Kurzurlaub in Norddeutschland Cuxhaven mit Ringelnatz kennenlernen

Cuxhaven bietet weit mehr als Fischbrötchen und einen Hafenbummel. Dort kann man auf den Spuren des Stegreifdichters Joachim Ringelnatz die Stadt am Meer erkunden und das Lotsen-Viertel kennenlernen.
28.11.2020, 05:08
Lesedauer: 5 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel

Es sind diese beiden kleinen Ameisen, die nach Australien reisen wollen, aber dann doch auf ihre Reise verzichten, weil ihnen recht schnell die Füße wehtun, die Joachim Ringelnatz bekannt gemacht haben. 1912 erschien das Gedicht „Die Ameisen“ erstmals. Damals lebte Ringelnatz noch unter seinem bürgerlichen Namen Hans Bötticher in München und war Hausdichter im Künstlerlokal Simplicissimus. Als Seemann hatte er vier Jahre lang die Welt bereist und die Seefahrt an den Nagel gehängt. Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus; er meldete sich am ersten Tag der Mobilmachung freiwillig zur Kriegsmarine, um auf hoher See zu kämpfen. Der Stegreifdichter wird nach anderen Stationen nach Cuxhaven abkommandiert. Über die Stadt schreibt er ironisch: „Cuxhaven war ein hübscher Ort und von Stacheldraht umgeben.“ Ausgerechnet Cuxhaven also. „Er war darüber erbost, denn er wollte Ruhm und Ehre erringen“, sagt Erika Fischer, Leiterin des Joachim-Ringelnatz-Museums, übrigens des einzigen in Deutschland.

Ruhm und Ehre, das war am Anfang des Krieges noch sein Wunsch, doch Hans Bötticher durchschaute schnell, wie unsinnig das Kriegsgeschehen war. Er schilderte in dem Buch „Als Mariner im Krieg“ stumpfsinnigen Dienst in düsteren Kasernen und auf Sperrschiffen statt – wie erhofft – auf hoher See. Im Verlauf des Krieges stieg er aber bis zum Leutnant auf und wurde Minensuchboot-Kommandant. „Er lebte im Zwiespalt, denn er wollte zum einen schon früh Künstler sein, aber seinem Vater auch zeigen, dass er es zu etwas gebracht hat“, sagt Erika Fischer.

Die Stadt an der See und die Kriegsjahre dort prägten den Dichter trotzdem. Er schrieb Gedichte und aus seinen Tagebuchaufzeichnungen das Buch „Als Mariner im Krieg“, das 1928 erschien und bis heute als eines der wichtigen kritischen Zeugnisse des Seekriegs gilt.

Wer wissen möchte, wo sich Joachim Ringelnatz auch heute noch im Stadtbild findet, der besorgt sich am besten im Joachim-Ringelnatz-Museum einen Flyer und macht sich auf die Spuren des Erfinders des ewig betrunkenen Seemanns Kuddel Daddeldu. Die Spurensuche beginnt am Museum in der Süderstraße, führt über den Bahnhof am Hafen, entlang der Elbe sowie der Kugelbake und schließlich bis zum Wernerwald.

Cuxhaven ist zwar eine überschaubare Stadt und den größten Teil der Spurensuche können Gäste zu Fuß zurücklegen, doch bis zum Wernerwald sind es von der Innenstadt einige Kilometer. Wer sich aber auf den Weg macht, kommt vorbei am Fort Kugelbake und gelangt von dort an den Strand. Steht man bei Niedrigwasser bis zu den Knöcheln im Watt, kann man ganz wunderbar die dicken Pötte beobachten, die dicht an einem vorbeifahren. Ein idealer Platz für Ship-spotter. Auf der Höhe von Duhnen und in Sahlenburg startet der Wattweg nach Neuwerk. Von dort aus ist es dann nicht mehr allzu weit bis zum Wernerwald.

Dort war Ringelnatz im Seeheim stationiert. „Da draußen war er mit dem Kescher unterwegs und hat Kreuzottern, Ringelnattern und anderes Getier für sein Freiluftterrarium gefangen“, erzählt Erika Fischer. Überhaupt habe Ringelnatz sich sehr für Tiere interessiert und Ameisen und Co. nicht nur in seinen Gedichten, sondern auch in seinen Gemälden verewigt, sagt sie. Ab kommenden April wird es dazu eine Ausstellung seiner Bilder im Museum geben.

Nicht weit von dort, nur einmal durch die Fußgängerzone hindurch, in der es im Herbst schon mal durchdringend nach Fisch riecht, und dann weiter Richtung Helgoland-Anleger, gibt es einen besonderen Stadtteil: das historische Lotsen-Viertel. Am Rand des Viertels steht auch heute noch das Hotel „Hus Kiek in de See“, in dem Ringelnatz als Offizier kurz lebte, sowie Gebäude der Kaiserlichen Marine, in denen er Rekruten exerzieren ließ.

