Von Takayama bis nach Tokio

Japan zwischen Hightech und Zen

Eine Reise zu einem Volk mit geheimnisvoller Seele
11.11.2020, 18:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Béatrice Hecht-El Minshawi
Japan zwischen Hightech und Zen

Kyoto ist das kulturelle Zentrum Japans, dort gibt es auch den Philosophenweg.

Béatrice Hecht-El Minshawi

Takayama. Es ist kühl im Hida-Hochgebirge, als der Bus nach etwa einstündiger Fahrt von Takayama mit sieben neuen Gästen im Dorf ankommt. Dennoch sind sie nicht die Einzigen. Chinesische Tagesausflügler sind bereits von der anderen Seite, aus Kanazawa eingetroffen und im Ort verteilt. Takayama, Shirakawa-gō und Kanazawa liegen im Norden von Nagoya, sind historisch reich und per Bus gut erreichbar.

Die Kirschblüte, Hanami, ist längst vorbei, ein kleiner Baum zeigt noch einige Sakura-
Blüten. Am Bach strahlen Iriden in dunkelviolett und auf der anderen Seite in blasslila. Shirakawa-gō wirkt einladend.

Shirakawa bedeutet weißer Fluss und Gemeinde. 1995 wurde sie mit Gokayama zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Beide Orte sind für ihre reetgedeckten, im Gasshō-Zukuri-Stil gebauten Bauernhäuser bekannt, die zum Teil älter als 250 Jahre sind und bis zu 60 Grad steil abgeschrägte Dächer haben.

Gasshō-Zukuri bedeutet „betende Hände-Struktur“ und bezieht sich auf die zum Gebet gefalteten Hände mit den Fingerspitzen nach oben. Die steilen Dächer bieten im Winter Schutz vor starken Schneefällen. Die oberen Geschosse der Häuser konnten früher zur Seidenraupenzucht genutzt werden. In den Bergen wuchsen die dazu notwendigen Maulbeerbäume. Um dieses Weltkulturerbe vor Brand zu schützen, soll es ein ausgeklügeltes System mit im Boden versteckten Wasserdüsen geben, die sofort aktiv werden.

Wer einen Blick auf das Dorf wünscht, kann zu den Ogimachi-jō-Schlossruinen hochgehen und die idyllische Anordnung der Häuser, Reisfelder und Gemüsegärten betrachten. Auffallend ist, dass die meisten Häuser in Nord-Süd-Richtung gegen Wind und Sonneneinstrahlung gebaut wurden, um sie warm beziehungsweise kühl zu halten. An den Wochenenden im Februar und März werden die schneebedeckten Häuser geheimnisvoll erleuchtet. Wer möchte, kann das Gasshō-Zabukuri Minka-en-Freiluft-Museum mit mehr als 20 Gasshō-Häusern besuchen und etwas über Konstruktion, Baustil sowie das Leben der Menschen lernen. Bekannt ist das Wada-ke Haus, in dem immer noch zwischen Juli und August 500 Seidenraupen gezüchtet werden. Es soll aus dem Ende der Edo-Zeit (1603–1868) stammen. Im Kanda-ke Haus kann man sich an einer Feuerstelle wärmen und in einem Kessel gekochten Wildgras-Tee trinken.

Das Shirakawa-Dorf ist für Touristen ein idyllischer Ort, für die 1600 Einwohner nicht immer, wenn sie alljährlich von rund 1,8 Millionen Besuchern überfallen werden, von denen knapp 36 000 dort übernachten.

Das Guest House Kei wirkt luftig und leicht und riecht angenehm nach frischem Holz. Ein junges japanisches Paar und ein amerikanisches sind eingebucht, auch eine ältere Japanerin. Abends treffen wir uns zufällig am großen Tisch zum Essen. Die Japaner bevorzugen vorgefertigte Reishappen aus der Obentō, einer Plastikbox. Die US-Amerikaner Hamburger und ich einen gemischten Salat und Reiskuchen mit roter Bohnenpaste. Grüner Tee vereint uns.

