Mit dem Schiff der Grönländer unterwegs

Abseits der Massen

Grönland kann man auf dem Schiff der Einheimischen individuell bereisen
26.05.2020, 12:31
Lesedauer: 6 Min
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Von Niels Anner
Abseits der Massen

Abenddämmerung in der Ortschaft Nuuk, im Hintergrund ist der Berg Sermitsiaq zu sehen.

Carlo Lukassen/Visit Greenland

Ganz egal, ob das Schiff in Qeqertarsuatsiaat um 6.45 Uhr oder in Maniitsoq um 22.30 Uhr ablegt: Am Hafen tummeln sich Menschen neben aufgetürmten Containern und einer Fischfabrik. Einige Jungs dribbeln mit einem Fußball, viele der Anwesenden winken, verdrücken ein paar Tränen. Verwandte waren zu Besuch, Urlaube gehen zu Ende. Eine junge Frau schleppt Langlaufski und ein Rentierfell mit. Hafenarbeiter in orangen Anzügen verladen noch ein Kajak und zwei Kinderwagen, dann legt die 73 Meter lange, rot-weiße „Sarfaq Ittuk“ ab.

Die „Sarfaq Ittuk“ ist das öffentliche Transportmittel der Grönländer. Doch das Küstenschiff nimmt auch Touristen mit auf eine individuelle Reise in die spektakuläre arktische Natur und zu verstreuten Siedlungen. Das Eis dominiert die Szenerie, selbst dort, wo Grönland tatsächlich grün ist.

Auch an Bord ist die Stimmung familiär. Der 19-jährige Malik erzählt, er komme von der Rentierjagd; jetzt rufe aber das Studium in der Hauptstadt. Er blickt zurück auf das mit Eisblöcken übersäte Meer vor der drittgrößten Stadt Grönlands, Ilulissat: „So viele Wale tauchten da auf, unglaublich.“ Auch Einheimische staunen immer wieder, welches Naturerlebnis die Fahrt mit dem Küstenschiff ist. Die „Sarfaq Ittuk“ ist ein wichtiger Teil des grönländischen Lebens. Denn außer Flugverbindungen ist das 1992 gebaute und 2000 modernisierte Schiff das einzige öffentliche Verkehrsmittel, das Ortschaften verbindet; Überlandstraßen gibt es im zu 80 Prozent mit Eis bedeckten Grönland keine. Deshalb reist die Nationalmannschaft der Handball-Juniorinnen mit diesem Schiff, Leute, die zum Einkauf fahren, oder Elektriker im Außendienst.

Touristen ermöglicht das Küstenschiff, die teure Destination Grönland vergleichsweise günstig und individuell zu bereisen. Und dabei die spektakuläre Landschaft und die verstreuten Siedlungen mit ihren farbigen, in die Steilküste gebauten Holzhäusern aus nächster Nähe zu erleben, ohne zu einem auch in Grönland als problematisch empfundenen Massentourismus beizutragen. Von April bis Januar fährt die „Sarfaq Ittuk“ einmal pro Woche 1200 Kilometer die grönländische Westküste entlang und gewährt dabei einen Einblick in ein Land, das den Klimawandel in hohem Tempo erlebt; gerade hat der Sommer wieder Rekordmengen an Eis aufgetaut.

Sarfaq Ittuk cruising in the Disko Bay outside Ilulissat ice fjord in Greenland

Die „Sarfaq Ittuk“ fährt durch die
Diskobucht vor Ilulissat.

Foto: Mads Pihl/Visit Greenland

Auf dem Schiff mit maximal 270 Passagieren ergeben sich Gespräche über den Alltag, die dominierende Fischerei, Schlittenhunde und Eis, das vor wenigen Jahren noch Hafeneinfahrten unmöglich machte, heute aber verschwunden ist. Die Einheimischen berichten von neuen Fischsorten, die durch das wärmere Wasser schwimmen oder vom Wunsch nach Unabhängigkeit ihres Landes. Eine Lehrerin erzählt, dass Schiffe die Lebensader Grönlands seien: Für einige Siedlungen bestimme die letzte Lieferung vor der Wintersaison für längere Zeit das Angebot im Dorfladen.

