärmübungen auf das Training vorbereiten, rät Storch.

Alexander Schwarzenberger, Fitness- und Athletiktrainer und in dieser Funktion beim Fußball-Bremen-Ligisten Bremer SV tätig, bestätigt das: „Es ist wie mit der Haut nach dem Winter: Setzt man sie zu lange der Sonne aus, verbrennt man sich. Bei der Muskulatur ist es ähnlich: Wurde länger kein Sport gemacht, riskiert man Verletzungen, wenn zu schnell und impulsiv begonnen wird.“ Das gelte auch für das Herz-Kreislauf-System, fügt Simone Storch an. Das Aufwärmen sei zudem wichtig für den Kopf.

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Welche Ausrüstung wird gebraucht?

Wer sich vor dem Sport drücken möchte, nimmt gerne die Ausrede, man hätte nicht die passende Kleidung. Im Fall des Fitness-Workouts könne davon jedoch kein Gebrauch gemacht werden, sagt Simone Storch. „Ich brauche keine teuren Sportklamotten und – wenn ich einen rutschfesten Untergrund habe – nicht mal Sportschuhe.“ Wer eine Iso- oder gar eine Gymnastikmatte zu Hause hat, könne problemlos Barfuß oder auf Socken trainieren.

Je leistungsintensiver die Übungen werden, desto sinnvoller seien aber natürlich auch Sportschuhe, sagt Storch. Wer nicht auf Sportschuhe oder die Gymnastikmatte verzichten möchte, kann diese aber schon für unter 30 Euro bekommen. Völlig verzichten könne man dagegen auf Sportgeräte, sagt Alexander Schwarzenberger. „Wer zu Hause Sport machen möchte, braucht in der Regel nur sein eigenes Körpergewicht.“ Bei bestimmten Übungen, etwa für Arme oder Rücken, könne auf Dinge aus dem Haushalt zurückgegriffen werden. „Da tun es auch die Wasserflasche oder ein Handtuch.“

Welche Fehler sollten vermieden werden?

Ein beliebter Anfängerfehler sei gerade bei sportunerfahrenen Menschen die einfache Youtube-Suche, sagt Simone Storch. Denn die kann in die Irre führen. „Natürlich gibt es viele professionelle Videos, auch für Anfänger, aber man sollte nicht immer allem trauen“, rät die Expertin. Denn in vielen Videos im Internet würden die Übungen lediglich vorgemacht, aber konkrete Erklärungen oder gar Hilfestellungen zu bekannten Fehlern gäbe es selten. „Dabei brauchen Muskeln, Bänder und Sehnen Zeit, um sich auf das Training einzustellen. Die richtige Ausführung und Intensität ist entscheidend.“

Alexander Schwarzenberger pflichtet dieser Einschätzung bei: „Man sagt in der Fitnesswelt: Jedes vierte Video ist fehlerbehaftet.“ Generell gelte: Je unkomplizierter die Übung, desto weniger Fehler kann man machen. Ein besonders häufiger, aber unterschätzter Fehler ist es für Simone Storch, trotz einer Erkrankung zu trainieren. „Wer stark erkältet ist, darf kein intensives Training machen. Der Körper braucht alle Kraft, um die Krankheitserreger zu bekämpfen. Jedes Training ist eine zusätzliche Belastung und mitunter sogar gefährlich.”

Wie viel Platz braucht man?

„Ein Fitness-Workout kann überall und zu jeder Zeit gemacht werden. Das ist einer der größten Vorteile des Fitnesstrainings“, sagt Alexander Schwarzenberger. Egal ob auf der Terrasse, im Park oder doch ganz klassisch im Wohnzimmer – die Hauptsache sei, dass man sich bewegt.

Einen geeigneten Platz findet man laut Schwarzenberger immer, denn die benötigte Bewegungsfreiheit ist beim Heimtraining überschaubar. „Letztlich muss ich mich mit dem Körper der Länge nach auf den Boden legen, je einen Schritt in jede Richtung machen und auch mal springen können.“

Gibt es Online-Kurse?

Klassische Kurse, wie es sie in den Fitnessstudios gibt, werden mittlerweile auch im Internet angeboten. Vor allem die Studios selbst sowie Personaltrainer und Vereine bieten Online-Kurse für alle Bereiche des Fitnesssports an. Da es keine einheitliche Informationsseite gibt, auf der alle Anbieter aufgelistet sind, rät Simone Storch, sich bei Interesse an umliegende Vereine oder Studios zu wenden. „Meistens können sich Einsteiger ganz unverbindlich mal mit in einen Kurs einklinken und ihn ausprobieren. Da muss sich jeder ein bisschen durchrecherchieren.“

Die Vorteile gegenüber einem Youtube-Video seien, dass man neben qualifizierten Trainern und der nötigen Hilfe auch in der Gemeinschaft trainiert. „Dazu geht es in vielen Videos einfach nur um höher, schneller, weiter. Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse kann so nicht genommen werden“, sagt Schwarzenberger. Viele Workouts seien zudem nicht ausgewogen, weil es zum Beispiel viel mehr Übungen für die vorderen Körperpartien wie den Bauch gäbe. So könnten schnell Rückenschmerzen auftreten. „Wer sich eine längere Zeit nicht sportlich betätigt hat oder überhaupt keine Erfahrungen hat, sollte sich eher an einen Fitnesstrainer wenden.“

Wie geht es nach Corona weiter?

Viele Sportler würden im Lockdown versuchen, in Bewegung zu bleiben, sagt Simone Storch. „Aber den meisten geht es nicht nur um den Sport, sondern auch um die Gemeinschaft.“ Aus diesem Grund seien die digitalen Kurse zwar eine sinnvolle Alternative. „Aber in Zukunft wird das Fitnesstraining wieder vor Ort abgehalten werden, auch wenn eine gewisse Form des digitalen Angebots bestehen bleiben wird.“ Denn das Training daheim wirke sich laut Storch auf die Disziplin aus: Wer feste Termine hat, lässt das Training seltener ausfallen.

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