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Märchen über Meere

Als es immer kälter wird, schneit, friert und stürmt, halten es die Bremer Stadtmusikanten nicht mehr in ihrer Heimat aus. Sie begeben sich ein weiteres Mal auf die Wanderung, überqueren Flüsse, Wiesen und Berge und landen schließlich am Mittelmeer.
11.12.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
Märchen über Meere

montage STV / 123RF

Als es immer kälter wird, schneit, friert und stürmt, halten es die Bremer Stadtmusikanten nicht mehr in ihrer Heimat aus. Sie begeben sich ein weiteres Mal auf die Wanderung, überqueren Flüsse, Wiesen und Berge und landen schließlich am Mittelmeer. Sie wollen nach Mallorca auswandern. Denn sie haben immer wieder gehört, dass es auf der Urlaubsinsel schön warm sein solle. In Italien besteigen sie ein Schiff – allerdings ist es das falsche: Sie landen auf den Fidschi-Inseln und stellen fest, dass sie dort wahrscheinlich auch nicht alt werden können.

So oder so ähnlich wird die Kurzgeschichte von Gema Martínez Méndez beginnen. Wie sie endet, weiß die spanische Paleoozeanografin noch nicht genau. Gema Martínez Méndez ist eine von mehr als 25 Meereswissenschaftlern zwischen 27 und 38 Jahren, die das Projekt „Es war einmal … Wissenschaftliche Kurzgeschichten“ zum aktuellen Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwickelt haben. Der Hochschulwettbewerb widmet sich ebenso wie das Wissenschaftsjahr in diesem und dem kommenden Jahr dem Thema Meere und Ozeane. Studierende, Promovierende und Nachwuchswissenschaftler aller Fachbereiche nahmen teil. Die Jury hat im Herbst 15 Projekte für ihre Kommunikationskonzepte mit je 10 000 Euro ausgezeichnet – darunter auch vier Bremer Projekte. Die internationalen Teams aus ganz Deutschland haben nun ein Jahr Zeit, ihre außergewöhnlichen Ideen mit dem Preisgeld umzusetzen.

„Ziel unseres Projekts ist es, Wissenschaft anhand von Kurzgeschichten zu kommunizieren“, sagt Martina Hollstein vom Marum, Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. Das Institut war federführend bei der Bewerbung für das Projekt zum kommenden Wissenschaftsjahr. „Wir wollen Kinder, Eltern und Lehrer mit unseren Geschichten ansprechen“, sagt die Marinegeowissenschaftlerin. Komplizierte wissenschaftliche Inhalte sollen so heruntergebrochen werden, dass sie verständlich sind. „So soll der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gefördert werden“, sagt Hollstein.

Deshalb schreiben die jungen Forscher verständliche Märchen, Kurzgeschichten, Krimis, Science Fiction oder Liebesgeschichten und rücken den Klimawandel sowie die Rolle der Meere und Ozeane in den Fokus. Den Klimawandel möchte auch Gema Martínez Méndez mit ihrer Neuauflage von den Bremer Stadtmusikanten erklären. „Das Original der Brüder Grimm wurde im 18./19. Jahrhundert geschrieben, und zu dieser Zeit herrschte in Europa eine kalte Periode, die wir kleine Eiszeit nennen“, erzählt die Spanierin. Damals gab es wegen der Kälte viele Missernten und Hungersnöte. Die Meeresbiologin will in ihrer Geschichte vor allem ohne den erhobenen Zeigefinger darauf aufmerksam machen, dass Fluten und Umweltkatastrophen heutzutage ebenfalls das Leben der Menschen beeinflussen. Auch das der Menschen, die auf den Fidschi-Inseln leben, wohin die Stadtmusikanten in Gema Martínez-Méndez’ Märchen fliehen, und dort feststellen, dass der Meeresspiegel steigt – und sie sich vielleicht noch mal auf die nächste Wanderschaft begeben müssen.

Die Märchen der Bremer Doktoranden entstehen in den kommenden Monaten und sollen dann zunächst online erscheinen. Alle Kurzgeschichten werden auf Deutsch und Englisch herausgegeben – und in der jeweiligen Muttersprache der Autoren. Die internationale Gruppe besteht aus jungen Forschern, die aus Chile, Mexiko, Israel, Italien, Deutschland, Spanien, Portugal, Südkorea, China und von den Philippinen kommen. „Durch die unterschiedlichen Sprachen können wir noch mehr Menschen ansprechen“, sagt Marinegeologin Sandy Boehnert. Am Ende soll es ein von Künstlern illustriertes E-Book und ein Buch mit allen Geschichten geben.

Die Doktoranden erarbeiten die Geschichten aber nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern treffen sich regelmäßig, um über ihre Kurzgeschichten zu sprechen. Denn sie alle wissen, dass es bei ihrem Projekt eine große Schwierigkeit gibt: „Dem Wissenschaftler an sich fällt es schwer, etwas einfach zu erklären, weil er nichts Falsches schreiben will“, sagt Sandy Boehnert. Deshalb verkürzten sie Texte ungern. Meist steckten sie zudem tief in der Materie. „Das Projekt wird also eine Herausforderung.“

Alle werden viel dazulernen, glaubt sie. Die Märchen sollen vor allem von der Geschichte leben und nicht nur von der Wissenschaft, sagt Boehnert. Was die Wissenschaft angeht, haben die Forschenden jede Menge Erfahrung: Sie arbeiten unter anderem am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, dem Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg, am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie oder am Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen. Die Fachgebiete reichen von Paläoozeanografie über marine Mikrobiologie, Meeresgeologie und marine Ökologie bis hin zum Einfluss der Menschen auf die Umwelt des Ozeans.

So unterschiedlich wie die Fachbereiche gestalten sich folglich auch die Kurzgeschichten: Sie reichen von einem Märchen über eine Babykoralle, die ihr Riff verlassen muss und schließlich erfährt, dass dort vor Jahren ihre ganze Familie gestorben ist, über eine Forschergeschichte auf den Spuren Humboldts, die die Verschmutzung der Flüsse mit Carbon thematisiert, bis zu Märchen und Liebesgeschichten, die sich um Algen oder Mikroorganismen drehen, die Plastikpartikel fressen, die irgendwann wieder auf unseren Tellern landen.

Marinegeologin Sandy Boehnert erzählt den Einfluss des Menschen auf die Küstenregionen anhand eines Blei-Ions. Das wurde in die Luft gepustet, als zur Zeit der Römer Gold geschmolzen wurde. Es weht bis nach Grönland und landet dort in einem Eisgefängnis. Als Wissenschaftler Eiskerne in das Eis bohren, um die Verschmutzung der Jahrhunderte zu überprüfen, gelangt es wieder an die Luft. Dort stellt das kleine Ion fest: „Ich wollte die Welt gar nicht verschmutzen.“

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