Weniger Überfahrt, vielmehr Kreuzfahrt

Island klimaneutral erkunden

Schifffahrt mit der Autofähre „Norröna“ von Dänemark nach Island ist wie eine Kurzkreuzfahrt
19.08.2020, 15:16
Lesedauer: 4 Min
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Von Reinhard Pantke
Island klimaneutral erkunden

Das Fahrrad des Autors samt Gepäck vor der Fähre „Norröna“.

Reinhard Pantke

Island gehört zu den Ländern, die sich dem Tourismus langsam, unter Bedingungen wieder öffnen. Im vergangenen Jahr wurden auf der Insel im Nordatlantik mehr als zwei Millionen Besucher gezählt, in diesem Jahr werden bedingt durch die Coronakrise nur 200 000 bis etwa 300 000 Touristen erwartet. Für mich ein Grund mehr, Island so zu erleben, wie es in den Zeiten vor dem großen Massentourismus, vielleicht zuletzt in den 1990er-Jahren, möglich war. Da ich schon immer ein Fan des langsamen Reisens war, entschied ich mich für die Symril Line, der einzigen Autofähre, die in gut zwei Tagen von Hirthals in Norddänemark nach Seydisfjördur in Ostisland fährt.

Seit Mitte Juni ging es in sechs Tagen mehr als 300 Kilometer per Fahrrad bei sommerlicher Hitze von Norddeutschland durch Dänemark bis nach Hirthals, wo die Autofähre „Norröna“ ablegt. Wer an Bord geht, sollte sich am besten unmittelbar vorher unter www.covid.is registriert haben und die isländische Tracking-App „Rakning C-19“ installiert haben.

Desinfektion und Distanz

Das in Deutschland gebaute Fährschiff macht einen guten Eindruck, überall sind Abstandsmarkierungen, Desinfektionsmittelspender und viele Möglichkeiten, sich auf den Außendecks den frischen Wind um die Ohren pusten zu lassen und sich, vielleicht auch mit einem Bier in der Hand, zu distanzieren. Dazu kommt, dass nur knapp 500 Passagiere an Bord sind. Zu normalen Zeiten können mehr 1300 Passagiere transportiert werden. Bis auf das Kino, den Fitnessbereich und die Liege- und Schlafmöglichkeiten ist alles an Bord geöffnet. In der Caféteria, im Pub und im Restaurant hat die Reederei das Sitzplatzangebot aber deutlich reduziert.

Die Aussichtsplattform vor dem bekannten Wasserfall Dettifoss in Island ist beinahe menschenleer.

Die Aussichtsplattform vor dem bekannten Wasserfall Dettifoss in Island ist beinahe menschenleer.

Foto: Reinhard Pantke

Am ersten Abend an Bord kommt zunächst die norwegische Küste in Sicht, von dort schippert man vorbei an der Nordspitze der Shetland Inseln in Richtung der Färöer Inseln. Im kleinen, gemütlichen Tórshavn – mit nur knapp 19 000 Einwohnern eine der kleinsten Hauptstädte der Welt – legt das Schiff an, um die ersten Passagiere von Bord zu lassen. Mir bleibt nur der Blick aus der Ferne auf die gemütlichen Grasdächer der Altstadt, denn ohne Test darf man die autonomen Inseln im Juni noch nicht betreten. Mit Corona-Test könnte man aber auch einen Stopover auf den Inseln buchen. Bald verschwinden auch die letzten unglaublich wilden, grünen Klippeninseln der Färöer hinter uns und das Schiff schaukelt munter über den Atlantik weiter in Richtung Island.

Die Färöer Inseln dürfen die Passagiere nicht betreten, aber aus der Ferne bewundern.

Die Färöer Inseln dürfen die Passagiere nicht betreten, aber aus der Ferne bewundern.

Foto: Reinhard Pantke

Es ist immer wieder ein Gänsehautmoment, wenn die schroffe Küste Islands am nächsten Morgen langsam näher kommt und der kleine Leuchtturm am Fuß der mächtigen Berge auftaucht. Vorbei an kleinen Wasserfällen und einzelnen Höfen geht es bis ans Ende des Fjordes, wo die Fähre in das kleine Städtchen Seyðisfjörður einläuft, das trotz nur 650 Einwohner im Sommer wöchentlich Anlaufpunkt der internationalen Autofähre ist.