Das Lotsen-Viertel wird der Dichter vermutlich auch gekannt und besucht haben. Heute ist rund um die Schillerstraße ein Quartier mit inhabergeführten Geschäften, individuellen Shops, Cafés und Restaurants entstanden. Früher lebten dort die Schiffer, Fischer und natürlich die Lotsen, denn das Viertel liegt gleich in Hafennähe hinter dem Deich. „Die Lotsen durften damals nicht weiter als einen Kilometer von der Lotsenversetzstelle an der Alten Liebe entfernt wohnen“, sagt die Cux-Deern Manja Freudenthal, die Gäste durch den historischen Stadtteil führt. Wurde ein Lotse gebraucht, radelte Hein Knoop los. Er klopfte und rief so lange, bis der Lotse seinen Kopf aus dem Fenster steckte. „Erst dann ist er weitergeradelt“, erzählt die Stadtführerin.

Etwa ab 1830 begann rund um die heutige Schillerstraße das seemännische Treiben. 1891 startete schließlich von Cuxhaven die „Augusta Victoria“ zu einer „Lustreise in den Orient“. Diese Reise gilt als Beginn der Kreuzfahrt. Während dieser Zeit wurden auch die Häuser für die Kapitäne gebaut, erzählt die Stadtführerin. Im Viertel gibt es noch einige Lotsenhäuser, die oftmals aufwendig restauriert wurden, wie das alte Deichhaus. Die Eigentümer haben Tausende alte Steine und Ziegel gesäubert und die alten Balken wiederverwendet. Vor dem Haus befindet sich auch ein Brunnen. „Davon gab es nur wenige“, erzählt Manja Freudenthal. Genutzt wurde es von allen Anwohnern der Straße.

Die typischen Lotsenhäuser haben in der Mitte den Eingang sowie links und rechts zwei baugleiche Wohnungen. „Ist ein Lotse auf See geblieben, konnte seine Frau eine Wohnung untervermieten und so für sich und die Kinder sorgen“, sagt die Cux-Deern. Hinter den Häusern befinden sich auch heute noch zum Teil verwunschene Gärten, damals waren es Selbstversorger-Gärten.

Am Ende der Schillerstraße gab es viele Jahre eine Kneipenmeile. „Dorthin sind die Seeleute von den Fischdampfern gegangen, wenn ihre Frauen ihnen nicht vorher das Geld abgenommen haben“, erzählt Freudenthal. Heute existiert in der Straße nur noch ein einziges altes Lokal, das Elbe 1. „Dort haben sie in den guten Zeiten zu dritt hinter der Theke gestanden“, sagt sie. Ob es das Lokal auch während des Ersten Weltkriegs gegeben hat, weiß Manja Freudenthal nicht. Dem Lebemann Ringelnatz hätte das Kneipenleben dort aber sicherlich Gefallen, denn er mochte „wüste Gelage“, wie er selbst schreibt – obwohl die manchmal ausuferten: „Weil wir auf dem Heimwege aus voller Kehle das Pfannenflickerlied brüllten und im Takte dazu die gezogenen Säbel aneinanderschlugen, wurden wir als nächtliche Ruhestörer dem Polizeimeister gemeldet.“

Info

Zur Sache

Cuxhaven

Anreise: mit dem Regionalzug von Bremen nach Cuxhaven. Die Stadt lässt sich von dort aus gut zu Fuß erkunden.

Unterkunft: Joachim Ringelnatz war froh, als er aus der Kaserne in eine private Unterkunft umziehen konnte. Er fand in der Villa „Hus Kiek in de See“ ein Zimmer. Heute ist in dem Haus direkt hinter dem Deich ein Hotel mit demselben Namen entstanden. Von den oberen Stockwerken blickt man auf die Elbe. Die Zimmer sind geschmackvoll und gemütlich eingerichtet. Weitere Infos unter www.villa-hus-austernbank.de.

Essen und Trinken: Wer zu Fuß bis zum Wernerwald geht, sollte zwischendurch einen Halt im Restaurant Kliff in Sahlenburg einplanen. Dort gibt es Eis und hauseigenen Kuchen sowie Leckereien wie Nordsee-Tapas, Krabbensuppe oder verschiedene Fisch- und Fleischspezialitäten. Wer portugiesische Atmosphäre schnuppern möchte, besucht das Restaurant Sagres, Schillerstraße 16. Dort gibt es originale portugiesische Gerichte. Im Restaurant Seeterrassen, Am Seedeich 38, hat man Blick auf die Elbe und die dicken Pötte. Gute Küche.

Das Joachim-Ringelnatz-Museum ist deutschlandweit einzigartig. In dem Haus an der Südersteinstraße 44 erfahren Besucher Spannendes über sein Leben, den Seemann Ringelnatz, seine Frau „Muschelkalk“ und seine Gedichte. Der Dichter war außerdem Maler. Er hat Landschaften, Porträts sowie poetisch-mystische Gemälde erschaffen, die in der Dauerausstellung gezeigt werden. Weitere Infos zu Führungen unter www.ringelnatzmuseum.de.

Führungen durch das Lotsen-Viertel, entlang der Fischmeile oder durch den Hafen bietet Manja Freudenthal an. Weitere Infos unter cux-deern@t-online.de sowie unter Telefon 0 47 21 / 5 15 34.

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