Die „Sarfaq Ittuk“ ist kein Luxusdampfer, aber ein komfortables Linienschiff. Kabinen können in Einer- bis Viererbelegung gebucht werden. Sie haben alle große Fenster, bequeme Betten, ein Bad mit Dusche sowie Fernseher mit Filmangebot. Buchbar sind auch deutlich günstigere Liegebetten in einem offenen Raum und mit geteiltem Bad.

Die meisten Grönländer reisen in dieser Klasse, die Passagiere mischen sich auf Deck, in der Lounge beim Kartenspiel oder im Selbstbedienungsrestaurant. Dort gibt es warme und kalte Menüs, oft mit lokalem Einschlag: Smørrebrød, saisonaler Fisch oder Lamm und Kartoffeln aus Südgrönland. Wer will, kann Tag und Nacht am Fenster oder auf Deck die Aussicht und das faszinierende nordische Licht genießen.

Der Sommer bringt durchaus T-Shirt-Wetter mit sich, die Mitternachtssonne beleuchtet Schneeberge und auftauchende Seehunde vor der Küste. Nördlich von Nuuk gleitet das Schiff durch enge Fjorde, wenige Dutzend Meter an Felswänden und Gletschern vorbei. Das Dorf Kangaamiut liegt in einer von Wind und Wellen umpeitschten Schärenlandschaft, die keine Einfahrt des Schiffes erlaubt. Die Crew lässt deshalb ein Rettungsboot zu Wasser und schippert die Passagiere zum Aus- und Einsteigen einige Hundert Meter in den Hafen.

Besonders eindrucksvoll ist die Küstenstrecke, weil sie immer wieder von Eisbergen gesäumt ist. Die größten Kolosse driften in der Diskobucht, kleinere, nicht minder faszinierende Blöcke im Südwesten, wobei die dort grüne Vegetation einen starken Kontrast darstellt. Die Blöcke stammen aus der Nordpolregion oder von kalbenden Gletschern, schwimmen wie jahrtausendealte Sahnehäubchen mit einer unendlichen Anzahl Formen und Kanten vorbei. Oder als haushohe Riesen, die aus jedem Winkel anders in der Sonne glänzen – fast unwirklich schöne Skulpturen. Eine Gefahr stellt das Eis für die „Sarfaq Ittuk“ mit ihrem verstärkten Rumpf nicht dar, erfordert aber von den erfahrenen Kapitänen volle Wachsamkeit.

Die Fahrt lässt sich mit Flügen zu einer individuellen Rundreise ergänzen, mit Aufenthalt zwischen Schifffahrt und Flug, zum Beispiel in Ilulissat. Ein Höhepunkt sind dort Touren in den Eisfjord Kangia, ein Unesco-Weltkulturerbe, wo der Gletscher Sermeq Kujalleq täglich Dutzende von Millionen Tonnen Eis in die Baffin-Bucht hinaus schickt; darunter war einst jener Brocken, der das Ende der Titanic bedeutete. Kleine Boote fahren vorsichtig an die Eisberge und die dort majestätisch auf- und abtauchenden Buckelwale heran. Wer lieber zu Fuß geht, wandert je nach Route ein bis zwei Stunden direkt den Eisfjord entlang, mit atemberaubender Aussicht auf das mächtige Eislager. Wale sind auch von den Felsen am Fjordrand zu sehen.

Two kayakers paddle around icebergs in Nuuk Fjord as a daytime adventure while staying at the Arctic Nomad Adventure Camp

Im Fjord von Nuuk kann man dick eingepackt mit Kajaks zu den Eisbergen paddeln und dort die Stille genießen.

