Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz: Hermann Siefken im Einsatz gegen giftige Pflanzen

Jäger der Herkulesstaude

Sie ist schön anzuschauen, aber gefährlich für Mensch und Natur: die Herkulesstaude. Die Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz hat ihr den Kampf angesagt. Allen voran Mitglied Hermann Siefken.
01.05.2016, 00:00
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Jäger der Herkulesstaude

Gefährliche Schönheit: die Herkulesstaude

Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz

Bremen-Nord. „Ich bin der natürliche Feind der Herkulesstaude“ sagt der Schönebecker schmunzelnd. Feinde hat die Staude, auch Riesen-Bärenklau genannt, nur wenige. Der botanische Einwanderer aus dem Kaukasus, der um 1815 vom russischen Zaren Alexander I. als Geschenk an den Fürsten Metternich nach Mitteleuropa eingeführt wurde, duldet keine heimischen Gewächse neben sich. Der Ausbreitungsdrang der Staude kennt keine Grenzen. „Eine einzige Pflanze kann bis zu 8000 Samen werfen“, erklärt Siefken. Vielerorts ist die Herkulesstaude zur Plage geworden. Auch in der Bremer Schweiz gab es vor wenigen Jahren große Bestände. Dass sich die Pflanze hier inzwischen kaum noch breit macht, ist dem Einsatz von Hermann Siefken zu verdanken.

Seit 20 Jahren ist der frühere Kaufmann Mitglied der Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz (AGBS), genau so lange bekämpft er die Herkulesstaude. Siefken weiß, was die Pflanze beim Menschen anrichten kann. „Schon die kleinste Berührung von Pflanzenteilen, besonders der Blattränder, oder der Kontakt mit Pflanzensaft kann zu Reizungen und zu Verätzungen der Haut führen.“ Unter Sonneneinstrahlung kann es zu schweren allergischen Reaktionen mit Blasenbildung bis hin zu Verbrennungen kommen. Schuld sind Giftstoffe in der Staude, die Furocumarine.

Zum Schutz von Mensch und Natur zieht Siefken seit gut zwei Jahrzehnten gegen die Giftpflanze zu Felde. Die chemische Keule kommt für den Naturschützer selbstredend nicht in Frage. Seine einzige aber wirksame Waffe ist ein scharfer Spaten. Damit packt er das Übel im wahrsten Sinne des Wortes an der Wurzel. Die Pflanze mit Stumpf und Stiel auszugraben koste zwar Kraft und Zeit, vor allem bei größeren Flächen. „Aber es ist die sicherste Methode.“

Die Herkulesstaude sei ein Überlebenskünstler, weiß Siefken aus Erfahrung. Er hat es schon erlebt, dass eine nicht tief genug abgestochene Pflanze nach kurzer Zeit wieder austrieb. Selbst aus abgeschlagenen Stängeln ziehe eine Blüte noch Saft für die Samenbildung. „Deshalb ist es wichtig, auch die Doldenstände zu zerhacken.“
Ende Mai geht Siefken in der Regel mit dem Spaten zu Werke. Einen Standort pro Jahr nimmt er sich vor. Den bearbeitet er intensiv. „Eine Blüte, die man übersieht, kann die Arbeit von Jahren zunichte machen“, weiß der 68-Jährige. Die Bekämpfung der Herkulesstaude ist eine Herkulesaufgabe. „Schnelle Ergebnisse kann man nicht erwarten.“

In der Bremer Schweiz hat sich der Einsatz des Schönebeckers, der von ein bis zwei weiteren ABGS-Mitgliedern unterstützt wird, nach annährend zwanzig Jahren ausgezahlt. „Wir haben in dieser Zeit fast 50 Standorte betreut. Seit rund zwei Jahren haben wir das Problem im Griff. In der Bremer Schweiz ist die Herkulesstaude in der freien Natur weitgehend verschwunden.“ Der Jäger des Riesen-Bärenklaus hat inzwischen an der Schwaneweder Beeke ein neues Revier gefunden. Vor Kurzem hat er bei einem ersten Einsatz am Bachufer den Spaten gegen die Giftpflanze geschwungen. „Auf einem 300 Meter langen Stück haben wir alles weggenommen.“

In den kommenden Jahren wartet an der Beeke nicht nur auf Siefken Arbeit. Der Bach steht im Mittelpunkt eines neuen Projektes der Aktionsgemeinschaft. Die Beeke soll renaturiert werden. Projektträger sind neben der AGBS die Biologische Station Osterholz, der Bund für Umwelt und Naturschutz in Osterholz und der Naturschutzbund in Schwanewede. Das Aktionsbündnis will die zu einem Graben verkommene Beeke auf drei Abschnitten wieder in den naturnahen Bach zurückverwandeln, der er einmal war. Zwei Flächen stellt die Gemeinde Schwanewede bereit, eine weitere die Kirchengemeinde St. Johannes in Schwanewede.

