Lebenswichtige Mangroven

Ökosysteme sind aus Lebewesen und ihrer Umwelt gebildete natürliche Einheiten. Dabei kann es sich um einen See, eine Wiese oder einen Wald mit all den dort lebenden Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren handeln.
28.04.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Lebenswichtige Mangroven
Von Jürgen Wendler
Lebenswichtige Mangroven

Mit ihrem ausgedehnten Wurzelwerk bieten Man­grovenbäume einen Schutzraum für den Fischnachwuchs. Auch für den Küstenschutz spielen sie eine wichtige Rolle.

Ulrich Saint-Paul, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung

Ökosysteme sind aus Lebewesen und ihrer Umwelt gebildete natürliche Einheiten. Dabei kann es sich um einen See, eine Wiese oder einen Wald mit all den dort lebenden Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren handeln. Menschen sind auf intakte Ökosysteme unter anderem deshalb angewiesen, weil diese Nahrung und Rohstoffe liefern. Vielen ist bewusst, dass tropische Regenwälder und Korallenriffe besonders wichtige Ökosysteme sind. Die Bedeutung der Mangrovenwälder wird dagegen noch häufig unterschätzt. Was macht Mangroven wertvoll?

Antwort: Mangrovenbäume wachsen im Gezeitenbereich tropischer Küsten, wo sie sich mit ihrem ausgedehnten Wurzelwerk im schlammigen Untergrund verankern. Ebenso wie Seegraswiesen bieten sie dem Fischnachwuchs einen Schutzraum. Im Wurzelgeflecht der Pflanzen finden außer Fischen auch Muscheln und Krebse Nahrung, das heißt Meerestiere, die zur Nahrungsversorgung der Küstenbevölkerung beitragen. Außerdem bilden die Mangrovenwälder einen natürlichen Schutz vor Sturmfluten und Flutwellen und verhindern, dass an der Küste wertvolles Bodenmaterial abgetragen wird. Wie das Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung erklärt, werfen Mangrovenbäume in einem Jahr pro Quadratmeter bis zu drei Kilogramm Laub ab. Das Material ernähre Mikroorganismen, die für die Vorgänge im Ökosystem eine wichtige Rolle spielten. In den Ablagerungen im Bereich der Mangroven, den sogenannten Sedimenten, seien enorme Mengen an Kohlenstoff und Stickstoff gespeichert. Dies wirke der Erwärmung des Klimas entgegen. Zu den Treibhausgasen gehören unter anderem das kohlenstoffhaltige Kohlendioxid und stickstoffhaltige Verbindungen.

Trotz ihrer Bedeutung für den Naturhaushalt und viele Menschen werden weiterhin Mangroven abgeholzt. Die von den Bäumen bedeckte Fläche wird von Jahr zu Jahr kleiner. Zu den Gründen gehört, dass Aquakulturen, in denen Krebse und Fische für den europäischen Markt gezüchtet werden, in südostasiatischen Ländern immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. Mancherorts werden Mangroven abgeholzt, um solche Anlagen einrichten zu können. Indonesien mit seinen etwa 17 500 Inseln ist der größte Archipel der Erde. Dort leben auf einer Fläche, die gut fünfmal so groß ist wie die Deutschlands, zurzeit etwa 255 Millionen Menschen, ein Großteil davon in den Küstengebieten. Aufgrund der dichten Besiedlung und der intensiven wirtschaftlichen Aktivitäten unterliegen die Ökosysteme einem enormen Druck. Forscher des Bremer Leibniz-Zentrums haben dies in den vergangenen Jahren unter anderem auf Java erfahren, einer der großen Inseln Indonesiens, wo im Umfeld einer Ölraffinerie viele Schadstoffe in Wasser- und Sedimentproben nachgewiesen werden konnten.

In dieser Woche haben die Universität Bremen, das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung und die Kellner & Stoll-Stiftung für Klima und Umwelt erstmals den mit 2000 Euro dotierten "Campus Preis" vergeben. Mit dem Preis sollen einmal im Jahr Abschlussarbeiten gewürdigt werden, die sich dem Schutz der Umwelt und der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen widmen. Ausgezeichnet wurde diesmal der Geograf Martin C. Lukas für seine Doktorarbeit, mit der er nach den Worten der Direktorin des Leibniz-Zentrums, der Professorin Hildegard Westphal, "Aufklärung im besten Sinn des Wortes" betreibt. Der Wissenschaftler der Universität Bremen ist der Frage nachgegangen, warum es trotz zum Teil finanziell aufwendiger Maßnahmen nicht gelungen ist, die Situation der Mangroven Javas zu verbessern. Zur Beantwortung nutzte er verschiedene natur- und sozialwissenschaftliche Methoden, das heißt: Er betrachtete sowohl die Geschichte der Umweltveränderungen als auch gesellschaftliche und politische Hintergründe. Nach seinen Worten gibt es in Indonesien bei der Nutzung der Ressourcen Land und Wald zahlreiche Konflikte.

Wie vielschichtig das Thema Mangroven ist, haben Bremer Tropenforscher in den vergangenen Jahren auch in Brasilien studieren können. Um zu gedeihen, sind Mangroven darauf angewiesen, dass Flüsse abgetragenes nährstoffreiches Bodenmaterial ins Küstengebiet tragen, wo es sich ablagern kann. Dies wird jedoch zum Teil durch Dämme verhindert, die errichtet wurden, um mithilfe der Wasserkraft elektrischen Strom zu gewinnen. Mit den Mangroven sind Fische verschwunden, und auf diese waren Fischer angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In den nächsten Jahren wird das Bremer Leibniz-Zentrum ein groß angelegtes Forschungsprojekt koordinieren, bei dem rund um den Globus mithilfe von Erbgutspuren Informationen über die Arten von Lebewesen in Mangrovenwäldern gesammelt werden sollen, auch über Kleinstlebewesen wie Bakterien und Pilze.

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