Kleine Plastikteilchen werden zur Reinigung des Abwassers eingesetzt / Im Meer richten sie großen Schaden an

Klärwerke als Umweltsünder

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein großes Problem für das biologische Gleichgewicht der Meere. Ausgerechnet Klärwerke tragen zur Verschmutzung mit Kunststoffen bei.
20.11.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Odenthal

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein großes Problem für das biologische Gleichgewicht der Meere. Ausgerechnet Klärwerke tragen zur Verschmutzung mit Kunststoffen bei.

Als François Verdet den dritten Müllsack am Strand von Saint-Jean-de-Luz an der französischen Atlantikküste gefüllt hat, glaubt er nicht mehr an einen Zufall. Er fährt ins benachbarte Biarritz, in die Zentrale der Surfrider Foundation Europe. François Verdet arbeitet bei dieser Nichtregierungsorganisation, die sich dem Schutz der Meere und der Küsten verschrieben hat.

Dort werden die Fundstücke schon seit Tagen zusammengetragen: winzige Plastikrädchen, manche nur erbsengroß, andere von der Größe einer Ein-Euro-Münze. Wenige Tage später wissen die Umweltschützer, womit sie es zu tun haben: Es sind Plastikteile, die in Klärwerken eingesetzt werden. Sie dienen als Trägermedium für Bakterienkulturen, mit deren Hilfe Abwasser gereinigt wird. Sie werden in großen Mengen in Klärbecken geschüttet, wo sie frei herumschwimmen. Die vielen Speichen und Zacken bieten genügend Oberfläche, um Bakterien in ausreichender Menge aufzunehmen, mit denen sich die organischen Bestandteile des Wassers zersetzen lassen.

Das war im Jahr 2007. Bis dahin waren die Plastikräder an den Stränden vor allem ein Phänomen an der französischen und spanischen Küste des Baskenlandes. François Verdet erinnert sich: „Wir fanden sie zu Hunderttausenden an unseren Stränden“, sagt er. „Als wir der Sache nachgingen, stellten wir fest, dass diese Rädchen selbst im Norden Portugals bis hin zur Bretagne zu einer wahren Plage geworden waren.“

Weltweites Phänomen

Inzwischen hat sich das Problem zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Praktisch entlang der gesamten französischen Atlantikküste, aber auch an der Mittelmeerküste zwischen Gibraltar und der italienischen Riviera wurden Funde gemeldet, die in die Abertausende gehen. Auch auf der anderen Seite des Mittelmeeres, in Marokko, Algerien und Tunesien, fand man Plastikräder an den Küsten.

2010 und 2011 wurden an der US-amerikanischen und der kanadischen Ostküste Fälle ausgetretener Biofilterrädchen gemeldet. Auch an der Seine bei Paris und zuletzt sogar am Ufer des Genfer Sees wurde man fündig. In fast allen Fällen ließ sich die Spur bis zu Klärwerken zurückverfolgen, die eben jene Technologie zur Aufbereitung der Abwasser benutzen. Das Problem beim Einsatz dieses Klärwerkstyps sei die nicht immer korrekte Anwendung der Trägermedien, erklärt François Verdet. „Wenn nicht genau die vom Klärwerkshersteller empfohlenen Modelle eingesetzt werden, besteht die Gefahr, dass die Plastikräder den Abfluss der Klärbecken verstopfen und über den Beckenrand austreten.“

Auch große Wassermassen, etwa nach lange andauernden Regenphasen, können dazu führen, dass die Plastikräder über die Beckenränder austreten und in die Umwelt gelangen. Ausgerechnet Klärwerke tragen also mit dem unsachgemäßen Einsatz dieser Kunststoffräder zum Problem der stetig wachsenden Menge an Plastikmüll in unseren Meeren bei, auf das Umweltschutzorganisationen, wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU), schon seit Jahren hinweisen. Kim Detloff vom NABU erklärt, dass sich Plastik je nach Beschaffenheit mehrere Jahrhunderte halten könne, ohne sich vollständig abzubauen. Manche Plastikteile zersetzen sich unter dem Einfluss der Sonnenstrahlung und der Reibung im Meerwasser schnell zu dünnen, viskoseartigen Fäden, die an Fischeier, Plankton oder andere Kleinstlebewesen erinnern, welche wiederum anderen Tieren als Nahrung dienen. Und sie geben giftige Inhaltsstoffe ab, wie etwa Bisphenol A (BPA) und Phthalate, die als krebserregend und hormonell wirksam gelten.

Auf diesem Wege, so Detloff, gelangen die giftigen Inhaltsstoffe in die Nahrungskette, an deren Ende auch der Mensch steht. Tatsächlich konnten Biologen diese Inhaltsstoffe inzwischen im menschlichen Blut und als Ablagerungen in menschlichen Organen nachweisen. Dr. Yanyan Su, Doktorandin am Lehrstuhl für Ökologie an der Leuphana Universität Lüneburg, hält zukünftig den Einsatz eines ganz anderen Klärmaterials für denkbar. „Wir haben in Versuchen sehr ermutigende Ergebnisse beim Einsatz von Algen erzielt“, erklärt sie. Algen würden Nitrat und Phosphat binden, vor allem Letzteres ließe sich bisher nur umständlich aus dem Wasser filtern. „Und die Anreicherung des Wassers mit Sauerstoff, die in herkömmlichen Klärwerken bis zu 56 Prozent des gesamten Energieverbrauchs vereinnahmt, gelingt durch die Fotosynthese der Algen erheblich effizienter.“

Technik optimieren

Ganz so leicht sei es mit Algen allerdings nicht, gibt der Wissenschaftler Dr. Yanyan Su zu bedenken. Auch der Austritt der Algen könne Umweltprobleme bereiten durch eine unkontrollierte Algenblüte in den Flüssen und auf den Meeren. Und die Technik zur Filterung der Bakterien aus dem geklärten Wasser, in dem sie frei schwimmen, müsse zudem noch optimiert werden.

Von dem grundsätzlichen Problem, dass es für ein ausreichendes Algenwachstum in unseren Breiten zu kalt und nicht lange genug hell ist, einmal ganz abgesehen.

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