Fischland-Darß-Zingst

Zwischen Ostsee und Bodden

Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst bietet neben Strandurlaub auch etwas für Outdoorfans und Kulturinteressierte.
01.10.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Solveig Rixmann
Zwischen Ostsee und Bodden

Der Weststrand ist wild und abgeschieden. Beim Blick in Richtung Leuchtturm sind die sogenannten Windflüchter gut zu erkennen.

Fotos: Solveig Rixmann

Fischland-Darß-Zingst. Der Mittelweg schlängelt sich durch den dichten Wald. Es rauscht. Ist es der Wind in den Baumwipfeln oder sind es Wellen, die an das Ufer schlagen? Noch ist der Strand nicht zu sehen, noch ist der Darßwald ganz Urwald. Hoch ragen die Wipfel in den Himmel. So üppige Kronen, dass Wolken und Sonne nur erahnt werden können. Urlauber radeln des Wegs, stellen ihre Fahrräder rechts und links des Pfads ab, greifen sich ihre Strandzelte, Badetaschen und streifen ihre Schuhe ab.

Der Weg führt die Düne hinauf, der feine Sand drückt sich durch die Zehen, und durchs Haar streift der Wind. Die Wellen rauschen mit ihm um die Wette. Rechts des Wegs biegen sich die Kronen einiger Kiefern zur Seite. Sie haben ihre Wuchsform am Wind ausgerichtet. Es sind sogenannte Windflüchter, Bäume, die verstärkt auf der vom Wetter abgewandten Seite wachsen.

Dort am Darßer Weststrand auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gibt sich die Ostsee fast schon ein wenig nordseehaft. Die grünen Wellen branden rau ans Ufer. Entwurzelte und umgestürzte Bäume liegen im Sand. Dort ist der Strand naturbelassen und wild.

Das Fischland bildet den südwestlichen Abschnitt der Halbinsel, daran schließt sich der Darß an und anschließend folgt nach Osten der Zingst. In früheren Zeiten waren der Kern Fischlands sowie auch der Darß und der Zingst Inseln.

In der Hauptsaison ist der etwa 13 Kilometer lange Darßer Weststrand nicht menschenleer, aber wesentlich ruhiger als die Hauptbadestrände. Doch auch im Herbst kann man dort wunderbar spazieren gehen. Wer Glück und gute Augen hat, findet nach einem Sturm vielleicht sogar Bernstein. Wer an den Weststrand will, muss zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen, der nächste Parkplatz liegt ein paar Kilometer entfernt. Der Strand befindet sich im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Dort gilt, wie in allen Nationalparks Deutschlands, das Motto: Natur Natur sein lassen. Einsam und urtümlich ist diese Naturküste. Keine Seebrücke, keine Imbissstände, keine Strandkörbe. Nur Kliffkanten, Windflüchter und Dünen. Natur pur.

Auch der östliche Teil der Halbinsel Zingst und der Mittelteil des Darß sind Teile des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Der umfasst Ostsee- und Boddengewässer sowie Landflächen Vorpommerns im Bereich der Halbinsel Darß-Zingst bis westlich vor der Insel Rügen. Wasser und Land liegen dort dicht beieinander und deren Lebensräume sind eng miteinander verbunden. Teil des Nationalparks ist auch der Darßwald, der direkt an den Weststrand grenzt und auch Darßer Urwald genannt wird. Er wird nur zum Teil bewirtschaftet, weshalb einige Bereiche urwüchsig sind. Mit seinen 47 Quadratkilometern Fläche macht er den Großteil der Halbinsel aus und beheimatet eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Rund 70 000 Kraniche rasten in der Region Fischland-Darß-Zingst jeden Herbst auf der Reise in ihre Winterquartiere. Einmalig ist zudem, dass Rothirsche in den Dünen oder am Ostseestrand beobachtet werden können. Wer Glück hat, sieht vielleicht auch einen Seeadler am Himmel seine Bahnen ziehen. Auch die majestätischen Greifvögel brüten in der Region.

