Der Herdentrieb ist tief in der Entwicklungsgeschichte des Lebens verwurzelt / Verhalten spart Energie Im Zweifel folgen Menschen eher der Masse

Wenn viele losrennen, fällt es einzelnen Menschen schwer, stehen zu bleiben. Fremde Bewegung steckt an. Der Herdentrieb lässt sich zum Beispiel an Fußgängerampeln beobachten, wenn plötzlich jemand bei Rot losläuft. Andere folgen ihm. Nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern hat dieses Verhalten viel mit dem entwicklungsgeschichtlichen Erbe zu tun, das heißt der Evolution.
01.02.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Walter Schmidt

Wenn viele losrennen, fällt es einzelnen Menschen schwer, stehen zu bleiben. Fremde Bewegung steckt an. Der Herdentrieb lässt sich zum Beispiel an Fußgängerampeln beobachten, wenn plötzlich jemand bei Rot losläuft. Andere folgen ihm. Nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern hat dieses Verhalten viel mit dem entwicklungsgeschichtlichen Erbe zu tun, das heißt der Evolution.

Im Laufe der Evolution hat der Mensch nicht nur Körpermerkmale, sondern auch Verhaltensweisen entwickelt, die sich bis heute als nützlich erweisen. Eines dieser Überlebensprogramme bringt der Göttinger Evolutionspsychologe Benjamin Lange so auf den Punkt: „Was die Masse macht, kann so falsch nicht sein, und wenn die Masse irrt, dann sitzen wir wenigstens alle im selben Boot und können das Problem gemeinsam lösen.“ So dumm es beispielsweise für ein Gnu wäre, beim Angriff eines Löwenrudels allein nach Westen zu rennen, wenn die Herde nach Osten flieht, so riskant sind einsame Entscheidungen für Menschen. Börsenanalysten zum Beispiel richten ihre Urteile über die Zukunft von Unternehmen häufig an denen ihrer Kollegen aus. Niemand liegt gern als Einziger falsch mit seiner Prognose und steht am Ende wie ein Depp da. Es gehört Mut dazu, eine Außenseitermeinung zu vertreten.

Schnelle Entscheidung

Allerdings ist es ein gewaltiger Unterschied, ob sich jemand tagelang intensiv mit einem Investment befassen kann oder bei einem Brand innerhalb von Sekunden entscheiden muss, ob es ratsam ist, wie andere in eine bestimmte Richtung zu laufen. Wer selber nicht weiß, wo sich der beste Fluchtweg befindet, tut gut daran, sich an anderen zu orientieren. Vielleicht weiß ja der Leithammel wirklich etwas, das einem selber entgangen ist. „Hinzu kommt, dass uns emotionale Erregung und Unsicherheit empfänglich machen für Suggestion durch andere“, sagt der Grazer Wirtschaftspsychologe Thomas Brudermann, Autor eines Buches über Massenpsychologie. „Wenn wir uns in einer Situation wiederfinden, für die wir keine Erfahrungswerte haben, dann orientieren wir uns an dem, was andere tun.“

Aus evolutionärer Sicht ist dies nach den Worten des Wissenschaftlers durchaus sinnvoll. Zunächst spart es Energie, wenn man sich langes Nachdenken erspart und lieber die Beine unter den Arm nimmt. Kein anderes Organ in einem ruhenden Körper benötigt so viel Energie wie das Gehirn. Besonders eindrucksvoll fällt die Energiebilanz aus, wenn man sich den Glukoseanteil vor Augen führt. Obwohl das Gehirn nur etwa zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es gut die Hälfte der Glukose, die täglich mit der Nahrung aufgenommen wird – bei großem Stress sogar fast 90 Prozent. „Das Gehirn muss mit seinen Ressourcen sparsam umgehen, und Nachdenken ist energieintensiv und langsam“, erläutert Brudermann. Affekte hingegen, also Gemütsregungen, bräuchten nicht nur weniger Energie, sondern entwickelten sich zudem sehr schnell. „Wir folgen daher in gefährlichen Situationen oft unserem ersten, affektiven Impuls, tun also das, was andere tun, oder laufen auf demselben Weg wieder zurück, den wir auch gekommen sind“, erklärt der Grazer Wirtschaftspsychologe.

Für das Überleben der Art hat der Herdentrieb eine wichtige Rolle gespielt. Das zugrunde liegende Problem kennt jeder, der gern Tierfilme sieht. „Ein von der Herde losgelöstes Individuum ist besonders gefährdet“, sagt der Evolutionspsychologe Professor Harald Euler. Eine lospreschende Herde bietet jedem mitlaufenden Tier Schutz. Erstens dienen die Artgenossen zumindest den Flüchtenden im Innern des Pulks als lebende Schutzschilde. Zweitens fällt es Raubtieren schwer, im Gewusel ein bestimmtes Tier ins Auge zu fassen. Dies gilt besonders bei Tieren wie Zebras mit ihrem irritierenden Streifenmuster. Drittens bietet der große Verbund die Chance, dass eine Gruppe von Tieren gemeinsam zum Gegenangriff übergeht oder einem angegriffenen Artgenossen zu Hilfe eilt. Auch dies kommt hin und wieder in den Savannen Afrikas vor.

Mitreißende Zeitgenossen

Buchstäblich mitreißend wirken auf Menschen ungeduldige Fußgänger, die an der Ampel bei Rot loslaufen. Das Gleiche geschieht, wenn die Vorderleute in einem Wandertrupp plötzlich den Weg abkürzen und eine Wiese queren, die sonst umständlich zu umgehen wäre. Die anderen tun es ihnen gleich. „Wenn wir wahrnehmen, dass andere loslaufen, löst das in uns einen automatischen Impuls aus, ebenfalls loszugehen“, erklärt Brudermann.

Schön zu beobachten ist dieses fremdgesteuerte Verhalten auch bei Wandergruppen, die sich an einem bestimmten Ort treffen, um gemeinsam loszulaufen, oder eine Pause gemacht haben. „Wenn dann einer entschlossen losgeht, folgt die Gruppe sofort“, hat der Natursoziologe Rainer Brämer beobachtet. Dabei müsse der Vorangehende den Weg gar nicht kennen; es reiche vollkommen aus, dass er den Anschein erwecke. Das bedeutet auch: Auch ein Dasein als Mitläufer ist nicht unproblematisch. Unter Umständen kann es in die Irre führen, bisweilen gar ins Verderben – an der Börse ebenso wie sonst im Leben. Der Verstand sollte also besser nicht abgeschaltet werden.

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