Kurzurlaub in Wolfsburg Von wegen nur eine Autostadt

Wolfsburg und VW: Beides scheint untrennbar verbunden zu sein. Warum die Stadt jedoch nur für ihre Autos, sondern auch für Kunst und Bauwerke berühmt ist. Und was der VW-Konzern mit der Erdkrümmung zu tun hat.
07.12.2019, 08:55
Lesedauer: 6 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel

Das muss gleich zu Anfang geklärt werden: Wolfsburg ist nicht Bielefeld. Wolfsburg ist existent – und wie. Wer also bisher dachte, er muss die Stadt in Niedersachsens äußerem Osten nicht besuchen, weil es dort nichts gibt außer öder Provinz und grauer Kleinstadt-Architektur, der irrt. Nun gut, den Vorwurf der Hässlichkeit muss sich die Stadt trotzdem gefallen lassen; zumindest, wenn es um die Einkaufsmeile in der Porschestraße geht. Wer dort flaniert, geht entlang von hässlichen 1960er-Jahre-Bauten und Betonklötzen, kommt an Billigläden, Fastfood-Restaurants und Discountern vorbei. Attraktiv ist anders. Aber gut, auch das kommt in den besten Städten vor.

Abgesehen davon hat Wolfsburg eine ganze Menge architektonischer Schönheiten zu bieten: So gibt es in der Stadt drei Gebäude des finnischen Architekten Alvar Aalto. Mit dem Alvar-Aalto-Kulturhaus, dem Gemeindezentrum Heilig-Geist und der Stephanuskirche in Detmerode hat Wolfsburg die meisten Gebäude dieses Architekten außerhalb Finnlands. Ebenfalls ein architektonischer Hingucker ist außerdem das geschwungene Gebäude mit den fließenden Elementen, in dem das Technikmuseum Phäno untergebracht ist. Es ist von der Architektin Zaha Hadid entworfen worden. Wer weiter auf den Spuren der Architektur wandeln möchte, wird außerdem in der Autostadt von VW fündig. Dort sind im Zuge der Expo 2000 außergewöhnliche Pavillons entstanden. Aber davon später mehr.

Das Kunstmuseum Wolfsburg ist in einem von außen eher schlichten, quadratischen Gebäude mit einer Glasfassade untergebracht, aber es bietet dafür in seinem Inneren einen Schatz für Liebhaber der Gegenwartskunst. Der riesige Ausstellungssaal mit einer Deckenhöhe von 16 Metern und insgesamt 3500 Quadratmetern Fläche bietet den Kuratoren die Möglichkeit, Kunst nicht nur auszustellen, sondern zu inszenieren. Im Gegensatz zu den meisten Museumsbauten ist man in Wolfsburg eben nicht auf vorgegebene Räume festgelegt, sondern kann die Ausstellungsarchitektur an den Inhalt anpassen.

Geschehen wird das etwa bei der Ausstellung „Macht! Licht!“, die im kommenden Jahr von Mai bis September gezeigt wird. Der Hauptraum wird nicht nur verdunkelt, sondern schwarz gestrichen, um den lichten Kunstinstallationen den entsprechenden Rahmen zu geben. „Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Licht positiv konotiert: mit dem Guten, Schönen, Hellen“, sagt Andreas Beitin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch das habe sich mit der technischen Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts und der damit einhergehenden Lichtverschmutzung geändert. Gezeigt werden deshalb nicht unbedingt die großen, bekannten Lichtinstallationen, sondern Werke, die sich auf politische, ökologische, wirtschaftliche und soziale Aussagen konzentrieren. Dabei greifen Beitin und sein Team auch auf Werke der breit aufgestellten Sammlung des Kunstmuseums zurück – für die Sammlung wurden und werden übrigens Werke angekauft, die es in anderen Museumssammlungen in der nähren Umgebung, wie in Bremen, Hamburg oder Berlin eben nicht gibt. Gezeigt werden in „Macht! Licht!“ etwa Werke von Claire Fontaine, Christian Boltanski, Joseph Beuys, Olafur Eliasson, Mischa Kuball, Bruce Naumann, Kazuo Katase und vielen mehr.

