Unstatistik des Monats Die Angst vorm Impfdurchbruch

Die Unstatistik des Monats November ist die Darstellung der Corona-Impfdurchbrüche in verschiedenen Medienberichten
29.11.2021, 19:42
Lesedauer: 6 Min
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Von Katharina Schüller

Einmal im Monat werden auf dieser Seite die „Unstatistiken des Monats“ veröffentlicht. Seit 2012 werden sie von Gerd Gigerenzer, Thomas Bauer, Walter Krämer und Katharina Schüller für das Forschungsdatenzentrum Ruhr des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung verfasst und auf www.unstatistik.de gesammelt.

Die Unstatistik des Monats November ist die Darstellung der Corona-Impfdurchbrüche in verschiedenen Medienberichten. Bereits im Oktober hat das ZDF in einer Grafik den Anteil der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche an hospitalisierten Covid-19-Fällen für verschiedene Altersgruppen seit Februar 2021 mit den entsprechenden Anteilen in den Monaten September und Oktober 2021 verglichen. Die Grafik stellt dar, dass seit Februar unter den 18- bis 59-Jährigen, die mit Covid-19 ins Krankenhaus mussten, vier Prozent geimpft waren; unter den Menschen ab 60 insgesamt 9,6 Prozent. Allein im Zeitraum Mitte September bis Mitte Oktober betrug der Anteil der Geimpften an den hospitalisierten Covid-19-Fällen aber 17,4 Prozent in der Altersgruppe unter 60 Jahre und 42,1 Prozent in der Altersgruppe ab 60.

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Warum vermittelt der Anteil der Geimpften unter den Covid-19-Fällen ein falsches Bild?

Das größte Problem dieser Darstellung ist nicht die Visualisierung. Vielmehr erweckt die Darstellung den Eindruck, als ginge die Wirksamkeit der Impfung massiv zurück.

Ähnliches gilt für eine Schlagzeile des MDR: „Mehr Impfdurchbrüche bei vollständig Geimpften“, heißt es dort: „Auf den Intensivstationen steigt der Anteil der geimpften Corona-Patienten. Etwa jeder fünfte intensivmedizinisch betreute Covid-19-Patient in Deutschland ist gegen das Coronavirus geimpft.“ Auch wenn diese Aussage für sich genommen nicht falsch ist, liefert sie weder Informationen über die Wirksamkeit einer Impfung noch ist sie überraschend. Denn je höher der Anteil der Geimpften in der Bevölkerung ist, desto höher muss der Anteil der Impfdurchbrüche sein. So relativiert der MDR seine Aussage im Text und zitiert das RKI: „Wenn 100 Prozent aller Menschen geimpft sind, kommt es zu 100 Prozent zu Impfdurchbrüchen“. Zumindest gilt das, solange kein Wirkstoff zu 100 Prozent schützt.

Auch im November thematisierten zahlreiche Medien die Impfdurchbrüche – und folgen dabei häufig einem ähnlichen Muster: Während die Beiträge selbst durchaus klarstellen, dass die Impfdurchbrüche kein Argument gegen die Impfung sind, werden Schlagzeilen irreführend formuliert und schüren – bewusst oder unbewusst – große Verunsicherung.

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So zitiert etwa der WDR in einem Beitrag den Intensivmediziner Uwe Janssens mit den Worten „Auf keinen Fall bedeuten Durchbruchinfektionen im Krankenhaus oder auf den Intensivstationen, dass die Impfung nicht wirkt. Das ist ein Fehlschluss, der im Moment leider durch die Republik, aber auch durch die ganze Welt geistert“, und stellt klar, dass Geimpfte „deutlich seltener schwer an Corona erkranken und daran sterben als Ungeimpfte, daran lassen die Zahlen keinen Zweifel“. Auf Twitter bewirbt der WDR jedoch den Beitrag mit einem Anreißer, der das Gegenteil suggeriert: „Impfdurchbrüche sind keine Ausnahme mehr. Auch doppelt Geimpfte erkranken zum Teil schwer – und sterben. Was bringen die Impfungen überhaupt? Ein Überblick (...)“.

Warum nützt die Impfung uns als Individuen?

Wir haben in verschiedenen Unstatistiken dargestellt, was es bedeutet, wenn ein Impfstoff zu 70 Prozent oder auch zu 95 Prozent vor einer Erkrankung schützt. Zwar sollen die derzeit zugelassenen Corona-Impfstoffe laut RKI bis zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf und bis zu 99 Prozent vor dem Tod schützen. Weil wir jedoch bisher nicht wissen, wie lange die Schutzwirkung anhält, heißt das eben nicht, dass 95 Prozent der Menschen durch eine Impfung dauerhaft vor einer Erkrankung geschützt sind. Nicht zuletzt deswegen werden Impf-Booster von der Ständigen Impfkommission seit kurzem allen Personen ab 18 Jahren empfohlen.