Nach dem Einlaufen bleiben alle Passagiere zunächst noch an Bord der Fähre und warten bis sie deckweise nach und nach zum Corona-
Test gebeten werden. Dazu zeigt man einen Strichcode vor, mit dem man sich quasi identifiziert. Der eigentliche Test ist sicher nicht besonders angenehm, aber mir würden wesentlich unangenehmere Dinge einfallen. Wenn ein kurzer unangenehmer Moment der Preis ist, um diese einzigartige Insel sicher erkunden zu können, dann nehme ich ihn gern in Kauf.

Auf Island lassen sich auch Papageientaucher beobachten.

Auf Island lassen sich auch Papageientaucher beobachten.

Foto: Reinhard Pantke

Nach dem Test ging es von Bord, in das Quartier, das man zuvor gebucht haben und dessen Adresse man angegeben haben muss. Bis das Testergebnis bekannt ist, soll man sich natürlich auch nur dort aufhalten und nicht etwa Restaurants besuchen oder Einkaufen gehen.

Die Zöllnerin schaut nur kurz auf den Ausweis und wünscht mir „Viel Glück“, als ich erzähle, dass ich zwei Monate lang mit dem Fahrrad auf Island unterwegs sein werde. In den nächsten Wochen sollen die Tests eventuell schon zwischen den Färöer Inseln und Island an Bord gemacht werden. Da kann man nur hoffen, dass nicht zu viele Passagiere seekrank sind.

Da ich noch nicht sofort in meiner Unterkunft einchecken konnte, hockte ich noch eine Zeit lang allein auf einer Bank, bis mir auffiel, dass ich die Bank kannte. Am Anfang meines letzten Besuches 2015 hatte ich mich dort mehr oder weniger hingeschleppt. Kurz bevor es auf den Färöer wieder auf die Fähre gehen sollte, war mir damals plötzlich zwei Tage lang sehr schlecht; ich dachte an verdorbenes Essen. Die angenommene Lebensmittelvergiftung entpuppte sich aber als akute Bauchspeicheldrüsenentzündung und ich war überaus froh, dass ich das Schild zu der kleinen Krankenstation sah, der dortige Arzt mein Problem erkannte und mich sofort in das 700 Kilometer entfernte Reykjavik überwies. Damit rettete er mir damals wohl das Leben. So kann diese Reise trotz der Corona-Pandemie doch nur besser werden.

Heiße Schlammquellen in Island.

Heiße Schlammquellen in Island.

Foto: Reinhard Pantke

Nach etwa zwölf Stunden erreichte mich mein Testergebnis per SMS in meiner Unterkunft; bei anderen Mitreisenden auch per Tracking-App.

Es sei noch zu erwähnen, dass man bisher bei den Passagieren, die mit der Fähre angekommen sind, keinen einzigen positiven Fall hatte. Insgesamt hatte man bei circa 10 000 Testungen – inklusive der per Flugzeug Anreisenden – vier positive Ergebnisse (Stand 27. Juni). Negativ ist positiv und so schwang ich mich am nächsten Tag aufs Rad, wo gleich hinter der Fähre der zweithöchste Pass des Inselstaates sowie acht Wochen Radurlaub in Island warten. Doch das ist eine andere spannende Geschichte, von der Sie vielleicht auch hier noch lesen werden sowie einige Bilder zu sehen bekommen.

Info

Zur Sache

Island und die Färöer Inseln

Einreise: Seit dem 16. Juli sind deutsche Touristen bei der Einreise in Island von der bisherigen Test- und Quarantäneregelung ausgenommen. Bei Ankunft müssen sie sich nicht mehr einem Corona-Test unterziehen und müssen auch nicht in eine zweiwöchige Quarantäne. Wer auf die Färöer Inseln will, muss weiterhin einen Corona-Test nachweisen.

Reiseanbieter: Der isländische Reiseveranstalter Kria-Tours bietet individuelle Reisen nach Island an und hilft auch bei der Vermittlung von Mietwagen, Camper und Ausflüge. Weitere Informationen unter www.kria-tours.de. Längere sowie geführte Wandertouren in Island bieten Reiseveranstalter wie Contrastavel unter www.contrastravel.com sowie Wikinger reisen unter www.wikinger-reisen.de an.

Weitere Informationen

Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 1967) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Insgesamt hat er mehr als 200 000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Momentan ist er auf einer Reise von Dänemark über die Färöer Inseln nach Island. Weitere Informationen zum Autor gibt es im Internet unter www.reinhard-pantke.de.

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