Bremen Kulturlandschaften mit Geschichte

Landschaften haben bestimmte Charaktere, die das Ergebnis verschiedener Faktoren sind. Besonders wichtig sind die Oberflächenbeschaffenheit und die klimatischen Verhältnisse.
31.01.2017, 00:00
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Kulturlandschaften mit Geschichte
Von Jürgen Wendler

Landschaften haben bestimmte Charaktere, die das Ergebnis verschiedener Faktoren sind. Besonders wichtig sind die Oberflächenbeschaffenheit und die klimatischen Verhältnisse. Manche Landschaften sind hügelig, andere flach, manche – so etwa tropische Regenwaldgebiete – reich an Bäumen, andere wie beispielsweise die arktische Tundra baumlos. Für die Menschheitsgeschichte haben Landschaften von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt, wie unter anderem eine kürzlich veröffentlichte Studie über die Ausbreitung des Menschen zeigt. Demnach verhinderte ein dichter Urwald im Bereich Syriens und des Libanon lange Zeit, dass Menschen von Afrika aus nach Europa gelangten. Andererseits scheinen Menschen schon früh, nämlich während der bislang letzten ausgedehnten Kaltzeit, Landschaften in ihrem Sinne verändert zu haben.

Wie stark sich Landschaften im Laufe der vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende gewandelt haben, verdeutlicht nicht zuletzt das Beispiel Deutschlands, das heute von Kulturlandschaften geprägt wird. Dieser Begriff drückt aus, dass die Landschaften im Gegensatz zu den Naturlandschaften von Menschen gestaltet wurden und werden. Gut die Hälfte der deutschen Landesfläche wird zurzeit landwirtschaftlich genutzt; knapp ein Drittel ist mit Wald bedeckt, der auch wirtschaftlich von Bedeutung ist; und bei ungefähr 14 Prozent liegt inzwischen der Anteil der Siedlungen und Verkehrsflächen. Das Bundesamt für Naturschutz unterscheidet mit Blick auf Deutschland unter anderem zwischen Küstenlandschaften, Waldlandschaften und Landschaften, die vom Obstanbau oder Ackerbau bestimmt werden.

Nutzung von Moorflächen

Ein eindrucksvolles Beispiel für das Verschwinden von Lebensräumen und den Wandel von Landschaften aufgrund menschlicher Einflüsse liefern die Moore. Die Moore in Deutschland sind nach der letzten Kaltzeit entstanden, die vor etwa 11 700 Jahren zu Ende ging. Weil die Gletscher tauten, stieg der Meeresspiegel an. Niederschläge und ein hoher Grundwasserspiegel führten dazu, dass manche Flächen ständig nass blieben. Eine Folge davon war ein Mangel an Sauerstoff. Dadurch konnten die Reste abgestorbener Pflanzen mit ihrem hohen Anteil an Kohlenstoff nicht vollständig abgebaut werden. Das unvollständig abgebaute Pflanzenmaterial im Boden blieb als Torf erhalten, der im Laufe der Zeit immer dickere, oftmals viele Meter mächtige Schichten bildete. Zunächst entstanden die Nieder-, später die Hochmoore. Während Niedermoore sowohl durch Grund- als auch durch Niederschlagswasser gespeist werden, fehlt bei den Hochmooren der Kontakt zum Grundwasser. Bis ins 17. Jahrhundert hinein blieben die Flächen mit Moorböden in Deutschland weitgehend unberührt. Heute hingegen werden nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz 90 Prozent davon auf unterschiedliche Arten genutzt, vor allem als Grünland und Ackerflächen. Dies und der Torfabbau gehen den Expertenangaben zufolge mit einer Entwässerung einher, die letztlich zur Zerstörung der Moore führt.

