Für Erkrankte gibt es unterschiedliche Möglichkeiten – die Kassen übernehmen die Kosten in der Regel aber nicht Kinderwunsch trotz Krebs

München·Hannover. Die Diagnose einer Krebserkrankung ist im ersten Augenblick meist nur schwer zu ertragen. Doch der Befund ist heutzutage nicht mehr unbedingt ein Todesurteil, etwa 80 Prozent aller Erkrankungen werden geheilt.
18.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Sabine Meuter

Die Diagnose einer Krebserkrankung ist im ersten Augenblick meist nur schwer zu ertragen. Doch der Befund ist heutzutage nicht mehr unbedingt ein Todesurteil, etwa 80 Prozent aller Erkrankungen werden geheilt. Selbst der Wunsch nach einem Kind ist für junge Betroffene nicht aussichtslos. Zwar können Operationen, Strahlen- oder Chemotherapie zu Unfruchtbarkeit führen. Wer aber noch in dem engen Zeitkorridor vor Beginn einer Krebsbehandlung vorsorgt, hat eine Chance, zu einem späteren Zeitpunkt Mutter oder Vater zu werden.

„Natürlich steht für junge Menschen, bei denen gerade Krebs festgestellt wurde, zunächst die Therapie im Vordergrund“, sagt Professor Christian J. Thaler. Er ist Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums am Klinikum der Ludwig Maximilians Universität München. Thaler rät Betroffenen jedoch, in dieser schwierigen Situation an das Morgen zu denken und sich die Frage nach einem möglichen Kinderwunsch zu stellen. „Krebserkrankungen sind nur in Ausnahmefällen Notfallerkrankungen, bei denen umgehend mit der Therapie begonnen werden muss“, erklärt der Mediziner. Es sei in der Regel Zeit da, noch vor der Behandlung Vorsorgemaßnahmen für eine mögliche spätere Elternschaft zu treffen.

Dabei gibt es unterschiedliche Methoden und Verfahren – sowohl für Männer als auch für Frauen. „Betroffene sollten über die für sie richtige Möglichkeit mit dem behandelnden Arzt sprechen“, empfiehlt Thaler. An Krebs erkrankte Männer können noch vor einer keimzellenschädigenden Behandlung in einem reproduktionsmedizinischen Zentrum Sperma spenden und einfrieren lassen. Daneben haben Männer die Möglichkeit, bei einer Operation Hodengewebe entnehmen und einfrieren zu lassen. Mit den in dem Gewebe existierenden Spermien könne zu einem späteren Zeitpunkt eine künstliche Befruchtung herbeigeführt werden.

Bei Frauen können ebenfalls vorsorglich Eizellen entnommen und eingefroren werden. Weitere Verfahren bei Patientinnen seien das Einfrieren von Eierstockgewebe, die Gabe von Antihormonen oder das Verpflanzen von Eierstöcken. Allerdings: Eine Garantie, dass die Frau schwanger wird, gebe es nicht. Je nach Alter der Patientin könne die Schwangerschaftsrate mit eingefrorenen Eizellen bei etwa 40 bis 60 Prozent liegen. „Ab dem 35. Lebensjahr sinken die Chancen stark“, sagt der Hannoveraner Gynäkologe Christian Albring. Er ist Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF).

Albring verweist darauf, dass operative Verfahren wie das Verpflanzen der Eierstöcke bislang keine Routineverfahren seien. Derzeit gingen Fortpflanzungsmediziner davon aus, dass nach einem solchen Eingriff etwa jede fünfte Frau schwanger werden könne. Derartige Verfahren würden nur in spezialisierten Behandlungszentren durchgeführt.

Das Einfrieren von Eizellen läuft so: Die Frau muss sich zunächst einer Hormontherapie unterziehen, damit mehrere Eizellen heranreifen können. „Hierfür muss sich die Betroffene zwei Wochen lang selbst ein Hormon spritzen“, erklärt Thaler. Später würden bei einem ambulanten Eingriff bis zu 20 Eizellen entnommen. Die Eizelle werde dann mit dem Sperma des Partners befruchtet und eingefroren. Eizellen von Frauen ohne Partner könnten unbefruchtet eingefroren werden.

Das Einfrieren von Eierstockgewebe komme vor allem dann in Betracht, wenn eine Hormonbehandlung vor dem Einfrieren von Eizellen aus Zeitgründen nicht mehr zu realisieren sei. „Das Gewebe, das unreife Eizellen enthält, wird entweder als Ganzes oder in Teilen entnommen und eingefroren“, sagt Thaler. Ist die Krebsbehandlung vorüber, werde das Gewebe wieder im Unterleib der Frau eingepflanzt. „Dann sind Schwangerschaften grundsätzlich möglich“, erklärt der Mediziner.

Bei der Gabe bestimmter Hormone wird die Funktion der Eierstöcke unterbrochen. Diese Hormone werden gespritzt. In der Folge reifen keine Eizellen heran, also können sie auch nicht durch Strahlen oder durch die Gifte einer Chemotherapie attackiert werden. Nach der Krebsbehandlung werden dem Körper keine Hormone mehr zugeführt, sodass allmählich wieder Eizellen entstehen können. Muss für eine Krebstherapie der Bauch- oder Beckenraum bestrahlt werden, dann gibt es die Möglichkeit, die Eierstöcke operativ zu verlegen. So werden sie vor den schädlichen Strahlen geschont. Bei diesem Verfahren muss oft der Eileiter durchtrennt werden. „Anschließend kann eine Frau nur über eine künstliche Befruchtung schwanger werden“, betont Thaler.

Die Kosten für die jeweiligen Verfahren sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Grobe Richtwerte nennt das von Medizinern betriebene Netzwerk Fertiprotekt. Demnach können die Kosten für das Einfrieren von unbefruchteten oder befruchteten Eizellen bei etwa 3000 bis 4000 Euro liegen. Hinzu kommen Lagerungskosten. Sie liegen pro Jahr ungefähr bei 250 Euro. Das Einfrieren von Eierstockgewebe kostet bis zu 550 Euro, hinzu kommen die Kosten für die Operation. Für das Einfrieren von Spermien müssen um die 350 Euro gezahlt werden, plus einer Lagerungsgebühr von bis zu 350 Euro pro Jahr.

„Für das Einfrieren von Eizellen oder Spermien kommen die Krankenkassen in der Regel nicht auf, auch nicht für die Lagerungskosten“, sagt Ann Marini vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung. Auch die Gabe von Antihormonen werde in der Regel von der GKV nicht bezahlt. Für operative Verfahren würden die Kosten meist übernommen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+