Ich habe fast drei Wochen der Reise hinter mir und noch zehn Tage vor mir. Die Texaner gönnen sich insgesamt zehn Tage für Japan und verbringen die meiste Zeit in Zügen. Die Japanerin im Guest House hatte einst zehn Tage für Europa gebucht.

Das rote Torii auf Miyajima und der Schrein stehen im Wasser. Bei Niedrigwasser pilgern Besucher in Scharen dorthin.

Das rote Torii auf Miyajima und der Schrein stehen im Wasser. Bei Niedrigwasser pilgern Besucher in Scharen dorthin.

Foto: Béatrice Hecht-El Minshawi

Nach ein paar Tagen im südkoreanischen Seoul geht es weiter es nach Nagoya, auf Honshū, der japanischen Hauptinsel. Dann geht die Fahrt vom Flughafen zur Freundin nach Toyohashi im Südosten. Von dort aus starteten wir die Zugreise mit dem Shinkansen nach Nagasaki. Die annähernd tausend Kilometer sind mit dem Auto in fast zwölf Stunden zu schaffen, mit dem Hochgeschwindigkeitszug in knapp sieben Stunden. Pünktlich auf die Sekunde und im genau vorgegebenen Abschnitt auf dem Gleis, hält der Zug.

Der starke Regen in Nagasaki verdunkelt die Stadt, die Stimmung ist passend zum Atombombenabwurf am 9. August 1945, als fast die Hälfte der Stadt durch US-Amerikaner zerstört wurde. Am nächsten Tag im Friedenspark können Fetzen blauen Himmels nicht befrieden, bei all den Informationen über die Schrecklichkeit. Tröstlich aber wirken die Geschenke gegen Krieg und für Frieden, die aus aller Welt sich im Park präsentieren. Der „Tree of Life“ der Anango aus Australien und das schwungvoll perforierte Edelstahlgebilde der Neuseeländer auf dem runden, mit Green- und Whitestone eingelegten Platz, sind besonders beeindruckend.

Heilsamer ist ein Besuch auf der nahe gelegenen Insel Miyajima, die zu den schönsten Landschaften Japans und zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Das markante rote Torii und der prächtige, auf Pfählen gebaute Itsukushima-Schrein, stehen im Wasser. Später, bei Niedrigwasser, laufen Besucher in Scharen zum Torii.

Dieser heilige Ort ist ein Zentrum des Shintōs, Japans Urreligion, die noch bis zum 6. Jahrhundert, also vor dem Buddhismus, den Glauben und die Identität der Japaner prägte. Der Shintō kann sich mit seinen vielen religiösen Glaubensformen und Gottheiten etwa in Tieren, Plätzen, Bergen oder Inseln zeigen. So wurde Miyajima selbst zur Gottheit und sollte rein bleiben. Frauen sollten die Insel nicht verunreinigen und durften sie erst im vergangenen Jahrhundert betreten. Gebärende und Sterbende wurden auf das Festland gebracht.

Drollige Rehkitze, freche Böcke und mächtige Hirsche verfolgen die Touristen, sobald sie ihre Brottüten öffnen. Auch wenn man sie nicht füttern soll, sind sie es gewohnt, etwas abzubekommen.

Wir übernachten in einem Ryokan, einem traditionellen Gasthaus, das man sich als besonderes Erlebnis vornehmen sollte, möchte man japanische Höflichkeit und Ästhetik in Perfektion erleben. Dort lauern Fettnäpfchen. Zu einer gebuchten Nacht gehört der Übernachtungsraum mit Kimono und Schlappen, Frühstück und Abendessen, Nutzung des Onsen – einer heißen Quelle – und der besonders freundliche Service.

Ein weiteres Highlight und Weltkulturerbe ist ein Besuch bei den Mönchen auf der Hochebene von Kōya-san. Von den 7000 Menschen, die dort leben, sind die Hälfte Mönche, dann ihre Familien und andere.