Kiefern, Birken, Erlen, Buchen und Eichen wachsen dort. Der Boden abseits des Wegs ist meist bedeckt von Blaubeerbüschen oder Farnen. Der weiche Waldbodenweg gibt bei jedem Schritt nach, Baumwurzeln queren den Weg, Blindschleichen flüchten sich ins Gebüsch, umgestürzte Bäume werden liegen gelassen. Etwa 36 Wege kreuzen das Waldgebiet. Um den Darßwald herum liegen die Orte Prerow, Born, Wieck und das Künstlerdorf
Ahrenshoop.

Typisch für die Region: die bunt bemalten, kunstvoll verzierten Darßer Türen.

Typisch für die Region: die bunt bemalten, kunstvoll verzierten Darßer Türen.

Foto: Solverig Rixmann

Wer mit wachen Augen durch die Ortschaften der Halbinsel streift, dem werden auf seinen Touren immer wieder bunt bemalte und mit Ornamenten geschmückte Türen auffallen. In kräftigem Grün, sattem Blau, strahlendem Rotbraun, verziert zum Beispiel mit Tulpensträußen, Sonnen oder Meerestieren sind sie ein Blickfang – die sogenannten Darßer Türen. Ihren Namen erhielten sie, da sie überwiegend auf der einstigen Insel Darß vorkamen. Eine alte Tradition: Sie sind ein Überbleibsel aus der Seefahrerzeit und gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Ob 200 Jahre alt oder Neuanfertigung, ihre Ornamente haben Bedeutung. Häufig ist auf den Türen eine Sonne zu sehen, sie steht für eine glückliche Heimkehr der Seeleute. Aber auch Symbole zum Schutz des Hauses finden sich auf fast allen Türen. Diese geschmückten Haustüren sind vorwiegend in den Ortschaften Wustrow, Born, Wieck und Prerow zu finden. Im Jahr 2018 wurde die kunsthandwerkliche Herstellung der Darßer Türen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die deutsche Unesco-Kommission schreibt dazu auf ihrer Internetseite: „Darßer Türen bilden ein unverwechselbares Wiedererkennungsmerkmal für die Darß-Orte an der Mecklenburg-Vorpommerschen Küste und sind Ausdruck lokaler Identität.“

Jede Menge Schilf und Wasser. Vögel ziehen ihre Bahnen durch die Luft, Surfer ihre durch das gekräuselte Wasser. Boote und Ausflugsschiffe schippern mal schneller, mal gemütlicher dahin. Dass der Bodden ein flaches Küstengewässer ist, ist mancherorts vor lauter Schilf kaum zu erkennen. Die Darß-Zingster Boddenkette, die südöstlich der Halbinsel liegt, entstand durch Abtrennung von der Ostsee. Dort reihen sich von Westen nach Osten mehrere Bodden aneinander.

Die Bodden entstanden, weil das flache Küstengewässer durch Halbinseln oder Landzungen von der Ostsee abgetrennt wurde. Was anderswo Lagune heißt, wird dort Bodden genannt. Die Wasserfläche ist etwa 197 Quadratkilometer groß und durchschnittlich zwei Meter tief. Die Bodden haben einen geringeren Salzgehalt als die Ostsee, durch Eintrag aus Flüssen teilweise schon Süßwassercharakter und einen wesentlich höheren Nährstoffgehalt als die Ostsee. So finden sich in den Bodden des Nationalparks Süß- und Meeresfischarten gleichermaßen.

Bremer, die durch den Ort Ahrenshoop spazieren, werden vielleicht auf den „Rufer“ stoßen. Die Bronze-Skulptur könnte ihnen vertraut vorkommen. Denn geschaffen hat sie der Bildhauer und Grafiker Gerhard Marcks. Sie war eine Auftragsarbeit von Radio Bremen und steht heute der Weser zugewandt vor dem Studio- und Sendegebäude im Faulenquartier. Einer der weiteren Abgüsse der drei Meter großen Figur steht in Niehagen vor dem ehemaligen Haus des Künstlers.

