Diabetes Nicht nur eine Frage des Alters

Die AOK hat einen Gesundheitsatlas Diabetes vorgelegt: Neben dem Alter spielt das soziale Umfeld eine große Rolle, und es gibt ein Stadt-Land-Gefälle. Wie Bremen und Niedersachsen dastehen.
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Nicht nur eine Frage des Alters
Von Sabine Doll

In Bremen und Niedersachsen sind weniger Menschen an Diabetes Typ 2 – dem sogenannten Alterszucker – erkrankt als im bundesweiten Vergleich. Das geht aus dem Gesundheitsatlas Diabetes hervor, den das Wissenschaftliche Institut (Wido) der Krankenkasse AOK vorgestellt hat. Im Land Bremen leben danach 53.000 Menschen mit einem krankhaft erhöhten Blutzuckerspiegel, das entspricht einer Erkrankungsrate von 7,8 Prozent. In Niedersachsen sind 7,9 Prozent der Bevölkerung (629.000 Patienten) erkrankt, der bundesweite Durchschnitt liegt bei 8,6 Prozent – etwas mehr als sieben der 83 Millionen Bundesbürger sind damit Typ-2-Diabetiker.

„Das Besondere an dem Gesundheitsatlas, der künftig auch für andere Krankheitsbilder erstellt werden soll: Erstmals wurde mit einem eigens entwickelten Hochrechnungsverfahren die Diabetes-Typ-2-Häufigkeit mit Daten aus mehr als 400 Landkreisen und Städten erhoben und ausgewertet“, sagt der Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven, Jörn Hons. Zwischen Bremen und Bremerhaven gibt es nach Zahlen des Kasseninstituts deutliche Unterschiede: Während Bremen mit einem Diabetiker-Anteil von 7,4 Prozent im Durchschnitt der Großstädte ab 500.000 Einwohnern liegt, rangiert Bremerhaven bei den Städten mit weniger als 500.000 Einwohnern deutlich über dem Mittel – jeder zehnte Bremerhavener (10,1 Prozent) ist demnach an Diabetes Typ 2 erkrankt.

Stadt-Land-Gefälle

Im Flächenland Niedersachsen ist das Spektrum noch größer: Die regionalen Unterschiede reichen von 5,8 Prozent in Oldenburg bis zu 10,2 Prozent im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Landkreise und kreisfreie Städte im Bremer Umland wie Delmenhorst, Wesermarsch, Rotenburg/Wümme, Osterholz, Verden und Diepholz liegen größtenteils unter oder auf dem Niveau des Bundesschnitts.

Im Vergleich der Bundesländer liegen die Erkrankungsraten in Hamburg und Schleswig-Holstein mit 6,4 und 7,3 Prozent am niedrigsten. Die östlichen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Thüringen weisen mit jeweils mehr als 11,5 Prozent die höchsten Quoten auf und liegen deutlich über dem Bundesschnitt. Auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte sind die regionalen Unterschiede deutschlandweit noch deutlicher ausgeprägt als bei den Ländern: Die Erkrankungsraten reichen von 4,8 Prozent in Heidelberg (Baden-Württemberg) bis zu 15,4 Prozent im brandenburgischen Prignitz.

Diabetes Typ 2 ist am häufigsten

Hauptmerkmal einer Diabetes-Erkrankung ist ein chronisch erhöhter Blutzuckerspiegel. Am häufigsten ist Diabetes Typ 2, der durch erbliche Faktoren und durch Übergewicht, Rauchen, ungesunde Ernährung sowie Bewegungsmangel begünstigt wird. Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen Blutgefäße, Nerven und innere Organe. Er tritt vor allem im Alter auf: „Mehr als die Hälfte der Menschen mit Diabetes Typ 2 in Deutschland sind über 70 Jahre alt. In den Altersgruppen zwischen 80 und 90 Jahren sind mehr als ein Drittel der Männer und Frauen von der Krankheit betroffen“, heißt es in dem Gesundheitsatlas.