Hohe Bevölkerungsdichte in Europa

Weltweit bedecken Moore etwa drei Prozent der Landfläche, und fast 80 Prozent von ihnen sind nach Darstellung des Bundesamtes für Naturschutz noch in einem natürlichen Zustand. In Europa jedoch hätten die große Bevölkerungsdichte sowie der hohe Flächen- und Energiebedarf dazu geführt, dass intakte Moore sehr selten geworden seien. Auf dem überwiegenden Teil der Moorflächen häufe sich kein Torf mehr an. Dass die Zerstörung von Mooren nicht nur mit dem Verlust von Arten einhergeht, die auf solche Lebensräume spezialisiert sind, ist von Fachleuten in den vergangenen Jahren immer wieder betont worden. Von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft stammen dazu diese Sätze: „Weltweit enthalten Torfmoore doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse der Wälder. Sie sind sozusagen Hotspots der Kohlenstoffspeicherung und haben jahrtausendelang zur Abkühlung des Klimas beigetragen, indem sie der Atmosphäre Treibhausgase entzogen haben.“ Umgekehrt gilt: Wenn Moore entwässert werden, wird das Treibhausgas Kohlendioxid, dessen Moleküle aus Kohlenstoff- und Sauerstoffatomen bestehen, gebildet und freigesetzt.

Auch bei der Waldbedeckung der Erde hat sich der menschliche Einfluss in den vergangenen Jahrtausenden stark bemerkbar gemacht. So wies die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) darauf hin, dass vor etwa 10 000 Jahren, das heißt in der Frühzeit des Ackerbaus, schätzungsweise gut sechs Milliarden Hektar mit Wald bedeckt gewesen seien. Heute sind es noch rund vier Milliarden Hektar, was etwa einem Drittel der Landfläche der Erde entspricht. Der Mensch fällte Bäume, um Holz zum Heizen, Kochen oder zum Bau von Möbeln und anderen Gegenständen zu gewinnen. Und er rodete Wälder, um neue Flächen für Ackerbau und Weidewirtschaft zu erhalten.

Im globalen Maßstab hat die Waldfläche in den letzten Jahren weiter abgenommen. In zahlreichen armen Ländern werden Wälder durch Brandrodung und Kahlschlag vernichtet, um Weiden zu schaffen, Soja anbauen oder Ölpalmen pflanzen zu können. Das Soja dient nicht zuletzt dazu, Viehfutter herzustellen. Palmöl wird auf vielerlei Weise genutzt, so beispielsweise zur Herstellung von Reinigungs- und Waschmitteln. Auch in der Nahrungsmittelindustrie spielt es eine große Rolle, unter anderem bei der Herstellung von Süßwaren.

Als der Mensch Afrika verließ

Den Homo sapiens, den anatomisch modernen Menschen, gibt es nach heutigem Kenntnisstand seit etwa 200 000 Jahren. Entstanden ist er nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern in Afrika. Wann Menschen von dort aus in andere Teile der Erde gezogen sind, ist eine Frage, die seit Langem erforscht wird. Den Ergebnissen zufolge kam der Levante, den östlich an das Mittelmeer angrenzenden Landgebieten, bei den Wanderungen eine besondere Bedeutung zu. Eine Art Flaschenhals habe es im Bereich Nordisraels gegeben, erklärte Professor Thomas Litt von der Universität Bonn. Vor etwa 100 000 Jahren sei es den Menschen dort nicht gelungen, weiter in Richtung Norden zu wandern.

Urwald im Bereich Syriens

Über die Hintergründe geben nach Darstellung des Wissenschaftlers Bohrungen im Toten Meer Aufschluss. Dabei wurde Material gewonnen, das sich im Laufe der Zeit abgelagert hatte, darunter Pollen. Wie die Analyse ergab, befand sich in der Zeit vor etwa 130 000 bis 90 000 Jahren im Bereich Syriens und des Libanon ein Urwald, der von den Menschen vermutlich gemieden wurde. Laut Litt diente ihnen als Nahrungsgrundlage erbeutetes Wild; die Tiere seien von ihnen vor allem in Steppenlandschaften gejagt worden, wie es sie in weiter südlich gelegenen Teilen Israels und im Bereich Jordaniens gegeben habe. Dort seien offene Landschaften mit Gräsern und einzelnen Baumgruppen verbreitet gewesen. Erst vor 60 000 bis 50 000 Jahren wurde das Klima nach den Angaben des Bonner Professors so trocken, dass sich die Steppe ausdehnte und die Menschen weiter nach Norden ziehen konnten.

