Kultur und Fachwerkkunst

Ganz schön bunt in Celle

Celle in der Südheide ist bekannt für seine gut erhaltenen Fachwerk-Straßenzüge. Warum der Ort sich auch Bauhausstadt nennt und was Lichterglanz und Farbenfreude mit der Gemeinde zu tun haben.
05.12.2020, 05:06
Lesedauer: 5 Min
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Ganz schön bunt in Celle
Von Gesa Below
Ganz schön bunt in Celle

Fachwerkhäuser prägen das Bild der Schuhstraße.

MANFRED BELOW

Als der Architekt Otto Haesler (1880 bis 1962) vor 90 Jahren von der Preußischen Bauverwaltung in Celle den Auftrag erhielt, eine Direktorenvilla für den Leiter des angrenzenden Gymnasiums Ernestinum zu bauen, hat er nicht ahnen können, dass 2019, im 100. Jubiläumsjahr der Bauhaus-Architektur, seine Bauwerke so in den Fokus rücken würden. Die Stadt in der Südheide war mit diesem Erbe sogar für den Europäischen Preis für Stadtkultur 2020 nominiert.

Otto Haeslers Gebäuden, die stilmäßig dem Neuen Bauen der 1920er-Jahre zuzuordnen sind und in einem Atemzug mit dem Architekten Walter Gropius genannt werden, widmet Celle geführte Touren und Rundgänge; das gleichnamige Museum wurde neu konzipiert und auch in der Direktorenvilla, in der sich seit 2006 die Galerie Dr. Jochim befindet, engagiert sich Walter Jochim für die bestmögliche Präsentation des Architekten-Erbes. „Haesler und das Neue Bauen hatten lange Zeit nicht den Stellenwert, den sie in der Stadt hätten haben sollen“, findet er. Der Galerist hofft auf größtmögliche Resonanz auf das Thema; derzeit stellt er in den Räumen der Direktorenvilla Fotografien aller acht Gebäude und Siedlungen aus, die Haesler in der Stadt an der Aller errichtet hat.

Die Direktorenvilla von Otto Haesler.

Die Direktorenvilla von Otto Haesler.

Foto: MANFRED BELOW

Aber auch ohne Haeslers Erbe geht das kulturelle Angebot Celles weit hinaus über das, wofür die Stadt landläufig bekannt ist: Fachwerk ist das Stichwort. Konkurrenzlos ist die Vielfalt an prächtig restaurierten Fachwerkhäusern; kein Haus ist gleich, die Geometrie der Balken immer unterschiedlich. Allen voran prunkt das Hoppener-Haus in der Poststraße mit prächtigen sechs Geschossen, die Balken verziert mit allem, was die Fantasie der Menschen in der Bauzeit um 1532 eben so umtrieb: Götter, Fabelwesen, Fratzen und jede Menge sogenannte Brustbilder, die die verschiedenen Handwerksstände zeigen, sind ins Holz gearbeitet. Es mag das meistfotografierte- und bestaunte Gebäude sein, reiht sich aber doch ein in die Fachwerkkulisse der annähernd 500 Fassaden in den Straßen der Altstadt zwischen der Aller, dem Schloss und dem Französischen Garten. Natürlich ist so viel Pracht nicht umsonst zu haben; die Stadt steht alle Jahre wieder vor großen Herausforderungen, das ganze Ensemble zwischen Schuhstraße und Südwall, Am Heiligen Kreuz und Schlossplatz zu unterhalten, und natürlich werden dabei Zugeständnisse gemacht. Schwelgender Mittelalterträumerei kann man sich leichter hingeben, wenn man mit dem Blick an den oberen Giebelteilen hängenbleibt. Untenrum beherbergen viele der alten Häuser gängige Einzelhandelsketten; da ist man dann im Hier und Jetzt angekommen.

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Foto: WK

Celles Tourismus Marketing – natürlich bestrebt, alles ins beste Licht zu rücken, was die 80 000 Einwohner zählende Stadt ausmacht – bringt die Liste der kulturellen Attraktionen in der Reihenfolge „Residenzstadt, Fachwerkstadt, Bauhausstadt, Pferdestadt, Lichtkunststadt“ zu einer werbewirksamen Aufzählung und damit auf den Punkt: Alles Kultur.

Da ist beispielsweise Europas ältestes, mit festem Ensemble ganzjährig bespieltes Barocktheater im Celler Welfenschloss, das unter der Leitung von Intendant Andreas Döring mehr als über 20 Premieren im Jahr auf dem Spielplan hat – nun, so Döring, muss man „einfach abwarten, was passiert.“ Wenn alles so geht, wie sich die Theaterleute das erhoffen, werden die Premieren aus dem November nachgeholt: Ein hübscher Zufall, dass gerade jetzt neben dem Stück „Zusammen ist man weniger allein“ auch eine Komödie „Der nackte Wahnsinn“ aufgeführt werden soll.

