Kommentar zu Ballermann-Partys Kein Morgen auf Mallorca

Am Wochenende haben Touristen auf Mallorca gefeiert, als gäbe es kein Morgen und kein Virus. Die Sehnsucht nach Urlaub von Corona ist groß, kann aber nicht am Ballermann gestillt werden, meint Silke Hellwig
14.07.2020, 05:00
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Kein Morgen auf Mallorca
Von Silke Hellwig

Muss man ein Psychologiestudium absolviert haben, um zu verstehen, warum Hunderte Touristen am Wochenende auf Mallorca so taten, als wäre Corona für sie nichts anderes als eine mexikanische Biermarke? Wahrscheinlich schon. Dem Laien drängt sich aber zumindest ein Verdacht auf: Wer nach Mallorca fliegt, um sich am Ballermann so zu benehmen, wie der Name vermuten lässt, der glaubt, es gäbe einen Ort, an dem man Urlaub von Corona machen kann. Das an sich ist wohl auch gar nicht komplett falsch – allerdings handelte es sich dabei eher um eine einsame Insel als um das ganze Gegenteil: die Bierstraße in Palma de Mallorca.

Das Groteske an der Situation: Die reale Bedrohung der Pandemie ist Auslöser dafür, dass Menschen versuchen, sie mit aller Kraft zu ignorieren. Nach Wochen mit diversen Be- und Einschränkungen haben es viele satt, sich in ihren Aktivitäten weiterhin beschneiden zu lassen. Denn massiv sind die Einschnitte zweifellos. Dabei spielt nämlich nicht nur eine Rolle, wie groß der Radius ist, in dem man sich noch bewegen kann oder konnte. Ganz anders als die Franzosen oder die Italiener sind die Bundesbürger in dieser Hinsicht noch gut weggekommen: Ausgangssperren wurden nicht verhängt.

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Bedeutender als eine tatsächliche oder vermeintliche räumliche Enge sind abstrakte Grenzen. Dass die Bundes- und die Landesregierungen tatsächlich die Befugnis haben, quasi über Nacht die allseits bekannten Spielregeln zu ändern und individuelle Freiheiten einzuschränken, ist in einer Gesellschaft schier unbegreiflich, die Selbstverwirklichung zu einer zentralen Maxime erhoben hat. Vielen Bürgern, insbesondere den Vergnügungshungrigen am Ballermann, scheint nicht ausreichend klar zu sein, dass das Virus nicht etwa zahm oder lahm geworden ist. Es verbreitet sich nur nicht wie in einem Horrorfilm, weil anfangs entschlossen und rigoros reagiert wurde.

Obendrein scheinen die fortschreitenden Lockerungen gewissermaßen abzufärben und dazu zu führen, sich im Umgang mit Infektionsgefahren betont locker zu geben: In Bussen und Bahnen lassen Mitbürger die Maske an ihren Strippen demonstrativ lässig um den Zeigefinger kreisen oder ziehen sie vom Gesicht, sobald das Aufsichtspersonal ihnen den Rücken zukehrt. Das ist pubertär? Schon. Die Parallelen zu Teenager-Trotzreaktionen drängen sich auf wie beschwipste Touristen einander auf Malle: Minderjährige reagieren oft empfindlich, wenn Erwachsene wagen, ihre Entscheidungsspielräume zu beschränken – in der Regel, um sie oder andere vor Schaden zu bewahren. Auf Mallorca hat die Polizei diese undankbare Aufgabe übernehmen müssen.

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„Die Bilder, die wir am Wochenende von der Deutschen liebsten Insel gesehen haben, von Mallorca, besorgen mich“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Montag bei einem Auftritt mit dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts. „Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl wird.“ Der sogenannte Party-Tourismus in dem Skiort in Tirol gilt als Virenzuchtstation sondergleichen.

Das Feiern vieler Menschen mit hohen Blutalkoholwerten auf engem Raum bot offenbar beste Bedingungen für das Virus, um sich rasend schnell zu verbreiten. Dennoch irrt Spahn: Ischgl und Palma unterscheidet eines fundamental – die Ahnungslosigkeit. Wer am Wochenende auf Mallorca Maskenpflicht Maskenpflicht sein ließ, als gäb's kein Morgen und kein Corona, wusste sehr genau, was er tat. Niemanden auf diesem Planeten dürften die Risiken noch unbekannt sein.

Eine Generation, die tatsächlich noch in ein Leben voller Gefahren hineingeboren wurde, gibt diese Erfahrung meist an die Kinder weiter, oft durch ein großes Bedürfnis nach Absicherung. Deren Nachwuchs, in Watte gepackt vom ersten Schrei an, kennt existenzielle Gefahren oft nur aus Filmen und Büchern. Nur so erklären sich törichte Parolen wie Yolo, „You only live once“, man lebt nur einmal, früher bekannt als „No risk, no fun“. Man stirbt aber auch nur einmal. Und der fun hört auf, wenn das risk auch andere tragen müssen.

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