Paiute wollen ihre Kultur erhalten

Die letzten Ureinwohner von Las Vegas

Den 50 Stammesangehörigen der Paiute geht es wirtschaftlich gut, aber sie kämpfen für den Erhalt ihrer Kultur
08.05.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Oliver Schindler
Die letzten Ureinwohner von Las Vegas

Die morgendliche Sonne lässt die Sandsteinfelsen im Valley of Fire leuchten.

Oliver Schindler

Die Sandsteinfelsen leuchten feurig-rot im frühen Sonnenlicht. Zwei Dickhornschafe stehen auf einem Hügel und beobachten das Geschehen im Tal. Ein Kojote hat Spuren im Wüstensand hinterlassen. Auf den Felswänden befinden sich Bilder von Menschen, spirituellen Wesen, Dickhornschafen und Schildkröten sowie Linien, Kreuze, Kreise und Spiralen. Die Jahrtausende alten Petroglyphen sind nach wie vor von spiritueller Bedeutung. Viele Native Americans nutzen die Felsbilder auch heute noch, um mit ihren Vorfahren Kontakt aufzunehmen.

Das Valley of Fire war früher Indianerland, heute ist es ein unter Naturschutz stehender State Park in der Mojavewüste im US-Bundesstaat Nevada, rund 80 Kilometer nordöstlich von Las Vegas. Seit dem 12. Jahrhundert lebt dort das indigene Volk der Southern Paiute. Sie waren keine Nomaden, sondern Bauern und Jäger. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eroberten dann Siedler auf der Suche nach dem amerikanischen Traum den Wilden Westen. Die Ureinwohner hingegen verloren nicht nur ihr heiliges Land, sondern oft auch ihr Leben.

Als Kolumbus 1492 den Kontinent entdeckte, lebten in Nordamerika Schätzungen zufolge zwischen zwei und sechs Millionen Ureinwohner. Im Jahr 1900 gab es in den USA laut einer Volkszählung nur noch 267.000 Natives, heute sind es 1,9 Millionen. Fast zwei Drittel von ihnen wohnt in Städten, nur etwa 22 Prozent in den knapp 300 Reservaten des Landes. Viele der indigenen Stämme in den USA haben in ihren Reservaten mit Armut, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogen und Gewalt zu kämpfen.

Die Petroglyphen erzählen vom Leben der Ureinwohner im Valley of Fire vor mehr als 2000 Jahren.

Die Petroglyphen erzählen vom Leben der Ureinwohner im Valley of Fire vor mehr als 2000 Jahren.

Foto: Oliver Schindler

Die Las Vegas Paiute gehören zum Volk der Southern Paiute. Der Stamm besitzt ein Reservat in Downtown Las Vegas, von den Bewohnern The Colony genannt. 1911 schenkte die weiße Rancherin Helen J. Stewart dem landlosen Stamm vier Hektar ihres Besitzes. Das Grundstück lag damals in der Wüste – heute ist es mitten in der Stadt. Die Las Vegas Paiute sind eine sogenannte Sovereign Nation: Ein souveräner Stamm, der sich weitgehend selbst verwaltet.

„Sie dürfen hier nicht weitergehen. Es ist verboten, das Reservat zu betreten“, sagt ein weißer Polizist zu Besuchern, die sich im Reservat The Colony umsehen wollen. „Sie können gerne dort vorne in die Geschäfte gehen“, fügt er hinzu und fährt in seinem Pick-up weiter. Am Eingang des Reservats gibt es eine kleine Ladenzeile. In dem wüstenfarbenen Gebäude ist ein unscheinbarer Tabakladen. Doch der Smoke Shop des Stammes, der seine Ware seit 1978 steuerfrei verkauft, ist der größte Tabakeinzelhändler in den USA. Den Las Vegas Paiute geht es wirtschaftlich gut.

„Wir haben heilige Traditionen, die geschützt werden müssen, damit wir sie an unsere Kinder weitergeben können. Wir müssen ihnen beibringen, wer wir sind und wie wir zu Beschützern der Erde wurden“, sagt eine Figur in dem Comic „Captain Paiute“ von Theo Tso. Der Comiczeichner ist einer von rund 50 Stammesangehörigen der Las Vegas Paiute und lebt seit seiner Geburt im Reservat The Colony. Sein Captain Paiute ist ein indigener Superheld, der tagsüber als Hydrologe arbeitet und nachts für Gerechtigkeit in den Reservaten im Südwesten der USA sorgt.