Foto: Raven Eye Photography/Visit Greenland

In Sisimiut nördlich des Polarkreises hat die „Sarfaq Ittuk“ zwei Stunden Aufenthalt. Das ist ausreichend für einen Spaziergang durch den zweitgrößten Ort des Landes mit seinem dörflichen Charakter und einem schmucken alten Zentrum. Die Holzhäuser unterhalb der Kirche bilden ein Museum; es sind historische Zeugen aus der Zeit, als die Dänen Grönland kolonialisierten. Die Hügel der Stadt bieten Aussicht in alle Richtungen, über das kleine Hafenquartier oder in die Schneeberge. Wer einen Aufenthalt einplant, kann von Sisimiut aus kurze oder mittellange Wanderungen in der Tundra auf der Route des Arctic Circle Trail machen. Am Dorfrand führt der Weg vorbei an angeleinten Schlittenhunden, die heulend auf den Winter warten. Nähern sollte man sich den starken Vierbeinern nur, wenn die Hundeführer dabei sind; diese zeigen auch stolz die knuddeligen Welpen vor. Informationen zu Wanderwegen gibt es im Hotel Sisimiut, das Ausflüge organisiert, auch per Boot in die umliegenden Fjorde. Zudem werden Elektrofahrräder vermietet.

Sehr lohnend ist Nuuk, mit 17 000 Einwohnern die einzige Stadt Grönlands. Dort stehen neben farbigen Häusern wuchtige Wohnblöcke sowie ein Kulturzentrum oder die Universität als architektonische Juwelen. Wer Inuit-
Kultur kulinarisch erleben will, kann dies im Inuk Hostel mit seinen Holzhütten direkt am Meer: Spezialitäten werden traditionell am Strand gegrillt. Selbst in der Hauptstadt ist die Natur nie weit weg: Bootstouren führen in die hinter Nuuk gelegenen Fjorde hinein; auch dort sind Wale häufige Gäste. Wer es etwas abenteuerlich mag, bucht bei Nuuk Adventure eine Tour mit dem Kajak – eine Erfindung der Inuit – oder Stand-up-Paddle. Nach zwei Stunden Bootsfahrt startet das gemütliche Paddeln an den Eisschollen vorbei – im wasserdichten Anzug. Es ist die ruhigste, ursprünglichste und naturverbundendste Art, sich den Eisbrocken zu nähern.

Nuuk oder Ilulissat werden nicht direkt angeflogen, sondern es ist ein Umsteigen in Kangerlussuaq erforderlich, dem größten Flughafen der Insel. Bei Air Greenland lässt sich ohne Aufpreis ein Aufenthalt von mehreren Stunden oder einer Nacht einplanen; beides erlaubt eine Tour zum 1000 Kilometer breiten Eisschild, der Grönland fest im Griff hat, auch wenn er schrumpft. Auf der Anfahrt auf einer staubigen Straße – der längsten des Landes – durch die blühende Tundra sind oft Rentiere, Hasen und Moschusochsen zu sehen. Nach 37 Kilometern betritt man den Rand des Eisschildes, gefurcht, hügelig, mit Wasserrinnen durchzogen. Eine weiß-bläuliche Unendlichkeit, die einen verstummen lässt.

Info

Zur Sache

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Anreise: Air Greenland fliegt täglich von Kopenhagen – mit Umsteigen in Kangerlussuaq – nach Nuuk, Sisimiut und Ilulissat. Zudem gibt es Flüge von Kopenhagen nach Narsarsuaq sowie von Reykjavik aus.

Beste Reisezeit: Der Sommer mit Temperaturen von 5 bis 17 Grad Celsius erlaubt Aufenthalte auf dem Schiffsdeck und Bootsausflüge. Gefühlt ist es oft wärmer; das wechselhafte Wetter erfordert aber Kleidung gegen Wind und Regen. Mitternachtssonne im Juni und Juli, Nordlicht ab September.

Küstenschiff: Preise nach Distanz und Kabinenbelegung. Die 48-stündige Fahrt von Nuuk nach Ilulissat kostet in der Doppelkabine je nach Zeitpunkt 400 bis 650 Euro pro Person, bei Viererbelegung 350 bis 470 Euro. Buchung auf www.aul.
gl oder in spezialisierten Reisebüros, dort auch in Kombination mit Flügen und Unterkünften.

Weitere Informationen zu Übernachtungen, Ausflügen, Bootstouren und Eisschild gibt es unter guidetogreenland.com sowie unter visitgreenland.com/de. Kajaks können bei
nuukadventure.com geliehen werden; Inuit-Dinner und kostengünstige Zimmer direkt am Meer in Nuuk: inukhostels.gl; Wanderungen/Fahrräder in Sisimiut: hotelsisimiutandtours.com.

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