Mit Andreas Beitin hat das Kunstmuseum Wolfsburg seit Frühjahr diesen Jahres außerdem einen neuen Direktor, der die Programmatik des Hauses weiterhin politisch prägen möchte. Der promovierte Kunsthistoriker war zuvor elf Jahre am renommierten ZKM in Karlsruhe tätig und hat das Ludwig Forum in Aachen geleitet. Dort wurde er 2017 mit dem renommierten Justus-Bier-Preis für Kuratoren ausgezeichnet und hat 2018 die „Ausstellung des Jahres“ kuratiert, zugleich wurde das Ludwig Forum als „Museum des Jahres“ ausgezeichnet.

Die umstrittene Ausstellung „Oil – Von Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“, wegen der sein Vorgänger in Wolfsburg angeblich geschasst worden sein soll, zeigt Beitin nun unbeeindruckt von den Gerüchten im Sommer 2021. Aus Aachen mitgebracht hat er außerdem das Ausstellungsthema Kunst und Feminismus. „Die Idee, eine Ausstellung zu Frauen als Rollenbrecher in der Kunst zu machen, kam im Gespräch mit Alice Schwarzer“, erzählt Andreas Beitin.

Wer vom Kunstmuseum durch die Porschestraße zurück, am Hauptbahnhof vorbei und über den Mittellandkanal geht, kommt zur Autostadt des VW-Konzerns. So viel sei vorweg gesagt: Für einen Besuch dort, sollte man eigentlich zwei Tage einplanen. Denn selbst wer sich nicht großartig für Autos interessiert, wird dort viel finden, was schön und sehens- und erlebenswert ist – das gilt übrigens auch für Familien: Angefangen etwa bei der Kunst, die auf dem Gelände verteilt ist. Gleich im Eingangsbereich der Autostadt hängt mit zwölf Metern Durchmesser der größte Innenraumglobus der Welt. Der Gitterglobus ist ein Werk von Ingo Günther. Einen Raum weiter hängt außerdem ein mobiles Kunstwerk von Anatol Baginsky.

Ein ganz besonderes Bauwerk ist auch der Dufttunnel von Olafur Eliasson, den der dänische Künstler mit isländischen Wurzeln 2004 zur Landesgartenausstellung in der Autostadt entworfen hat. In dem 15 Meter langen Tunnel drehen sich 2160 Blumentöpfe um den Besucher. Vier mal im Jahr werden sie mit duftenden Blumen bepflanzt. Zur Gartenkunst in der Autostadt gibt es für Blumenfreunde übrigens spezielle Führungen.

Ein Kunstwerk, das sicher nicht nur Autofans begeistert, ist der verspiegelte Bugatti Veyron 16.4 von Olaf Nicolai in einem auf Hochglanz polierten Edelstahl-Raum. Eine Sammlung von außergewöhnlichen Kunstwerken gibt es gleich nebenan im Zeithaus.

Neben den Kunstwerken ist die Autostadt aber vor allem auch für ihre ausgefallenen Bauwerke bekannt. Gästeführerin Gundi Neuschulz nennt sie sprechende Architektur, denn die unterschiedlichen Pavillons auf dem Gelände sind den Automarken des VW-Konzerns in irgendeiner Weise angepasst: Das Seat-Gebäude liegt wie die Iberische Halbinsel zu zwei Dritteln im Wasser, der Audi-Pavillon ist geformt aus Ringen und das nachträglich gebaute Porsche-Gebäude ist weich geschwungen, wurde in Teilen in der Volkswerft Stralsund gebaut und besteht aus sandgestrahltem Edelstahl.

