Forscher untersuchen Fähigkeit von Organismen, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen Meere im Wandel

Wie an Land, so verändern sich die Lebensbedingungen auch im Meer. Eine wichtige Rolle spielt dabei nach Ansicht von Experten die gestiegene Menge des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre. Sie trägt zur Erwärmung der Luft und des Meerwassers bei. Hinzu kommt, dass aus der Luft aufgenommenes Kohlendioxid im Ozean zu einem veränderten pH-Wert führt. All das hat Folgen für Meeresbewohner. Forscher fragen sich deshalb auch, wie groß deren Anpassungsfähigkeit ist.
30.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Meere im Wandel
Von Jürgen Wendler

Wie an Land, so verändern sich die Lebensbedingungen auch im Meer. Eine wichtige Rolle spielt dabei nach Ansicht von Experten die gestiegene Menge des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre. Sie trägt zur Erwärmung der Luft und des Meerwassers bei. Hinzu kommt, dass aus der Luft aufgenommenes Kohlendioxid im Ozean zu einem veränderten pH-Wert führt. All das hat Folgen für Meeresbewohner. Forscher fragen sich deshalb auch, wie groß deren Anpassungsfähigkeit ist.

Die Lebensbedingungen haben sich im Laufe der Erdgeschichte immer wieder gewandelt, mit der Folge, dass sich Lebewesen angepasst und verändert haben oder ausgestorben sind. Wissenschaftler sprechen im Zusammenhang mit der Entwicklungsgeschichte des Lebens von Evolution. Die moderne Evolutionstheorie geht auf den britischen Naturforscher Charles Darwin (1809 bis 1882) zurück. Eine zentrale Rolle spielt demnach die Selektion, zu Deutsch: Auslese. Darwins Theorie fußt auf der Erkenntnis, dass Lebewesen viele Nachkommen erzeugen, von denen ein Großteil noch vor der Geschlechtsreife zugrunde geht. Der Naturforscher ging davon aus, dass es bei den Nachkommen erbliche Unterschiede gibt, die sich positiv oder auch negativ auswirken können. Am Ende, so seine Überzeugung, überleben und vermehren sich die Nachkommen, die gut an die herrschenden Bedingungen angepasst sind. Sprich: Es gibt eine Auslese. Neue Körpermerkmale entstehen in der Evolution durch natürliche Selektion.

Eine internationale Forschergruppe betont jetzt im Fachmagazin „Trends in Ecology and Evolution“, dass die Frage, wie gut sich Meereslebewesen an veränderte Bedingungen anpassen könnten, für die Zukunft der Ökosysteme und deren Rolle im Naturhaushalt von entscheidender Bedeutung sei. Das Aussehen der Ökosysteme werde davon abhängen, welche Arten sich anpassen könnten. Nach Darstellung des Evolutionsbiologen Professor Thorsten Reusch vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), der zu den Autoren des Beitrags gehört, ist Darwins Theorie der evolutionären Anpassung in der Forschung zum Wandel der Meere lange Zeit nicht genügend berücksichtigt worden.

Dass die Meereslebewesen auf die Veränderungen reagieren, haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von Studien nachgewiesen. So haben sie zum Beispiel herausgefunden, dass der Kabeljau immer weiter nach Norden gewandert ist und inzwischen in den Gewässern um Spitzbergen in großen Mengen vorkommt. Biologen halten es für möglich, dass er dort dem Polardorsch Konkurrenz machen wird.

Das Kohlendioxid aus der Luft führt im Wasser dazu, dass Kohlensäure entsteht. Der Säuregrad, über den der pH-Wert Aufschluss gibt, verändert sich. Eine Folge der chemischen Reaktionen im Wasser ist, dass sich die Karbonatkonzentration verringert. Karbonat aber, das Kohlenstoff- und Sauerstoffatome enthält, ist das Ausgangsmaterial für die Schalen oder Kalkskelette vieler Lebewesen. Nach Angaben des Kieler Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung haben Versuche gezeigt, dass das Wachstum kleiner Algen, die Kalk bilden, zwar zunächst unter dem veränderten Säuregrad leidet, dass die Organismen aber auch in der Lage sind, sich zumindest bis zu einem gewissen Grad evolutionär anzupassen.

Andere Ergebnisse sind weniger ermutigend. So haben Astrid Wittmann und Professor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut im vergangenen Jahr im Fachjournal „Nature Climate Change“ Erkenntnisse vorgestellt, die sie bei der Auswertung von insgesamt 167 Studien mit Daten zu mehr als 150 Arten gewonnen hatten. Demnach reagieren vor allem Korallen, Stachelhäuter und Weichtiere sehr empfindlich auf den veränderten pH-Wert. Bei allen betrachteten Tiergruppen hätten sich die Folgen erhöhter Kohlendioxidkonzentrationen negativ bemerkbar gemacht. Um ermessen zu können, wie sich veränderte Lebensbedingungen im Meer auswirken, blicken Wissenschaftler auch weit zurück in die Erdgeschichte. Kürzlich hat eine Forschergruppe um Melanie Hopkins von der Universität Erlangen-Nürnberg in der Zeitschrift „Ecology Letters“ eine Studie veröffentlicht, die zu dem Schluss kommt, dass sich die Anpassungsfähigkeit von Tieren im Ozean in engen Grenzen hält. Bei der Auswertung von Daten zu einer Vielzahl von Fossilien gingen die Experten der Frage nach, wie stark ausgeprägt die Vorliebe von Meeresbewohnern in den vergangenen Jahrmillionen für bestimmte Lebensräume war. Das Fazit: Der weitaus größte Teil der Gattungen tat sich mit veränderten Bedingungen äußerst schwer.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+