Für die jüngere Erdgeschichte haben Forscher einen Wechsel von Kalt- und Warmzeiten, also von längeren Phasen mit höheren beziehungsweise niedrigeren Durchschnittstemperaturen, nachweisen können. Eine ausgedehnte Kaltzeit gab es zum Beispiel vor etwa 420 000 bis 300 000 Jahren. Zu jener Zeit war Norddeutschland von Gletschern bedeckt. Die bislang letzte Kaltzeit, die vor etwa 115 000 Jahren begann und vor rund 11 700 Jahren endete, wird nach dem polnischen Fluss Weichsel als Weichsel-Kaltzeit bezeichnet. Auf ihrem Höhepunkt lag Skandinavien unter einer kilometerdicken Eisdecke. Die Gletscher reichten bis zum Nordosten Deutschlands.

Verbreitet ist die Vorstellung, dass es sich bei den Gebieten ohne Gletscher um Steppenlandschaften handelte, durch die unter anderem Mammuts und Wollnashörner streiften. Diese und zahlreiche andere Tierarten jener Zeit sind schon vor Jahrtausenden ausgestorben. Dass im Europa der letzten Kaltzeit tatsächlich offene Steppenlandschaften vorherrschten, wird durch die Analyse von Ablagerungen unterstrichen.

Wie Wissenschaftler allerdings auch festgestellt haben, waren die klimatischen Bedingungen nicht durchweg so, dass keine dichten Wälder möglich gewesen wären. Vor diesem Hintergrund hat sich eine internationale Forschergruppe um Jed O. Kaplan von der Universität Lausanne und Mirjam Pfeiffer vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main die Frage gestellt, warum es nicht mehr Waldgebiete gab. In einer Ende vergangenen Jahres im Fachjournal „PLOS ONE“ veröffentlichten Studie vertreten sie die Auffassung, dass Jäger und Sammler schon vor etwa 20 000 Jahren das Mittel vorsätzlich gelegter Brände nutzten, um Landschaften in ihrem Sinne zu gestalten.

Feuer könnten Jägern geholfen haben

Die Grundlage für die Arbeit der Wissenschaftler lieferten archäologische Funde, die Aufschluss über menschliche Aktivitäten und den Einsatz des Feuers geben, Aschereste im Boden und abgelagertes Material. Die bei der Auswertung gewonnenen Informationen setzten sie in Beziehung zu Angaben zur möglichen Vegetation, die sie mithilfe von Simulationen gewannen. Dabei gelangten sie zu dem Schluss, dass Jäger und Sammler Feuer gelegt und so offene Steppenlandschaften geschaffen haben könnten. Diese, so die Forscher, hätten es für die Menschen leichter gemacht, Wild zu jagen und Nahrung zu sammeln. Außerdem sei es für sie einfacher gewesen, sich fortzubewegen.

Mirjam Pfeiffer spricht vom ersten großen Eingriff des Menschen in seine natürliche Umgebung, einem Eingriff, dessen Bedeutung sie so beschreibt: „Einer der entscheidenden Faktoren menschlicher Evolution ist die Fähigkeit, die Umgebung zu verändern, um darin besser zu überleben. Eiszeitjäger haben vermutlich genau das getan. Sie waren quer durch Europa – von Spanien bis nach Russland – in der Lage, Landschaft und Vegetation entscheidend zu ihren Gunsten zu verändern.“

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