Ein Renaturierungskonzept steht. Mit einem Bündel von Maßnahmen soll der insgesamt 6,7 Kilometer lange Bach zunächst auf 600 bis 700 Metern wieder sein ursprüngliches Aussehen erhalten. Statt wie heute in ein enges und tiefes Bett gezwängt schnurgerade durch Wiesen und Ackerflächen zu fließen, soll sich die Beeke künftig in ihrem alten Lauf durch die Landschaft schlängeln. Flache Senken und Kiesstrecken im Bachbett sind vorgesehen, für die Eiablage von Fischen und Amphibien. Überflutbare Uferniederungen sollen dem Gewässer mehr Freiheit geben. „Derzeit laufen Abstimmungsgespräche zwischen allen Beteiligten“, erläutert die AGBS-Vorsitzende Susanne Wagner den Verfahrensstand. Ziel sei, die Genehmigungsplanung in diesem Jahr in Auftrag zu geben. Mit der Umsetzung erster Maßnahmen rechnet Wagner frühestens im Spätsommer oder Herbst 2017.

Mit der Renaturierung von Gewässern hat die AGBS Erfahrung. 1975 angetreten als Bürgerinitiative gegen den geplanten Bau einer Autobahntrasse mitten durch das Auetal in Schönebeck und Leuchtenburg, setzt sich der Verein seit 41 Jahren für den Landschafts- und Naturschutz in der Bremer Schweiz ein. Zahlreiche Projekte hat der Verein, der 31 Jahre von Peter Krauß geleitet wurde, mit seinen aktuell 226 Mitgliedern seitdem umgesetzt. Das erste Projekt war die Renaturierung der Schönebecker Aue. Sie ist bis heute ein Kernthema.

Mit der Öffnung der Auemündung am Vegesacker Hafen, dem Umbau von drei Sohlabstürzen in Sohlgleiten und der Umleitung für Fische am Schönebecker Schlosswehr haben die Naturschützer Erfolge erzielt. Die Aue ist jetzt in großen Teilen für Fische wieder passierbar. Handlungsbedarf sieht die AGBS trotzdem noch. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Vegesack fließt die Schönebecker Aue noch immer unter der Erde statt offen sichtbar, wie es sich die Naturschützer wünschen. Ein Dorn im Auge sind dem Verein zwei verbliebene Sohlabstürze im Bachlauf. Ein Grundstückseigentümer sträubt sich. „Da kommen wir derzeit nicht weiter“, zeigt sich die AGBS-Vorsitzende enttäuscht.

Nicht nur bei der Bekämpfung der Herkulesstaude, auch bei vielen anderen Projekten packen Vereinsmitglieder mit an. In einem ehemaligen Feuerwehrteich in Löhnhorst hat der Verein ein Feuchtbiotop angelegt. Gefährdete Molche, seltene Libellen und Orchideen sind inzwischen heimisch. „Als wir anfingen, gab es eine Handvoll Orchideen. Heute blühen hier 200“, erzählt die Vorsitzende. Wagner betreute viele Jahre mit Anwohnern das Amphibien-Schutzprojekt der AGBS am Holthorster Weg in Leuchtenburg. Zur Laichzeit von Molchen und Kröten wird die Straße abends gesperrt. „Gut entwickelt hat sich unsere Streuobstwiese in Knoops Wald“, erzählt die Vorsitzende. Die 2005 gepflanzten Hochstämme alter regionaler Apfelsorten werden von Mitgliedern gepflegt und geschnitten. Der Lohn für die Mühe war bereits eine reiche Ernte.

Zusammen mit Landwirten brachte der Verein Ackerrandstreifen zum Blühen. Wenn es um den Landschaftsschutz geht, mischt sich die Aktionsgemeinschaft auch politisch ein. Mit ihrem Protest trug sie dazu bei, dass der geplante „Wohnpark Löhnhorst“ kleiner wird als geplant.

Mit öffentlichen Vorträgen und Exkursionen wirbt der Verein für den Natur- und Landschaftsschutz und hat auf diesem Weg laut Wagner neue Mitglied gewinnen können. „Um bei uns mitzuarbeiten, muss keiner Fachmann sein. Wichtig ist die allein die Liebe zur Natur.“

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