Die Autoren haben mehrere Auffälligkeiten ausgemacht: So sei der Anteil der Diabetiker in ländlichen Bereichen teilweise deutlich höher als in städtischen Regionen. „Eine maßgebliche Rolle spielt dabei, dass in den ländlichen Regionen häufig eine ältere Bevölkerung mit einem höheren Erkrankungsrisiko anzutreffen ist“, betont der stellvertretende Wido-Leiter Helmut Schröder. Die Auswertungen mit Kennzahlen auf Kreisebene könnten Landräten und Bürgermeistern helfen, ihre regionale Situation einzuordnen und Ansätze zu entwickeln, um die Situation vor Ort zu verbessern.“

Neben den regionalen Unterschieden zeigt die Untersuchung einen weiteren Zusammenhang: Finanziell und sozial benachteiligte Menschen erkrankten häufiger an Typ-2-Diabetes als Menschen mit einem vergleichsweise hohen ökonomischen und sozialen Status, so die Autoren. Bewertungsgrundlage dafür sei der sogenannte Deprivationsindex des Robert-Koch-Instituts in Berlin, in den Faktoren wie Einkommen, Beschäftigung und Bildung einfließen. Bundesweit liege der Anteil der Typ-2-Diabetiker in danach definierten ökonomisch und sozial benachteiligten Regionen Deutschlands bei 11,3 Prozent. In Regionen, die im Bundesvergleich die beste materielle und soziale Ausgangssituation haben, seien es 7,0 Prozent.

Lebensstil ist entscheidend

Risikofaktor für eine Diabetes-Erkrankung ist extremes Übergewicht (Adipositas): Auch dieser Zusammenhang werde durch die Auswertung belegt. „Regionen, in denen bei wenigen Einwohnern eine Adipositas vorliegt, haben durchschnittlich eine Diabetes-Häufigkeit von 7,2 Prozent. Hingegen sind in Regionen, deren Einwohner häufiger adipös sind, 11,5 Prozent an Typ-2-Diabetes erkrankt“, heißt es in der Studie.

Auch wenn Bremen mit einem Anteil von 7,8 Prozent Diabetikern im bundesweiten Vergleich gut dasteht: Der Gesundheitsatlas zeigt auf, dass sich auch hier das Verhalten und der Lebensstil vieler Menschen mit zu wenig Bewegung und ungesundem Essen mittel- und langfristig verändern muss. Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen der Krankheit sind enorm“, sagt der Bremer AOK-Sprecher Hons. In Stadtteilen und Regionen, in denen die Lebensbedingungen ungünstig seien, müssten entsprechend mehr Gesundheits- und Präventionsangebote geschaffen werden. Kurzfristig wirkende Instrumente könne die schrittweise Reduktion von Zucker oder Fett in Lebensmitteln sein. „Das müssen wir nutzen“, so Hons. Präventive Maßnahmen seien aber langfristig angelegt. „Schnelle Erfolge gibt es hier nicht“, so der Sprecher.

Die Daten des Kassenreports zeigen die Lage in den unterschiedlichen Bremer Stadtteilen nicht auf: Doch auch hier gibt es erhebliche Unterschiede, was Gesundheit, Krankheit und Lebenserwartung betrifft – und welchen Einfluss der ökonomische und soziale Status hat. Im April dieses Jahres hat der Bremer Senat den Landesgesundheitsbericht 2019 vorgelegt: Danach sterben Menschen in sogenannten sozial benachteiligten Stadtteilen Bremens im Schnitt deutlich früher.

Die niedrigste Lebenserwartung bei Geburt für den Zeitraum 2008 bis 2017 haben danach Frauen und Männer in Gröpelingen mit jeweils 79,7 und 74,2 Jahren, die höchste in Schwachhausen – der Unterschied zwischen beiden Stadtteilen beträgt bei Männern 7,2 Jahre, bei Frauen 5,9 Jahre. Mit dem Bericht werde die enge Verknüpfung der sozialen mit der gesundheitlichen Lage sehr deutlich, sagte die damalige Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD).

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