Die Stechbahn und die St. Marien Kirche bilden den Mittelpunkt der Celler Altstadt.

Die Stechbahn und die St. Marien Kirche bilden den Mittelpunkt der Celler Altstadt.

Foto: MANFRED BELOW

Andere Kultur- und Kunstangebote der Stadt sind weniger anfällig für die derzeit einschränkenden Maßnahmen. Das gilt neben den Fachwerkfassaden, den Parks und Gärten natürlich auch für die Gebäude, die Otto Haeslers Handschrift tragen, denn die lassen sich auch von außen betrachten. Nur 500 Meter sind zum Beispiel die Direktorenvilla, das Rektorenhaus und die Wirkungsstätte des Rektors, die Altstädter Volksschule, voneinander entfernt; sie stehen an den Eckpunkten des Französischen Gartens. Weitere Gebäude Haeslers finden sich entlang des ausgeschilderten Rundgangs: die Wohnhausgruppe Waack, das Otto-Haesler-
Museum und die drei Siedlungen Blumläger Feld, Georgsgarten und Italienische Siedlung. Letztere präsentiert sich farblich besonders auffällig: Froh in knalligem Rot und Blau, aber stilgetreu in nüchternen Linien reihen sich die einzelnen Hauselemente aneinander.

Stündlich wechselt die farbige Beleuchtung im und am gläsernen Kubus des Celler Kunstmuseums.

Stündlich wechselt die farbige Beleuchtung im und am gläsernen Kubus des Celler Kunstmuseums.

Foto: MANFRED BELOW

In puncto äußerer Farbenfreudigkeit ist das Kunstmuseum am Schlossplatz den Haesler-Bauten konkurrenzlos voraus – und das vor allem nachts: Das erste „24-Stunden-Kunstmuseum“ der Welt, in Betrieb seit 1998, wird je nach Jahreszeit in der Dunkelheit stündlich in verschiedenen Farben be- und erleuchtet und strahlt einem von weitem entgegen. In Zeiten der geschlossenen Kultureinrichtungen ist das ein besonderes Angebot: Ein abendlicher Stadtspaziergang, und dann, ohne Eintrittskarte und komplett an der frischen Luft, bestrahlte Kunstobjekte vor und im Museum! Aber natürlich zeigt das Kunstmuseum auch tagsüber in wechselnden Ausstellungen zeitgenössische Kunst. Eine umfangreiche Sammlung zur niedersächsischen Kulturgeschichte und Celler Stadtgeschichte gibt es direkt nebenan im Bomann Museum. Außerdem betreut das Museum den Bestand der Eberhard-Schlotterstiftung mit 730 Ölgemälden und mehr als 4000 grafischen Arbeiten, die im Wechsel ausgestellt werden.

Also wirklich: alles Kultur.

Auf der Rückseite des Museums stehen die Feuerfontänen von Künstler Otto Piene.

Auf der Rückseite des Museums stehen die Feuerfontänen von Künstler Otto Piene.

Foto: MANFRED BELOW

Info

Zur Sache

Celle

Anreisen kann man mit dem Zug mit Umstieg in Hannover – schnelle Verbindungen dauern circa zwei Stunden, oder mit dem Auto über die A 27, die A 7 und die B 214 nach Celle: Das sind ungefähr 120 Kilometer. Es bieten sich aber auch verschiedene Strecken über die Landstraßen durch die Heide an.

Übernachtung: luxuriös mit fünf oder vier Sternen: Althoff Hotel Fürstenhof, Telefon: 05141 / 2010, info@fuerstenhof-celle.com, Hotel Caroline Mathilde, Telefon: 05141 980780. Für das etwas kleinere Reisebudget: Celler Hof, Telefon: 05141 / 91196-0, info@cellerhof.de

Essen und Trinken: Edel isst man in der Taverna & Trattoria Palio, 0 51 41 / 20 10, info@fuerstenhof-celle.com, gemütlich ist es im Ratskeller, ratskeller@rkcelle.de, Telefon: 0 51 41 / 2 90 99, Herzhaftes gibt es in der Bierakademie, bierakademiecelle@t-online.de, Telefon: 0 51 41 / 2 34 50.

Corona-Situation: Da es aufgrund der Covid-Pandemie zu Änderungen kommen kann, informieren Sie sich bitte aktuell über allgemeine Öffnungszeiten auf der Internetseite von Tourist Information Celle, www.celle-tourismus.de, Telefon: 0 51 41 / 90 90 80, info@celle-tourismus.de.

Museen: Kunstmuseum kunstmuseum@celle.de, Telefon: 0 51 41 / 12 45 21; Bomann Museum, bomann-museum@celle.de, Telefon: 0 51 41 / 12 45 40

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