Theo Tso, der schon für drei Amtszeiten in die Stammesregierung gewählt wurde, redet nicht gern über das Leben der Las Vegas Paiute. Die Kunst des Schweigens gilt als Merkmal indigener Kultur, insbesondere im Umgang mit Weißen. Tso lässt lieber seine Comics sprechen. „Die Weißen hatten immer Angst vor dem, was sie nicht verstehen“, sagt ein Stammesratsmitglied in „Captain Paiute“. „Sie haben uns Wilde genannt, aber sie selbst verwendeten brutale Mittel, um uns zu zwingen, unsere Traditionen aufzugeben. Aber wir haben Widerstand geleistet und praktizieren sie noch immer.“

Auf dem Highway 95 stadtauswärts Richtung Norden zeigt sich das Las Vegas Valley. Joshua Trees stehen mit weit ausgestreckten Ästen in der Mojavewüste. Im Westen erhebt sich der Snow Mountain, wie die Las Vegas Paiute ihren heiligen Berg nennen, der auch Mount Charleston heißt. Sonst gibt es nur Geröll und Gestrüpp. Doch dann plötzlich eine Oase – grüne Wiesen, Hügel, ein See, Enten und Bäume. Es ist keine Fata Morgana. Die Las Vegas Paiute betreiben im Snow Mountain Reservat drei Golfplätze mitten in der Wüste. Sie haben 1983 knapp 1600 Hektar Land ihrer Vorfahren vom US-Kongress zurückerhalten, 1995 war der erste Golfplatz fertig. „In diesem Reservat leben nur sehr wenige Stammesangehörige. Sie wohnen auf der anderen Seite des Highways Richtung Snow Mountain“, sagt Jeff Reid, der Geschäftsführer des Golfresorts.

Der Smoke Shop der Las Vegas Paiute ist der größte Tabakeinzelhändler in den USA.

Der Smoke Shop der Las Vegas Paiute ist der größte Tabakeinzelhändler in den USA.

Foto: Oliver Schindler

Einmal im Jahr feiern Tänzer, Sänger und Trommler in traditionellen Festtrachten im Snow Mountain Reservat einen Powwow, ein indigenes Tanzfest. Der Jingle Dress Dance für Frauen, der Grass Dance für Männer und der Rabbit Dance für Paare bestimmen dann das Geschehen in der Tanzarena. Mit „Intertribal, everyone dance, it’s Powwow time“ kündigt der Zeremonienmeister einen Tanz an, der nicht nur für jeden Stamm offen ist, sondern auch für jeden Tanzstil, jedes Alter und Geschlecht, jede Hautfarbe. Der Snow Mountain Powwow ist ein indigenes Tanzfest, zu dem Natives zahlreicher Völker und Stämme aus dem gesamten Westen der USA anreisen. Auch Weiße sind willkommen.

Der Powwow wurde in diesem Jahr wegen der Pandemie abgesagt. Er findet eigentlich am Memorial-Day-Wochenende Ende Mai statt. An dem Feiertag gedenken die USA ihrer Kriegstoten. Auch die Ureinwohner Nordamerikas haben seit der Entdeckung des Kontinents sehr viele Tote zu beklagen. Das Kriegsbeil zwischen Natives und Weißen ist zwar schon lange begraben, aber der soziale Frieden ist immer noch nicht hergestellt. „Ich werde für uns alle kämpfen, für unseren Planeten und für unsere Reservate“, verkündete Deb Haaland, die erste indigene Ministerin der USA. Die 60-Jährige vom Stamm der Laguna ist seit dem 16. März neue US-Innenministerin und somit auch für die Natives des Landes zuständig. Vielleicht wird sie eine indigene Superheldin.

Die Reise wurde unterstützt von Travel Nevada.

Info

Zur Sache

Nevada

Anreise: Condor fliegt direkt von Frankfurt nach Las Vegas, Infos unter www.condor.com.

Corona-Lage: Seit März 2020 sind touristische Einreisen in die USA für Europäer nicht möglich.

Unterkunft: Plaza Hotel & Casino, Downtown, Infos unter www.plazahotelcasino.com.

Reservate: The Colony, Infos unter www.lvpaiutetribe.com, und Snow Mountain, Infos unter www.lvpaiutegolf.com. Der nächste Powwow findet vom 28. bis 29. Mai 2022 statt.

Comics von Theo Tso: „Captain Paiute – Indigenous Defender of the Southwest“, Infos unter www.warpaintstudios.net.

Aktivitäten: Wandern zu den Petroglyphen im Valley of Fire, weitere Infos unter www.takeahikevegas.com; Kajakfahren auf dem Colorado River, Infos unter www.blazinpaddles.com; Hubschrauber-Ausflug zum Grand Canyon, Infos: www.papillon.com.

Weitere Infos zu Nevada gibt es unter www.travelnevada.com.

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