Draht & Esel „Man erlebt die Stadt viel intensiver als in einer Blechkiste“

Fernando Guerrero ist Familienvater, Dauerkartenbesitzer bei Werder und St. Pauli und Betreiber der Kultkneipe Eisen. Das Fahrrad ist für ihn ein Gebrauchsgegenstand.
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„Man erlebt die Stadt viel intensiver als in einer Blechkiste“
Von Pascal Faltermann
Die erste Erinnerung ans Fahrradfahren

Ich war fünf und hatte ganz klassisch ein altes Fahrrad der Nachbarskinder vererbt bekommen. Mit dem rostigen Lenker habe ich gleich nach zehn Metern wackeliger Fahrt dem Auto genau dieser Nachbarn einen Kratzer verpasst. Ich weiß – warum auch immer – noch, dass meine Eltern 50 DM zahlen mussten und ich drei Tage Stubenarrest bekam.

Die erste Fahrt im Anschluss

Nach 200 Metern gleich wieder ein Rendezvous mit einem parkenden Auto samt noch heftigerem Kratzer. Der Ausblick auf die zu erwartenden häuslichen Konsequenzen führte zu meiner ersten und bisher einzigen Fahrerflucht. Ähem … sowas verjährt doch, oder?

Das aktuelle Fahrrad

Fahrräder sind für mich – genau wie Autos – einfach nur Fortbewegungsmittel. Und obwohl Fahrräder sicherlich eine der großartigsten Erfindungen der Menschheit sind: Da baut sich bei mir keinerlei sinnliche Beziehung auf… Ich putze sie zu selten und schraube nicht gerne an ihnen herum. Zum aktuellen Rad bin ich daher auch aus rein praktischen Erwägungen gekommen, als unser Lütter immer mehr ins Kindersitzalter hineinwuchs. Es sollte einfach nur was Stabiles sein.

Die schönste Tour

Mit einem wackeligen und deutlich zu kleinem Leihfahrrad bei 40 Grad ohne Schatten durch die Ruinen der alten Königsstadt Ayutthaya in Thailand. Atemloses Schwitzen und ebenso atemloses Staunen begegneten sich auf recht hohem Niveau.

Die Vorgängermodelle

Ein Hollandrad. Die Marke habe ich vergessen. Wie gesagt… Gebrauchsgegenstand.

Der letzte Diebstahl

Das war bitter. Ich hatte mein altes Fahrrad „nur mal eben schnell“ unabgeschlossen vor der großen Fensterfront des Kinderhortes abgestellt. Mit meinem damals 20 Monate alten Sohn im Arm, nur durch die Fensterfront und zwei Meter Luftlinie getrennt, sah ich den Typen am Rad vorbeigehen. Er stutzte, drehte um und setzte sich trotz Kindersitz (und allem, was der offensichtlich bedeutete) vor meinen Augen einfach drauf und fuhr los. Ich schloss hektisch die Tür von außen ab und sprintete auf Socken 400 Meter vergeblich das spätherbstlich rutschige Kopfsteinpflaster entlang. Wahrscheinlich hätte ich ihm keine Schimpfwörter hinterher schleudern sollen, denn das schien ihn doch eher anzutreiben. Meine im wahrsten Sinne ohnmächtige Wut und den entgeisterten Blick meines Sohnes nach meiner Rückkehr werde ich wohl nie mehr vergessen. Mein Fahrrad abzuschließen übrigens auch nicht.

Die Lieblingsstrecke

Vom Eisen den Sielwall hoch und am Osterdeich Richtung Weserstadion dem Flutlicht entgegen, das sich dort, wo die Weser einen großen Bogen macht, im Wasser spiegelt. In dem Anblick bündelt sich für mich alles an der Verheißung, die Fußball in mir wachrufen kann.

Der beste Fahrradschmuck

Eine verlässlich funktionierende Beleuchtung. Die war für mich in jungen Jahren tatsächlich eher „schmückendes“ Beiwerk. Das hat sich mit zunehmendem Alter jedoch deutlich geändert. Ich scheitere gerade daran, in dieser Antwort den Kalauer „Licht aufgegangen“ nicht unterzubringen.

Die am häufigsten gefahrene Strecke

Als Schnittstelle für so ziemlich alle Koordinaten meines Alltags in Bremen ist es wohl die Humboldtstraße. Welche, nebenbei bemerkt, vor Jahren richtig schön und gelungen umgebaut worden ist. Ich fahre da wirklich gerne durch.

Der schlimmste Unfall

Puh... da könnte ich jetzt schon fast eine eigene Rubrik zu aufmachen und diese unterteilen in „Spaß mit Autofahrern“ und „Eigene Dummheit“. Deutlich zur zweiten Kategorie gehörte zumindest mein lustigster Unfall. Ich hatte den Schlauch des Vorderreifens geflickt und das Rad scheinbar etwas hastig wieder angeschraubt. Jedenfalls wollte ich von der Straße in einen Stichweg einbiegen und zu diesem Zweck mit Schwung den Lenker hochziehen, um den Bordstein hochzukommen. Das Vorderrad löste sich und fuhr fröhlich den Stichweg hinein. Ich guckte für einen Sekundenbruchteil sehr schlau und machte dann einen Salto über das Lenkrad. Das war mit dreizehn. Mein größtes Problem im Anschluss waren die lachenden Passanten. Manchmal möchte ich noch einmal dreizehn sein.

Hartje-Salerno-Fahrer sind…

Hmm… keine Ahnung. Ich bin kein Fan von Pauschalisierungen.

Ich fahre gerne Fahrrad, weil…

... es gesünder, oft flotter und deutlich stressfreier ist. Man erlebt die Stadt zudem viel intensiver und lebendiger als in einer Blechkiste.

Fahrradfahren in Bremen ist …

... abwechslungsreich und meistens ein Vergnügen. Es wäre fantastisch und nebenbei übrigens auch eine Win/Win-Situation, wenn sich möglichst viele Gewohnheitsautofahrer davon auch mal persönlich überzeugen würden.

Die Fragen stellte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Fernando Guerrero

ist 53 Jahre, Familienvater, Dauerkartenbesitzer bei Werder und St. Pauli, studierter Geowissenschaftler, hat seinen Studentenjob zum Beruf gemacht und kümmert sich um die Viertel-Kneipen Eisen. Dort lebt er seine Leidenschaften Fußball und Musik aus. Guerrero versteht gute Clubs hoffnungslos sozialromantisch in erster Linie als gesellschaftliche Mikrokosmen, in denen in den besten Momenten Haltung und tolerantes Miteinander noch mehr verinnerlicht werden als Hochprozentiges.

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