Aus Israel und Katar gibt es Hinweise, dass der Impfschutz nach sechs Monaten auf 50 Prozent sinkt, was mit einem Rückgang der Antikörper, aber auch der Entwicklung neuer Virus-Varianten erklärt werden könnte. Allerdings sind diese Zahlen vor einer völlig anderen Situation zu betrachten. Die Inzidenz lag in Israel zum Zeitpunkt der „Booster-Studie“ bei 9000 Fällen je 100.000 Einwohner. Von einer Welle derartigen Ausmaßes und auch der damit verbundenen Bedrohung waren und sind wir in Deutschland weit entfernt.

Um zu überprüfen, ob auch in Deutschland ein nachlassender Impfschutz zu beobachten ist, fehlen belastbare Daten – obwohl es diese längst geben könnte, wie unser Nachbarland Österreich beweist. Dazu müssten bei sämtlichen positiv getesteten wie auch an Covid-19 erkrankten Menschen der Impfstatus und das Datum der letzten Impfung erfasst werden. In Deutschland werden bislang allerdings noch nicht einmal flächendeckend die Inzidenzen nach Impfstatus getrennt ausgewiesen.

Ganz anders in Österreich: Dort berichtet die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) täglich die positiv getesteten Fälle wie auch die symptomatischen Fälle getrennt nach Altersgruppen und Impfstatus. Die AGES erklärt: „Die Wirksamkeit der Impfung ist sehr gut, es können aber nicht alle Infektionen bei den Geimpften verhindert werden. Wenn der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung steigt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, trotz Impfung zu erkranken. Der prozentuale Anteil an Impfdurchbrüchen steigt, die Anzahl an Erkrankungen in der Bevölkerung insgesamt sinkt aber durch die Schutzwirkung der Impfung.“ In Österreich sind die Inzidenzen bei den vollständig geimpften Menschen im Alter ab 60 Jahren derzeit um 70 Prozent geringer als bei den unvollständig geimpften.

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Es ist mehr als überfällig, dass die Politik endlich dafür sorgt, dass bei uns entsprechende Daten erhoben und laufend analysiert werden. Gleichwohl sollten wir uns klar machen, dass rund 215.000 wahrscheinliche Impfdurchbrüche, die das RKI seit Beginn der Impfkampagne verzeichnet, bei fast 56 Millionen vollständig geimpften Menschen nicht einmal 0,4 Prozent dieser Menschen ausmachen. Von einem Grund zur Panik, weil die Impfung nicht perfekt vor einer Covid-19-Erkrankung schützt, kann also keinesfalls die Rede sein.

Warum nützt die Impfung uns allen als Gesellschaft?

Es ist durchaus anzunehmen, dass ohne die Corona-Impfung erheblich früher und/oder erheblich schwerere Maßnahmen ergriffen worden wären. Dies lässt sich veranschaulichen, wenn man die Hospitalisierungsinzidenz der vollständig und nicht vollständig Geimpften vergleicht. Die Hospitalisierungsinzidenz ist hierbei ein härteres Kriterium als die Meldeinzidenz, weil man durchaus unterstellen könnte, dass Ungeimpfte häufiger getestet werden als Geimpfte.

Am 22. November waren laut RKI 85,8 Prozent der über 60-Jährigen und 74,7 Prozent der 18- bis 59-Jährigen zweimal geimpft. Im Durchschnitt lag die Hospitalisierungsinzidenz der Ungeimpften in der erstgenannten Gruppe rund sechsmal so hoch wie diejenige der Geimpften. In der jüngeren Gruppe war sie sogar rund elfmal so hoch. Zugleich stellen Ungeimpfte in der jüngeren Altersgruppe 75 Prozent der Hospitalisierten, in der älteren 45 Prozent – statt der erwarteten 25 Prozent beziehungsweise 14 Prozent, wenn die Impfung keinen Effekt hätte.

Gäbe es keine Impfung, wäre ohne weitere Annahmen die Hospitalisierungsinzidenz in der Gesamtbevölkerung so hoch wie bei den Ungeimpften. Dies würde bedeuten, dass es theoretisch heute insgesamt gut dreimal so viele Hospitalisierte gäbe. Für die Todesfälle, die proportional sind zu den Hospitalisierungen, dürfte etwas Ähnliches gelten.

Vermutlich wäre es aber nicht so weit gekommen, weil angesichts solcher Entwicklungen die Politik deutlich früher einen harten Lockdown beschlossen hätte. Dies wäre wohl bereits vor mindestens einem Monat kaum zu vermeiden gewesen, wenn die Politik die Lage so eingeschätzt hätte, wie heute.

Fazit

Es ist wohl kaum zu ändern, dass mit der zunehmenden (Des-)Informationsflut plakative und neugierig machende Schlagzeilen benutzt werden, um in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erregen. Das rechtfertigt es jedoch in keiner Weise, mit irreführenden Botschaften den Nutzen der Impfung massiv infrage zu stellen – genauso wenig wie es angezeigt ist, ihn dramatisch zu übertreiben, was wir in unserer September-Unstatistik angemahnt haben. Beides schadet der Sache in einer Situation, in der wir uns eine Fehleinschätzung von Risiken nicht länger leisten können.

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