Ein beliebter Aussichtspunkt auf dem Gelände, das in seiner Perfektheit und mit dem Eventcharakter durchaus an Disneyland erinnert, sind die beiden Autotürme. Dort werden die Autos, die ausgeliefert werden können, im wahrsten Sinne des Wortes gestapelt: 400 Fahrzeuge pro Turm. „So sparen wir Platz und Zeit“, sagt Konstantin Prahst. Er ist Fahrstuhlführer in einem der Türme. „Pro Tag werden 500 Autos ausgeliefert“, sagt er. Das beliebteste Modell ist momentan der VW Golf, gefolgt vom Tiguan und dem T-Roc.

60 000 Mitarbeiter hat der VW-Konzern in Wolfsburg. Knapp die Hälfte der Wolfsburger sind dort im Schnitt angestellt. „Wolfsburg lebt VW“, sagt Prahst. Wer in Wolfsburg lebe, werde deshalb nicht gefragt, wo er arbeite, sondern in welcher Schicht oder welcher Halle, erzählt er. Das riesige Werksgelände können die Besucher vom Turm aus gut überblicken. Auch das weist eine architektonische Besonderheit auf. Die Werksdächer sind als Sheddach oder Sägezahndach erbaut worden. Die Glasfenster zeigen nach Norden. „Dadurch gibt es stets ein angenehmes Licht in der Werkshalle“, sagt Gundi Neuschulz. Das 4,8 Kilometer lange Gelände erstreckt sich auf 6,5 Quadratkilometern. „Wenn man an einem Ende steht, kann man die Erdkrümmung sehen“, sagt Prahst. Knapp 3500 Autos laufen dort täglich vom Band. Die Energie für den Fahrzeugherstellung kommt übrigens aus den werkseigenen Kraftwerken, die ebenfalls die Stadt mitversorgen.

Info

Zur Sache

Kurzreise nach Wolfsburg

Anreise: Mit dem Zug von Bremen in knapp zwei Stunden mit Umstieg in Hannover.

Unterkunft: Fußläufig zur Autostadt, dem Phaeno und dem Kunstmuseum können Gäste etwa im Tryp Hotel Wolfsburg nächtigen. Auf dem Gelände der Autostadt gibt es außerdem das Ritz-Carlton, das mit zahlreichen Design-Elementen und Kunstwerken ausgestattet ist.

Restaurants:Das An Nam ist in der Nähe vom Hauptbahnhof und Phaeno und bietet frisch gekochtes asiatisches Essen. Infos unter www.an-nam.net. Italienische Küche gibt es im Restaurant Aalto, gleich gegenüber vom Kunstmuseum. Infos unter www.aalto-wolfsburg.de. Weit über die Stadtgrenzen bekannt ist das Drei-Sterne-Restaurant Aqua im Ritz Carlton in der Autostadt. Infos unter www.restaurant-aqua.de.

Kunstmuseum Wolfsburg: Das Kunstmuseum Wolfsburg liegt am Ende der Fußgängerzone Porschestraße am Hollerplatz 1. Vom 7. Dezember bis zum 29. März zeigt das Museum Werke des japanischen Sound- und Medienkünstlers Ryo?ji Ikeda (siehe Foto). Data-verse wurde bereits auf der Biennale in Venedig ausgestellt und sorgte dort für Furore. Die Ausstellung „Macht! Licht!“ wird vom 16. Mai bis zum 13. September gezeigt. Weitere Informationen unter www.kunstmuseum-wolfsburg.de.

Autostadt: Bis zum 5. Januar 2020 können Gäste die Winterwelt der Autostadt mit einer Oper-Air-Eislauffläche und einer Schneewelt für Kinder besuchen oder die Eisshow mit Tabaluga anschauen. Die Familienkarte kostet 47 Euro. Seit 2003 veranstaltet die Autostadt außerdem das überregional bekannte Movimentos-Festival mit zahlreichen internationalen Künstlern. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen gibt es unter www.autostadt.de.

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