Hitzacker im Wendland Von wegen abgeschieden

Hitzacker liegt zwischen den Flussarmen der Jeetze. Wie die kleine Stadt sich erfolgreich gegen Überschwemmungen gewappnet hat und wieso die Monarchie in dem beschaulichen Ort so präsent ist. Ein Ausflug.
07.11.2020, 06:00
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Von wegen abgeschieden
Von Gesa Below

Klaus Wöckener ist zertifizierter Natur- und Landschaftsführer und seit 25 Jahren im Wendland zu Hause. Seinen Beruf als Gärtnermeister im Botanischen Garten in Hamburg hat er aufgegeben, um sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung in Gorleben zu engagieren. Aber auch wegen der unberührten Natur hat es ihn in das seit 1997 geschützte „Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue“ und vor acht Jahren dann nach Hitzacker gezogen – also in einen Ort, der in Zeiten, als auf der anderen Seite der Elbe noch die DDR existierte, gerne mit Fernglas im Gepäck als Aussichtspunkt „nach drüben“ besucht wurde. Hitzackers damalige Randlage auf bundesdeutschem Gebiet war außerdem gebrandmarkt durch den Begriff „Zonenrandgebiet“ – dort, so hieß es, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, was ein deutlicher Hinweis auf die dünne Besiedelung war.

Mittlerweile leben mehr Menschen in der Region, aber von Überbevölkerung ist im wendländischen Kreis Lüchow-Dannenberg immer noch keine Rede: gute 48 000 Einwohner auf 1220 Quadratkilometern, viel Wald, viel Natur, viel Wasser – und Wölfe gibt es auch wieder. Das freut Wöckener, der Hitzacker „eine geschlossene Welt im Kleinen“ nennt. Er sitzt in seinem Ladengeschäft „Die Fahrradvase“ am Markt an seiner Töpferscheibe und zählt auf: „Wir haben einen Bahnanschluss, wir haben Kultur, Restaurants und sogar ein Kino“. Das befindet sich zwar in einem 20 Kilometer entfernten Dorf, aber: „In Hamburg muss man unter Umständen auch weit fahren“. Also keinesfalls abgeschieden, der Ort. Das mit der geschlossenen Welt im Kleinen darf aber auch auf die besondere Stimmung im Ortskern bezogen werden. Hitzackers Zentrum, wenn man die paar Dutzend Backstein- und Fachwerkhäuser so nennen will, wird von zwei Wasserläufen des Flüsschens Jeetzel umarmt. Es kommt aus den Wiesen des Wendlands, um sich genau vor der Ortsmitte zu teilen, diese in die Mitte zu nehmen und dann, nur wenige Hundert Meter später, wiedervereint in die Elbe zu fließen. Dadurch wird der Kernort zur Flussinsel, was die Einwohner allerdings lange Zeit gar nicht glücklich gemacht hat. Denn Hitzacker litt bis zum Bau einer Flutmauer im Jahr 2008 extrem unter den alljährlichen Elbehochwassern. Über die Bilder von „aqua alta“ in Venedig konnte man nur die Achseln zucken: Hier stand das Wasser der Elbe oft auch bis zu einem halben Meter hoch im Ort.

Das ist Vergangenheit. Zwar stieg die Elbe im Jahr 2013 noch einmal bis fünf Zentimeter an die Flutmauerkante, deren Hochwasserschutz bis 8,15 Metern ausgerichtet ist – aber solch dramatische Stunden sind in Hitzacker sonst rar: Alles geht seinen Gang. Töpfer Wöckener hat aus seinen efeuumrankten Fenstern das Geschehen gut im Blick, denn die Straßenkreuzung vor seinem Laden ist gleichzeitig der Marktplatz, wo sich – je nach Jahreszeit – entweder sehr viele Besucher bewegen, oder kaum jemand auf der Straße zu sehen ist. Zwischen dem Bioladen und dem Eiscafé gegenüber ist an diesem Wochentag nicht viel Betrieb; im Schaufenster des Zeitschriftenladens, gleichzeitig Lotto-Annahmestelle und DHL-Shop, zielt die Auslage auf das Kernpublikum: Zeitschriften über Reisemobile, „Hund im Glück“ und „Vom Glück des grünen Reisens“ lassen ahnen, dass die Kundschaft weder auf ausgedehntes Shopping noch auf Nachtleben aus ist.