Die wechselhafte Landschaft – Meer und Bodden, Dünen und Steilufer, Wald und Wiesen – und das Licht zogen auch Künstler an. Vor mehr als 125 Jahren kamen die ersten Landschaftsmaler in den abgeschiedenen
Fischerort Ahrenshoop. Erst nur als Gäste, einige Zeit später blieben sie den Sommer über oder dauerhaft und errichteten hier ihre Sommerresidenzen. Als erstes Ausstellungshaus im Ort wurde 1909 der Kunstkaten eröffnet. Noch heute ist Ahrenshoop eine Künstlerkolonie – mit zahlreichen Ateliers, Werkstätten, Galerien und einem Kunstmuseum.

Ganz an der Nordspitze der Halbinsel befindet sich auf der Ostseite der Nothafen Darßer Ort. Er wurde geschaffen, da es zwischen Warnemünde und Barkhöft keinen anderen Hafen gibt, der von Sportbooten angelaufen werden kann, sollte sich das Wetter ändern oder sie einen Notfall haben.

Ganz an der Nordspitze der Halbinsel befindet sich auf der Ostseite der Nothafen Darßer Ort. Er wurde geschaffen, da es zwischen Warnemünde und Barkhöft keinen anderen Hafen gibt, der von Sportbooten angelaufen werden kann, sollte sich das Wetter ändern oder sie einen Notfall haben.

Foto: Solveig Rixmann

Sediment, das an der Westseite der Halbinsel von der Ostsee-Strömung abgetragen wird, wird weiter nördlich im Naturgebiet Darßer Ort im Windschatten der Landspitze wieder abgelagert. So entsteht dort jenseits des runden, roten Backsteinleuchtturms neues Land und die Halbinsel wächst stetig weiter nach Norden. Ihre günstige Lage auf der Flugroute der Zugvögel macht sie zu einem beliebten Ort für einen Zwischenstopp. Aber auch Fischotter, Sandregenpfeifer oder Kegelrobben haben dort ein ungestörtes Zuhause.

Auf einem mehr als vier Kilometer langen Rundwanderweg kann die Landspitze erkundet werden. Dabei ist das Wandern abseits des Wegs nicht gestattet. Entlang des Wegs bieten mehrere Aussichtsplattformen die Möglichkeit zu einem Blick von oben auf das noch junge Land. Ein ständiges Ringen zwischen Land und Meer. Dort haben Wanderer eindrucksvoll die verschiedenen Stadien der Landentstehung mit ihren Flachwasserbuchten, Schilf und Strandseen sowie der vielfältigen Tierwelt vor Augen.

Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst ist nichts für Stubenhocker. Kulturell können Gäste dort einiges erleben. Außerdem gibt es viel zu viel Natur – Tiere und Pflanzen – zu entdecken, viel zu viele Möglichkeiten, draußen aktiv zu sein: Wandern, Radfahren, Reiten, Surfen, Segeln, spazieren gehen oder am Strand liegen, Schwimmen und, und, und.

Info

Zur Sache

Fischland-Darß-Zingst

Anreise: mit dem Auto auf der A 1 Richtung Lübeck. Am Autobahnkreuz Lübeck auf die A 20 Richtung Rostock wechseln. Anschließend am Autobahnkreuz Rostock auf die A 19 Richtung Rostock-Ost wechseln. An der Abfahrt Rostock-Ost der B 105 Richtung Stralsund/Ribnitz-
Damgarten folgen. Von dort aus biegt man auf die L 21 ab, die auf die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst führt. Wer nicht mit dem Auto anreist, kann mit dem Zug bis Ribnitz-Damgarten fahren und von dort aus mit dem Bus weiter.

Freizeitmöglichkeiten: Ortsrundgänge zu verschiedensten Themen, verschiedene naturkundliche Führungen, verschiedene Museen, Strandaktivitäten, Wassersportmöglichkeiten und vieles mehr.

Weitere Informationen zur Region gibt es zum Beispiel unter www.ostseebad-prerow.de, www.ostseebad-ahrenshoop.de, www.darss-
fischland.de, www.fischland-darss-zingst.de sowie www.nationalpark-vorpommersche-
boddenlandschaft.de.

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