Selbst die Anreise mit dem Regionalzug durch Wälder und vorbei an riesigen Hortensien bis zum Fuße des Berges, lässt ein besonderes Abenteuer ahnen. Mit der rot-weißen Seilbahn geht es weiter hoch hinauf und schließlich mit dem Bus in den Ort. Auch dort durften Frauen den Berg lange nicht betreten. Ein Besuch im buddhistischen Kongōbuji oder in einem anderen der 110 Tempel und auf dem mystischen Friedhof mit seinen 200 000 Gräbern, in denen auch Kaiser, Samurai und Shogune begraben sind sowie ganze Bereiche für berühmte Firmen, wie Panasonic, Sharp, Toyota zur Verfügung stehen, lohnt sehr.

In einem der Klöster zu übernachten, an der Meditation teilzunehmen und traditionelle vegetarische Kost zu genießen, ist ein sinnliches und vielleicht auch spirituelles Erleben.

Blick von den Ogimachi-jo-Schlossruinen auf das Dorf Shirakawa-go.

Blick von den Ogimachi-jo-Schlossruinen auf das Dorf Shirakawa-go.

Foto: Béatrice Hecht-El Minshawi

Auf dem Weg nach Kyōto lohnt sich ein Abend im Nō-Theater in Ōsaka. Die traditionelle Sprechgesang-Kunst geht auf das 14. Jahrhundert zurück und ist ein Drama, das von göttlichen und menschlichen Phänomenen handelt und auch von Ungeheuern und Wahnsinn. Auch sonst ist Ōsaka reizvoll.

In Kyōto gießt es und die Schuhe sind durchgeweicht. Vier Nächte in einem Ryo-kan in der Altstadt bieten Schutz und Erholung sowie trockene Schuhe am nächsten Morgen. Sie wurden elektrisch getrocknet, das ist Ryokanservice.

Kyōto ist das kulturelle Zentrum Japans. Man mag sich nicht vorstellen, dass der Ort einst mit der ersten Atombombe zerstört werden sollte und gerade noch gerettet wurde. Heute zählen viele Bauwerke im Ort zum Weltkulturerbe. Die geometrisch angeordnete Altstadt, diverse traditionell erbaute Häuser; Markthallen mit klassischen Speisen und handwerklichen Gegenständen, wie Papier, Messer, Schwerter, Werkzeuge; der Kaiserpalast; viele Tempel und Schreine; das Leben am beschaulichen Fluss und der malerische Philosophenweg. Kyōto ist reich an Kulturschätzen und für mich die schönste Stadt Japans.

Die Chefin des Ryokan empfiehlt einen Spaziergang zu den Geishas in Gion, auf der anderen Seite des Flusses, wo junge Frauen als Maiko – als Schülerin – in Ästhetik, Manieren und Unterhaltungskunst ausgebildet werden. Im 17. Jahrhundert wurden auch Frauen als Geisha bei Hofe zugelassen. Mehrere Jahre Ausbildung sind nötig, um den passenden Obi, einen Gürtel, über den seidenen Kimono zu binden; in kleinen Schritten auf Holzpantoffeln mit hohen Sohlen zu stolzieren; die Schminktechnik mit weißer Paste, roter und schwarzer Farbe elegant zu nutzen; sich tänzerisch geschickt zu präsentieren; Kalligrafie, Trommel, Bambusflöte und Laute zu beherrschen und auch mit Konversation und Teezeremonie zu beeindrucken.

Die Chefin berichtet über die Teezeremonie, Sadō, die einer alten Philosophie folgt, basierend auf innerer und äußerer Reinheit, auf Werten und Ästhetik des Zen-Buddhismus. In Kyōto werden Schulungen für Profis zur Weiterbildung und Vertiefung angeboten, denn die Perfektion des Sadō will lange geübt sein.

Nach Nara, eine sehr alte Stadt, die reich an Tempeln und Schreinen ist, und Toyohashi, wartet der Fuji-san, den man, mit Glück, vom Zug aus sehen kann. Der heilige Berg will sich am nächsten Tag dann doch nicht zeigen. Pech gehabt.

Am Ende folgt das überwältigende Tokio. Mannomann!

Info

Zur Person

Béatrice Hecht-El Minshawi

lebt in Bremen, hat als interkulturelle Trainerin gearbeitet und ist Weltreisende. Von ihren Reisen hat sie bereits verschiedene Bücher veröffentlicht.

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