Aber man soll sich durch die Übersichtlichkeit des Ortes nicht täuschen lassen. Hitzacker kann auf Traditionen verweisen, die den Ort weit über die Landesgrenzen berühmt gemacht haben. Noch vor der „Musikwoche Hitzacker“, die seit 1987 im Spätwinter stattfindet, sind vor allem die „Sommerlichen Musiktage“, dem ältesten bundesdeutschen Festival für Kammermusik, ein fester Termin für Klassikliebhaber. Seit 1946 treffen sich alljährlich im August international renommierte Musiker, die dann überall im Ort auftreten. Manchmal wird sogar auf dem 44 Meter hohen Weinberg musiziert. Dessen überschaubarer Rebenertrag bringt ihm den Titel eines der nördlichsten Weinanbaugebiete Deutschlands ein, und eine Weinkönigin gibt es auch.

Überhaupt dreht sich einiges um die Monarchie in Hitzacker. Weil Claus von Amsberg, verstorbener Ehemann der niederländischen Königin Beatrix, aus der Stadt stammt, wird bis heute der Königstag im April gefeiert, und alles mit orangenen Tulpen geschmückt, sagt Stadtführerin Anja Manuela Zitko. Den Weg entlang der ein Kilometer langen Flutmauer hat man Claus-von- Amsberg-Promenade getauft. Und auf der Oranierroute, die auf einem 2400-Kilometer-Rundkurs ab und bis Amsterdam alles berührt, was mit dem Hause Oranien-Nassau zu tun hat, ist Hitzacker verzeichnet.

Bekannter als all das dürfte sein, dass die Stadt am Elbe-Radweg liegt, der auf der anderen Flussseite am Deich entlang führt. Radler des beliebten deutschen Flussradwegs sind häufig zu Gast; sie kommen mit der kleinen Elbfähre über den Fluss. „Wenn ich gut stapel, komm ich auf 20 Fahrräder“, erklärt Kai Meier, einer der Schiffsführer, den maximalen Platz auf seiner kleinen Fähre. In den Sommermonaten muss er dieses Kunststück manchmal schaffen, aber er fahre auch für eine Person – das ist allerdings in der Betriebszeit von 1. April bis 15. Oktober nicht allzu oft der Fall.

Danach, irgendwann im Herbst, kehrt Ruhe ein in Hitzacker. Das ist die Zeit der Vogelbeobachter. Von „einem grandiosen Schauspiel“, schwärmt auch Anja Manuela Zitko, wenn man von verschiedenen Standorten am Elbdeich einen wunderbaren Blick auf das Spektakel hat, wenn Tausende Gänse zu ihren Schlafplätzen am Fluss oder den umliegenden Fressplätzen unterwegs sind.

Info

Zur Sache

Hitzacker

Anreise: entschleunigt mit dem Auto durch die Heide, über Uelzen und durch die Göhrde. Mit dem Zug: Ab Lüneburg fährt auf eingleisiger Strecke der Erixx. Oder noch umweltfreundlicher mit dem Rad auf dem Elbe-Radweg!

Unterkünfte: mit Blick auf Elbe und Jeetzel: Hotel Hafen Hitzacker, Telefon: 0 58 62 / 9 87 80, hotel@hafen-hitzacker-elbe.de und Hotel Waldfrieden, Telefon: 0 58 62 / 9 67 20, post@hotel-waldfrieden.info. Im Ort: Hotel zur Linde, Telefon: 0 58 62 / 347, mailhotellinde@aol.com und das Hotel Bürgerstube, Telefon: 0 58 62 / 64 39, info@buergerstube-hitzacker.de

Essen und Trinken bieten die Hotelrestaurants und zahlreiche Gaststätten im Ort, immer auch mit regionalen Gerichten wie Spargel oder Grünkohl. Einen schönen Elbblick hat man in der „Inselküche“, Telefon: 0 58 62 / 75 96. Eine Reservierung vor allem im Sommer ist angeraten.

Besonders empfehlenswert ist der Besuch des Archäologischen Zentrums, Elbuferstraße 2–4, 29456 Hitzacker, Telefon: 0 58 62 / 67 94, azh@archaeo-centrum.de. Näheres zu allen Aktivitäten hat die Touristinfo Hitzacker, Am Markt 7, 29456 Hitzacker, Telefon: 0 58 62 / 9 69 70, touristinfo@hitzacker.de.

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