Gesundheit Schwerer Schlag in jungen Jahren

Karlsruhe . Umständlich steigt Frank aus der Bahn. Er zieht das rechte Bein nach, ein Arm hängt schlaff an seiner Seite. Der halbseitig gelähmte Mann stützt sich auf eine Krücke.
20.01.2010, 10:31
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Karlsruhe . Umständlich steigt Frank aus der Bahn. Er zieht das rechte Bein nach, ein Arm hängt schlaff an seiner Seite. Der halbseitig gelähmte Mann stützt sich auf eine Krücke.

«Ich kann auch ohne laufen. Aber dann denken die Leute, ich wäre besoffen», sagt er. Tatsächlich ähneln seine Worte dem Lallen eines Betrunkenen: Er spricht undeutlich und langsam. Doch sein Blick ist hellwach, wenn er von seiner Krankheitsgeschichte erzählt. Sie beginnt mit einem Schlaganfall, als Frank 25 Jahre alt ist.

Es passiert morgens bei der Arbeit. Lastwagenfahrer Frank lädt gerade Ware mit dem Gabelstapler ab, als ihm plötzlich schwarz vor Augen wird. Das ist alles, woran sich der 48-Jährige heute noch erinnern kann. Erst im Krankenhaus kommt Frank zu sich, er ist verwirrt. «Ich dachte, die anderen sind blöd, weil sie nicht verstanden haben, was ich sagte», erinnert er sich. Dabei ist es Frank, der eine Sprachstörung hat, die im Fachjargon auch Aphasie genannt wird. Eine typische Folge von Schlaganfällen wie auch die Lähmung seiner rechten Seite.

«Diese Symptome treten oft zusammen auf, weil die Sprach- und Bewegungsregionen im Gehirn nahe beieinander liegen», sagt Professor Michael Fetter, Leiter der Neurologie im Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Das Krankenhaus ist auf Schlaganfälle spezialisiert, Frank war dort zur Rehabilitation. Erst hier wird ihm klar, was eigentlich passiert war.

Bei Schlaganfällen fallen bestimmte Funktionen des Gehirns plötzlich aus, erklärt ihm ein Arzt im Klinikum. Verantwortlich dafür ist meistens eine schlechte Durchblutung. «Ich dachte, das geht vorbei wie eine Grippe», erinnert sich Frank. Doch er täuschte sich. Erst Jahre später kann er wieder laufen und verständlich sprechen. Weil er in der Reha nur langsam Fortschritte macht, ist er verzweifelt. Anfangs habe er sich ständig gefragt, warum das ausgerechnet ihm passiere. «Ich habe doch mein ganzes Leben noch vor mir», denkt Frank damals. Erst drei Monate vor dem Schlaganfall ist er zum zweiten Mal Vater einer Tochter geworden. Nie hätte der junge Vater damals geglaubt, dass er bald nicht mehr für sie sorgen kann.

Solche Gedanken kennt Fetter von seinen jungen Schlaganfallpatienten. «Sie hadern mehr mit ihrem Schicksal als Ältere, weil sie zusätzlich Verantwortung für andere tragen.» Außerdem komme ein Schlaganfall für sie völlig überraschend. «Ich dachte immer, das trifft nur alte Leute», meint auch Frank.

Tatsächlich waren im vergangenen Jahr 80 Prozent der rund 30 000 Schlaganfallpatienten in Baden-Württemberg älter als 65 Jahre. Bundesweit erleiden rund 200 000 Menschen jährlich einen Schlaganfall, es ist außerdem die dritthäufigste Todesursache. Etwa jeder fünfte direkt davon betroffene Patient stirbt binnen vier Wochen, über 37 Prozent innerhalb eines Jahres.

Unter den Patienten sind nach Angaben der Techniker Krankenkasse aber in Baden-Württemberg auch etwa 130 junge Menschen im Alter unter 25 Jahren. Die Ursachen bei Kindern und jungen Erwachsenen unterscheiden sich von denen der Älteren. «Meistens sind ihre Blutgefäße missgebildet», sagt Schlaganfallexperte Fetter. Auch andere angeborene Krankheiten wie Herzklappenfehler oder Gerinnungsstörungen könnten Auslöser sein. Bei jungen Frauen erhöhe die Kombination aus Rauchen und der Antibabypille das Risiko zusätzlich.

Den Grund für Franks Schlaganfall konnten die Ärzte nicht klären, sagt er. Umso weniger kommt er damit klar. Wie auch Franks damalige Frau, die erst 21 Jahre alt war. Noch während der Reha verlässt sie ihn. Am Telefon. Danach gibt Frank sich auf, fast zehn Jahre lang verlässt er das Haus nur im Dunkeln, ist depressiv. «Ich habe mich geschämt», sagt er. Erst, als sich eine Frau für ihn interessiert, schöpft der Schwerbehinderte wieder Mut. «Das gab mir neues Selbstbewusstsein.» Er geht wieder auf Menschen zu, besucht mehrere Selbsthilfegruppen. Dort trifft er auch andere junge Patienten. «Dieser Austausch hat mir geholfen», sagt Frank.

Heute lebt der Frührentner selbstständig, hat einen Nebenjob bei der Lebenshilfe, kann sogar Auto fahren. Vor einiger Zeit hat er den Bodensee umrundet mit einem Liegedreirad. Nur die Einsamkeit sei er leid, sagt Frank. «Vor dem Schlaganfall sah ich gut aus, da hätte ich jedes Mädchen bekommen.» Heute sei sein größter Wunsch, eine Frau zu finden, die ihn so mag, wie er ist. (dpa)

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