Unterwegs in der Natur

Wandern an den Hasequellen und der Bifurkation

Wir nehmen Sie mit auf einen Wochenendtrip – dorthin, wo der Fluss Hase ihren Ursprung hat: ins Osnabrücker Land. Erfahren Sie, was eine Müllerstochter und der Sachsenkönig Wittekind dort gemacht haben.
30.10.2020, 06:59
Lesedauer: 5 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
Wandern an den Hasequellen und der Bifurkation

Ein Weg der Wanderung „Königsbrück“ führt an einem Buchenwald entlang.

MARIE-CHANTAL TAJDEL

Lang ist es her, da fragte der Sohn eines Grafen bei einem Müller nach einem Glas Wasser. Der Müller schickte ihn ins Haus zur Tochter. Die gab dem Grafensohn zu trinken und vermutlich redeten die beiden über Dies und Das. Auf alle Fälle verliebten sie sich unsterblich ineinander und wollten alsbald heiraten. Der alte Graf war selbstverständlich dagegen. Deshalb traf er die Müllerstochter eines Tages an der Hase. Doch all sein Flehen und Drohen half nicht, sie wollte seinen Sohn heiraten. Da stieß der Graf ihr einen Dolch ins Herz, und sie fiel in die Hase. Der Fluss schäumte hoch auf, trat über die Ufer – und zack – teilte sich die Hase und floss fortan in einem zweiten Flusslauf unter dem Namen Else. Und nur, um den Mythos perfekt zu machen: Die Müllerstochter hieß Else.

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Foto: WK

Dass Flüsse zusammen laufen oder in andere Flüssen münden – das ist bekannt, aber dass sich ein Fluss in zwei Wasserläufe teilt, ist selten. Deshalb hat selbst Alexander von Humboldt über die Bifurkation, die Teilung in zwei selbstständige Flusssysteme, in Gesmold geschrieben. Wie es zu der dortigen Bifurkation gekommen ist, weiß man aber bis heute nicht genau. „Es gibt verschiedene Theorien“, sagt Fritz Mithöfer, Meller Naturführer, am wahrscheinlichsten ist aber diese: Die Bifurkation ist künstlich. Hermann von Amelunxen, Drost und Gesmolder Schlossherr, ließ um 1550 eine Rinne zwischen Hase und Else graben. Der Grund? „Es gab über die Jahrhunderte immer wieder Streit um das Wasser der Hase“, sagt der Naturführer. Denn mit dem Wasser wurden Mühlen angetrieben.

Im Dreißigjährigen Krieg ließen die Schweden etwa das Wasser der Hase komplett in die Else abfließen und legten so Osnabrück trocken. Die Städter mussten sich nach kurzer Zeit ergeben. 1690 gab es schließlich eine Vereinbarung von kirchlichen und weltlichen Herren, dass zwei Drittel der Fluten in die Hase und ein Drittel in die Else gehen sollen, damit der Streit ein Ende habe.

Der Meller Naturführer Fritz Mithöfer

Der Meller Naturführer Fritz Mithöfer

Foto: Tasha Tajdel

Heutzutage fließt die Hase durch Osnabrück und endet schließlich in Meppen in der Ems. Die Else fließt bei Löhne in die Werre, die wiederum bei Bad Oyenhausen in die Weser fließt.

Rund um die Bifurkation gibt es mittlerweile ein Flora-Fauna-Habitat, ein spezielles Natur- und Landschaftsschutzgebiet. Dort ist beispielsweise ein Beweidungsprojekt entstanden, mit dem Kiebitze geschützt werden sollen: Das ganze Jahr grasen Welsh Black Rinder auf den Weiden. Kiebitze haben so die Möglichkeit, auf den Weiden zu nisten und ihre Jungen großzuziehen. Zwei Biologen, der in Melle ansässige Stiftung für Ornithologie und Naturschutz, versuchen außerdem, die Gelege auf extensiv genutzten Flächen in der Umgebung zu schützen.

Etwa acht Kilometer von der Bifurkation entfernt entspringt die Hase aus mehreren Quellen. Wer dem Fluss an seinen Ursprung folgen möchte, kann das am besten auf der Terra-Track-Wanderung „Von Quelle zu Quelle“. Der knapp sechs Kilometer lange Weg führt in einem teils moderaten, teils etwas anspruchsvolleren Auf und Ab an Buchen, Eichen und Nadelbäumen vorbei. Meist geht man auf den gut ausgebauten Wegen allein, hört Vögel zwitschern und bewundert Fliegenpilze oder hellbraune Hallimasch, die an einem Baumstamm wachsen.

Ein Fluss mündet normalerweise in einen anderen, aber das aus einem Fluss zwei Flusssysteme werden, das ist ein ungewöhnlich. Das Phänomen nennt sich Bifurkation. Anschauen kann man die Flussteilung in Gesmold bei Melle.

Ein Fluss mündet normalerweise in einen anderen, aber das aus einem Fluss zwei Flusssysteme werden, das ist ein ungewöhnlich. Das Phänomen nennt sich Bifurkation. Anschauen kann man die Flussteilung in Gesmold bei Melle.

