Wissenschaftler untersuchen auffälliges Verhalten der Tiere im Umfeld von Helgoland

Kegelrobbe frisst Seehund

Helgoland. Eine männliche Kegelrobbe, die vor Helgoland Seehunde als Beute für sich entdeckt hat, hat das Interesse von Forschern geweckt. Sie vermuten, dass der Grund für dieses ungewöhnliche Verhalten die Überfischung sein könnte oder aber die wachsende Konkurrenz der beiden eng verwandten Tierarten um die gleiche Nahrung.
14.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Arne Bode
Kegelrobbe frisst Seehund

Kegelrobben unterscheiden sich von Seehunden aufgrund ihrer deutlich massigeren Gestalt. Männliche Kegelrobben sind schwerer als weibliche und wiegen häufig mehr als 200 Kilogramm.

dpa Picture-Alliance / Hinrich Bäsemann, picture alliance / Hinrich Bäsem

Eine männliche Kegelrobbe, die vor Helgoland Seehunde als Beute für sich entdeckt hat, hat das Interesse von Forschern geweckt. Sie vermuten, dass der Grund für dieses ungewöhnliche Verhalten die Überfischung sein könnte oder aber die wachsende Konkurrenz der beiden eng verwandten Tierarten um die gleiche Nahrung.

Bei der Kegelrobbe gilt als erwiesen, dass sie gezielt Seehunde jagt, um sie zu fressen. Die Jagd nach dieser neuen Beute wurde erstmals im Juli 2013 vor einer Nebeninsel von Helgoland beobachtet. Das junge Kegelrobben-Männchen mit seinen damals sechs bis sieben Jahren attackierte vor den Augen eines Wildhüters einen Seehund. Die spätere Untersuchung des Kadavers ergab, dass große Mengen an Muskelfleisch und Tran fehlten. Für die Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover deutet dies darauf hin, dass es sich um aktive Jagd handelt und nicht nur um ein Angriffsverhalten.

2013 und 2014 sind in der Nordsee immer wieder tote Seehunde angespült worden. Die anschließende Untersuchung der Kadaver ließ auf Bissspuren einer Kegelrobbe schließen. Mittlerweile sind die letzten Zweifel ausgeräumt. Im letzten Jahr gelang es einem Taucher, eine Videoaufnahme zu machen, die zeigt, wie die Kegelrobbe einen Seehund hält und sich von ihm ernährt. Bei einem Kampf ist der Seehund der Kegelrobbe körperlich klar unterlegen. Während männliche Kegelrobben deutlich mehr als 200 Kilogramm auf die Waage bringen, erreichen Seehund-Bullen selten mehr als 150 Kilogramm.

Tot angeschwemmte Seehunde sind insbesondere an den Küsten der Niederlande in der Vergangenheit keine Seltenheit gewesen. Die gefundenen Kadaver hatten in den Jahren 2003 bis 2013 eine wissenschaftliche Debatte ausgelöst, wie Stefan Menzel vom Arbeitskreis Meer und Küste des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erklärt. Anfangs war vermutet worden, dass die Seehunde versehentlich als Beifang in die Netze geraten seien. Als es zu den Attacken des Kegelrobben-Männchens vor Helgoland kam, wurden in den Niederlanden erneut tote Seehunde untersucht. Eine DNA-Analyse sollte klären, ob die Seehunde von Kegelrobben gerissen worden waren. Dazu musste Speichel aus den Bisswunden von an Land gespülten toten Seehunden extrahiert werden. Dies stellte die niederländische Forschergruppe vor eine besondere Herausforderung, da Meerwasser sehr schnell alle DNA-Spuren wegspült. In besonders tiefen Wunden von drei toten Seehunden fanden die Wissenschaftler Speichelreste, die drei verschiedenen Kegelrobben zugeordnet werden konnten.

Kein Einzelfall

Die neuen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Verhalten der Kegelrobbe vor Helgoland kein Einzelfall ist. Nach Aussage der Professorin Ursula Siebert von der Tierärztlichen Hochschule Hannover ist das Fressverhalten eher bei Jungbullen zu beobachten. Eine Erklärung könnte nach Erkenntnissen der Experten ein stärker werdender Konkurrenzkampf um die gleiche Beute sein. Seehunde wie Kegelrobben ernähren sich hauptsächlich von Fischen und Krebstieren.

Der starke Konkurrenzkampf in den Jagdgründen hat seine Wurzeln in den 1970er-Jahren. Bis dahin waren Seehunde die häufigste Robbenart in der Region. Bessere Umweltbedingungen und andere Faktoren führten dazu, dass die Populationen beider Arten stetig zunahmen. Stefan Menzel wertet das beobachtete Verhalten als Anzeichen für die Überfischung. Die Fangquoten seien in der Region, wo die Kegelrobbe aktiv sei, noch immer sehr hoch.

Wissenschaftler halten es aber auch für möglich, dass die Jagd auf Seehunde ein seltenes Verhalten sein könnte. Danach könnte es früher nur deshalb nicht beobachtet worden sein, weil die Anzahl der Kegelrobben noch bis in die 1990er-Jahre zu gering war, um Wissenschaftlern und Wildhütern aufzufallen. Erst als der Bestand merklich wuchs, stieg dieser Theorie zufolge die Zahl jener Kegelrobben, die das Verhalten zeigen.

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