Bremer Wissenschaftler erforschen, wie die Menschen früherer Jahrhunderte ihre Kenntnisse erweiterten

Kalender als Lebenshilfe

Wer etwas über ein bestimmtes Thema wissen möchte, kann heutzutage in der Regel aus so vielen möglichen Quellen auswählen, dass das größte Problem darin besteht, in der Informationsflut den Überblick zu behalten. Noch vor wenigen Jahrhunderten war dies völlig anders. Die meisten Menschen bekamen nur selten gedruckte Texte zu Gesicht, die sich mit weltlichen Fragen befassten. Umso wichtiger waren für sie die sogenannten Schreibkalender. Sie geben tiefe Einblicke in das Leben jener Zeit, wie Forschungsergebnisse Bremer Wissenschaftler zeigen.
05.12.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Kalender als Lebenshilfe
Von Jürgen Wendler
Kalender als Lebenshilfe

Eine Seite eines Kalenders aus dem 17. Jahrhundert: Sie veranschaulicht die wechselnden Aufgaben im Laufe eines Jahres.

Wer etwas über ein bestimmtes Thema wissen möchte, kann heutzutage in der Regel aus so vielen möglichen Quellen auswählen, dass das größte Problem darin besteht, in der Informationsflut den Überblick zu behalten. Noch vor wenigen Jahrhunderten war dies völlig anders. Die meisten Menschen bekamen nur selten gedruckte Texte zu Gesicht, die sich mit weltlichen Fragen befassten. Umso wichtiger waren für sie die sogenannten Schreibkalender. Sie geben tiefe Einblicke in das Leben jener Zeit, wie Forschungsergebnisse Bremer Wissenschaftler zeigen.

Die Menschheitsgeschichte ist so reich an Ereignissen und Veränderungen, dass Historiker sie in unterschiedliche Abschnitte einteilen, um den Zugang und das Verständnis zu erleichtern. So wird die Zeit der alten Griechen und Römer als Antike bezeichnet, die darauffolgende, in Europa stark von der christlichen Religion geprägte Phase als Mittelalter.

Eine ganze Reihe von grundlegenden Veränderungen markiert das Ende des Mittelalters: Mit der Wiederentdeckung antiker Ideale rückten im 15. Jahrhundert der einzelne Mensch und seine Freiheit stärker ins Blickfeld; Ereignisse wie die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 trugen zur Erweiterung des geografischen Weltbildes bei; und Johannes Gutenberg ebnete der Massenproduktion von Büchern den Weg, indem er den Buchdruck mit beweglichen Lettern entwickelte. Kurzum: Im 15. Jahrhundert begann ein Abschnitt, den Historiker als Neuzeit bezeichnen. Die Phase bis zur Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts, in deren Folge Menschenrechte und demokratische Ideale zunehmend an Bedeutung gewannen, betrachten sie als Frühe Neuzeit. Fabriken, in denen maschinell große Mengen bestimmter Waren hergestellt werden können, entstanden erst nach der Entwicklung neuer Technologien wie der Dampfmaschine in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In der Zeit davor arbeiteten die allermeisten Menschen in der Landwirtschaft. Ihr Leben sei von der Nähe zur Natur geprägt gewesen, erklärt der Historiker Professor Holger Böning vom Institut für Deutsche Presseforschung an der Universität Bremen. Davon zeugten nicht zuletzt Tagebücher aus jener Zeit, die die herausragende Bedeutung des Gottvertrauens widerspiegelten. Häufig hätten die Menschen um gute Ernten und Schutz vor Unwettern gebeten.

Zeitschriften gibt es nach den Worten von Böning seit den 1670er-Jahren, Zeitungen seit 1605. Schon deutlich früher, nämlich Mitte des 16. Jahrhunderts, hätten Schreibkalender eine wichtige Rolle gespielt. Daran habe sich in der gesamten Frühen Neuzeit nichts geändert. Während heutige Kalender sich weitestgehend darauf beschränken, eine Übersicht über die Tage, Wochen und Monate eines Jahres zu liefern, enthielten die Schreibkalender, die in der Regel auch Raum für Notizen ließen, wesentlich mehr Informationen. So erfuhren die Leser, welche Heiligen mit bestimmten Tagen verbunden waren und welche Tage sich für welche Tätigkeiten eigneten. Genannt wurden zum Beispiel das Baden, das Fällen von Bäumen und der Aderlass, bei dem Menschen zu Heilzwecken Blut entnommen wurde. Die Kalender enthielten zudem Angaben über Sterne und den Lauf der Planeten, über Ereignisse seit Christi Geburt und Ausführungen zu unterschiedlichen Themen, etwa aus der Landwirtschaft.

Wie bedeutend die Kalender für das Leben der Menschen waren, zeigt laut Böning unter anderem die Tatsache, dass Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg ein Kalendermonopol einführte. Das heißt: Es durften nur Kalender aus seinem Machtbereich vertrieben werden. Im Jahr 1701 wurde der Kurfürst als Friedrich I. König in Preußen. Die Einnahmen aus dem Kalenderverkauf seien nun der Königlich Preußischen Sozietät (später Akademie) der Wissenschaften zugutegekommen, erläutert der Bremer Historiker, der sich zusammen mit dem Astronomen und Physiker Klaus-Dieter Herbst und anderen Mitarbeitern bereits seit einigen Jahren der Kalenderforschung widmet. Finanziell unterstützt werden die Wissenschaftler dabei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Die zweite Hälfte des 17. und das 18. Jahrhundert werden auch als Zeitalter der Aufklärung bezeichnet. Der Grund: In dieser Zeit machten sich mehr und mehr Gelehrte dafür stark, den eigenen Verstand zu nutzen und auf die Vernunft zu vertrauen. Dies hatte auch Folgen für die Kalender. Aus ihnen sprach nun das Bemühen, gesichertes Wissen zu vermitteln und mit dem Aberglauben und falschen Annahmen aufzuräumen. Bezeichnend waren Überschriften wie diese: „Der Kalender ist kein sicherer Wetterprophet.“ Neben Kalendern dienten auflagenstarke Druckschriften wie das „Noth- und Hilfs-Büchlein“ dazu, die Menschen aufzuklären. Diese erfuhren unter anderem, wie sich ein Dorf organisieren lässt und was bei einer Erkrankung zu tun ist.

Zurzeit beschäftigen sich die Bremer Forscher vor allem mit der Frage nach den Autoren der Kalender. Schon jetzt sei klar, dass es sich fast durchweg um akademisch ausgebildete Männer gehandelt habe, sagt Böning. Unter ihnen seien viele Ärzte und Astronomen gewesen. Dass man allerdings auch ohne akademische Ausbildung zum Kalendermacher werden konnte, belegt ein Mann namens Nicolaus Schmidt (1606 bis 1671), auch „der gelehrte Bauer“ genannt. Er hatte zwar nie eine Schule besucht, legte sich aber eine bis zu 600 Bände umfassende Bibliothek zu. Durch Selbststudium erwarb er großes Wissen.

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