Draht und Esel

„Man kommt nie alleine oder als letzter irgendwo an“

Sebastian Burger ist überzeugter Tandemradfahrer aus Bremen und Gründer des Projekts Mut-Tour, das auf Depressionserkrankungen aufmerksam machen will. Darum setzt Burger auf das Tandem.
18.11.2018, 06:16
Lesedauer: 3 Min
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„Man kommt nie alleine oder als letzter irgendwo an“
Von Christian Hasemann
Das erste Mal auf zwei Rädern

Ganz normal im Kindesalter. Richtig habe ich mit vierzehn angefangen – damals, um nicht mehr Schulbus fahren zu müssen. Im Allgäu den einfachen Weg mit 500 Höhenmeter auf sieben Kilometern durchaus mit Trainingseffekt.

Das aktuelle Fahrrad

Ein Schauff-Tandem für die Mut-Touren und ein Rennrad für den Stadtbetrieb.

Die schönste Tour

Innerhalb meiner vielen Tandemprojekte der letzten achtzehn Jahre sind mir die bundesweiten Mut-Touren sowie meine vier großen Asien- beziehungsweise Südamerika-Touren die liebsten und wichtigsten.

Die Vorgängermodelle

Ich habe noch alle „ernsthaften“ Räder im Betrieb. Neben neun Tandems sind dies je ein Renn- und Tourenrad sowie zwei Mountainbikes. Wobei man dazu sagen muss, dass ich im „deutschen Normalbetrieb“ die meiste Zeit am Bildschirm hänge, um die aufwendigen Projekte vor- und nachzubereiten. Seit 2012 mache ich dies als künstlerischer Leiter der Mut-Tour ja mehr als Vollzeit.

Der letzte Diebstahl

Mir wurde noch nie ein Rad gestohlen – nicht mal in Hamburg. Die Kombination gute Orte und Schlösser hilft offensichtlich. Außerdem achte ich darauf, dass die Räder nicht so hipstermäßig, sondern eher im „Used-Look“ (gebraucht) daher kommen.

Die Lieblingsstrecke

Neustadt bis zum Werdersee-FKK. Da kann ich mich kaum sattsehen – an der Seenlandschaft natürlich.

Der ausgefallenste Fahrradschmuck

Ein lieber ADFC'ler aus Gifhorn hatte uns bei der Mut-Tour 2018 mehrere kleine „Windräder“ – kleine aus Kupferdraht und 1,5-Zentimeter-Propeller bestehende Quatsch-Gebilde – geschenkt. Die werden vom Fahrtwind angetrieben und surren, sonst nichts. Ich lasse auch von Teilnehmern angebrachte Accessoires wie kleine Kitsch-Engelchen und Wimpel an den Tandems, bis sie von selbst abfallen, stören oder vom nächsten Teilnehmer entfernt werden. Ich selbst habe keinen Fahrradschmuck.

Die am häufigsten gefahrene Strecke

Kantstraße-Dechanatstraße und zurück. In der Kantstraße wohne ich leider nicht mehr, aber ich fahre auch jetzt noch zum Chor der Hochschule für Künste sowie zur Mensa Academia und zur Kantstraße und dem Leibnizplatz-Park.

Der schlimmste Unfall

Damals als Kind bin ich mit vier oder fünf mit dem Kopf volle Kanne gegen eine Mauer gerauscht. In den Achtzigern gab es noch keine Radhelme. Wenn mein Kind Tretrad fährt, dann sicher mit Helm – alleine, weil es inzwischen viel mehr Autos gibt. Gerade in der Neustadt.

Tandemradfahrer sind ...

... auch nur Menschen. Aber man kommt nie alleine oder als letzter irgendwo an, das heißt, dieser Knatsch-Faktor entfällt schon einmal. Es ist geselliger und dies hintereinander und nicht – gefährlicher – nebeneinander. Tandemfahren bedeutet Verantwortung übernehmen und abzugeben und gibt Pärchen und anderen Menschen-Duos die Chance, sich auf viel mehr Wesentliches zu konzentrieren, weil mindestens eine Person hingucken kann. Und es gibt meiner Erfahrung nach weniger Ärger als auf zwei Einzelrädern.

Die liebste Tandembegleitung

Leute, mit denen der gemeinsame Tritt gut klappt. Das Einzige, was tatsächlich hinderlich sein kann, ist, wenn eine Person schnell und leicht pedalieren will oder aus orthopädischen Gründen muss und die andere lieber langsam und schwer. Sich zu unterhalten ist kein Muss, sondern kann zusätzlich toll oder aber auch vom Landschaftsgenuss ablenkend sein.

Ich fahre gern Fahrrad, weil …

... ich damit in Bremen fast immer schneller bin, keinen Parkplatz brauche und somit auch das Platzproblem Bremens nicht vergrößere. Weil es umweltfreundlich ist und ich mir Zeit, Geld und Nerven spare, in ein Fitnesscenter zu gehen. Zumindest in der Kombination mit einem Ausgleichssport wie Schwimmen oder Laufen.

Fahrradfahren in Bremen ist …

... in den letzten ein bis zwei Jahren gefühlt stressiger geworden. Zumindest in der Neustadt, wo immer häufiger Autos die letzten freizuhaltenden fünf Meter bis zu einer Kreuzung voll parken und somit den Blick auf die zu überfahrende Straße versperren. Immer höhere Geländewagen verschlimmern das Problem weiter. Etwas Sorge machen mir allerdings auch motorunterstützte Mitradler, egal ob vom Pizza-Bringdienst oder privat: Masse und Beschleunigung sind häufig so groß, dass Zusammenstöße durchaus tödlich sein können. Haben alle diese Radfahrer die Befähigung, ihr Geschoss entsprechend schnell zu stoppen oder umzulenken? Im Großen und Ganzen bin ich allerdings zufrieden.

Die Fragen stellte Christian Hasemann.

Info

Zur Person

Sebastian Burger

tritt nicht nur aus Überzeugung, sondern auch wegen des guten Zweckes in die Pedale seiner Tandems. Er hatte die Idee zu der Mut-Tour – ein Projekt, das Menschen mit depressiven Erkrankungen Mut machen und gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Krankheit lenken möchte.

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