Foto: Tasha Tajdel

Die Wanderung verbindet die Kleine und Große Rehquelle, die Schwarze Welle, die auch als Almaquelle bekannt und der größte Wasserspender der Hase ist, sowie den Blauen See. Der hat seinen Namen vom kalkhaltigen Wasser und soll an guten Tagen so türkisblau schimmern wie das Wasser der Südsee. Im Herbst sammelt sich allerdings nur wenig Wasser in dem braunen Tümpel. An den hohen Ufern recken sind Buchen in den Himmel. Schön sieht der kleine, urige Waldsee trotzdem aus.

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Foto: Marko Kremer

Wer zuvor die Kleine Rehquelle passiert hat und die hölzernen Stufen hinuntergeklettert ist, gelangt zu ihrem sanft sprudelnden Quell. Mal sickert mehr, mal weniger Wasser aus dem natürlichen Brunnen heraus. Man wundert sich, dass das Rinnsal zur Hase werden soll, immerhin ist sie der größte rechtsseitige Nebenfluss der Ems. Aber gut, schließlich gibt nicht nur dieses tröpfelnde Rinnsal, sondern noch weitere Quellen, die die Hase speisen. Das Wasser der Hasequelle stammt übrigens als versickerndes Regenwasser aus dem Teutoburger Wald und speist das Grundwasser.

Auch eine zweite Wanderung in den Nähe von Melle hat eine mythische Geschichte: die Terra-Track-Wanderung „Königsbrück“. Der Sage nach soll der Sachsenherzog Wittekind im Jahr 783 seine Männer vor der Schlacht an der Hase gegen Karl den Großen an der steinernen Brücke über die Warmenau gesammelt und von dort aus befehligt haben. Ob das stimmt, lässt sich nicht nachverfolgen; sicher ist nur, dass die Sachsen die Schlacht verloren haben. Heute ist von der berühmt-berüchtigten Brücke nur noch ein Steinhaufen in der Warmenau übrig. Von dort blickt man direkt auf Schloss Königsbrück, ein von Gräben umgebenes Wasserschloss. Die Schlossherren waren lange Zeit sehr mächtig: Bis zu 136 Bauernhöfe standen unter ihrer Grundherrschaft und mussten Abgaben leisten.

Wer die knapp neun Kilometer lange Wanderung am Schloss Königsbrück beginnt, kreuzt gleich zu Beginn die Warmenau, der man im Verlauf der Tour noch einige Male begegnet. Passiert wird auch das idyllisch gelegene Suttdorf mit zahlreichen großen Fachwerkhöfen und alten Eichen. Es geht entlang von Wäldern, über Wiesen, auf denen Kühe und Pferde grasen, und über eine Auenwiese an der Warmenau.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismus Osnabrücker Land.

Der Ursprung von Schloss Königsbrück geht auf die Sachsenkriege zurück.

Der Ursprung von Schloss Königsbrück geht auf die Sachsenkriege zurück.

Foto: Marie-Chantal Tajdel

Info

Zur Sache

Melle

Anreise: am besten mit dem Auto über die A 1 und A 30. Vor Ort gelangt man am einfachsten mit dem Auto zu den Startpunkten der Wanderungen.

Übernachtung: Komfortabel und mit Wellnessbereich kann man im Van der Valk Hotel Melle übernachten. Es liegt allerdings direkt an der Autobahn. Zimmer nach hinten gelegen, sind aber ruhig. Infos unter melle.vandervalk.de. Das Hotel Selige liegt direkt am Markt im Zentrum Melles. Einfache und zweckmäßige Zimmer. Infos unter www.hotel-selige.de.

Die Bifurkation erreichen Besucher über die Allendorfer Straße in Melle-Gesmold. Rund um die Flussteilung von Hase und Else gibt es zahlreiche Schilder sowie Spiele und Rätsel für Kinder. Wer eine Führung wünscht, wendet sich an das Kultur- und Tourismusbüro der Stadt Melle unter 0 54 22 / 96 53 12.

Essen und Trinken: Eine wirkliche Empfehlung ist die Waldschänke, Dissener Straße 73, in Melle-Wellingholzhausen. Gastronom Alexander Bachmann hält hunderte Hühner verschiedener Rassen und kocht einfache sowie traditionelle Gerichte ohne Schnick-Schnack, aber mit viel Geschmack. Das ist nicht unbemerkt geblieben: Seit zwei Jahren wird die Waldschänke vom Guide Michelin empfohlen. Infos unter www.steinreich-alexanderbachmann.eu Ein guter Halt zur Kaffeezeit ist das Gasthaus Zum Beutling, Beutlingsallee 45, in Melle auf dem gleichnamigen Berg. Von dort hat man einen schönen Ausblick über das Tal.

Wandern auf den Terra Tracks: Die Wanderung „Von Quelle zu Quelle“ ist abwechslungsreich, die Wege sind gut ausgebaut. Wanderer sollten ein wenig geübt sein, denn es geht oftmals bergauf. Allerdings sollte man sich zuvor eine Wegbeschreibung und den Plan als PDF ausdrucken, denn die vielen Schilder am Wegesrand sind verwirrend und der Weg ist nicht immer gut ausgeschildert. Infos: www.osnabruecker-land.de/tour/terratrack-von-quelle-zu-quelle. Besser ausgeschildert und landschaftlich ebenfalls abwechslungsreich ist der Wanderweg Königsbrück. Infos: www.osnabruecker-land.de/tour/terratrack-koenigsbrueck.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version ist uns bei den Flüssen ein Fehler unterlaufen. Richtig ist, dass die Else bei Löhne in die Werre fließt. Die Werre wiederum fließt bei Bad Oyenhausen in die Weser. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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