Prägende Rolle begründet nach Ansicht von Geowissenschaftlern neues Erdzeitalter

Naturgewalt Mensch

Bremen. Die Folgen menschlichen Handelns sind auf nahezu dem gesamten Planeten unübersehbar: Der Homo sapiens hat riesige Waldgebiete abgeholzt und ist für das Aussterben zahlloser Tier- und Pflanzenarten verantwortlich. Plastikmüll verschmutzt die Ozeane; Kunstlicht erhellt vielerorts die Nacht; und der Ausstoß von Treibhausgasen führt dazu, dass es wärmer wird, der Meeresspiegel steigt und der pH-Wert des Meerwassers sich verändert.
11.08.2015, 00:00
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Von Walter Willems

Die Folgen menschlichen Handelns sind auf nahezu dem gesamten Planeten unübersehbar: Der Homo sapiens hat riesige Waldgebiete abgeholzt und ist für das Aussterben zahlloser Tier- und Pflanzenarten verantwortlich. Plastikmüll verschmutzt die Ozeane; Kunstlicht erhellt vielerorts die Nacht; und der Ausstoß von Treibhausgasen führt dazu, dass es wärmer wird, der Meeresspiegel steigt und der pH-Wert des Meerwassers sich verändert. Dass der Mensch die Erde binnen kürzester Zeit umgestaltet hat, lässt sich nicht leugnen. Unberührte Natur gibt es kaum noch. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Der Trend scheint sich rasant zu beschleunigen.

Vor diesem Hintergrund erörtern Wissenschaftler die Frage, ob ein neues Erdzeitalter definiert werden sollte. Einen passenden Namen gibt es bereits: Anthropozän, Zeitalter des Menschen. Bislang gilt das Holozän als das jüngste Erdzeitalter; es begann nach der letzten Kaltzeit, das heißt vor ungefähr 12 000 Jahren. Die vorangegangene Epoche, das Pleistozän, dauerte etwa 2,5 Millionen Jahre. Die Bezeichnung Anthropozän wurde von dem niederländischen Meteorologen Paul Crutzen eingeführt. Der Nobelpreisträger und frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz schlug den Begriff spontan bei einer Konferenz im Jahr 2000 vor.

Viele sprechen vom Anthropozän

„Ich gehörte einem internationalen Komitee an, und wir hatten ein Treffen in Mexiko“, erinnert sich Crutzen. „Der Vorsitzende sprach die ganze Zeit vom Holozän. Das machte mich nach einer Weile wütend, und ich sagte: ,Wir sind doch schon weit über das Holozän hinaus.’ Dann sagte ich das Wort ,Anthropozän’. Für eine Weile wurde es still im Publikum. Ich hatte den Namen geprägt.“ Noch im selben Jahr veröffentlichte Crutzen im Fachblatt „Global Change Newsletter“ einen Aufsatz zum Anthropozän, zusammen mit dem US-Biologen Eugene Stoermer, der den Begriff ebenfalls bereits benutzt hatte. Der Mensch habe inzwischen die Natur als hauptsächlich gestaltende Kraft des Planeten abgelöst, schrieben sie. Der Artikel stieß auf enorme Resonanz. „Der Name wurde sehr schnell von vielen Leuten verwendet“, sagt Crutzen. „Das hat mich überrascht.“ Er sei jedoch froh darüber. In Büchern, Comics und anderen Medien taucht der Begriff Anthropozän ebenso auf wie in Kunstausstellungen. Inzwischen gibt es sogar drei wissenschaftliche Zeitschriften, die das Thema ausdrücklich aufgreifen: „The Anthropocene“, „The Anthropocene Review“ und „Elementa“.

Ob der Terminus offiziell ein neues Erdzeitalter bezeichnen sollte, wird derzeit eifrig diskutiert. Zuständig für die Namensgebung ist die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS), eine Unterorganisation der Internationalen Union für Geowissenschaften (IUGS). Zurzeit prüft eine Arbeitsgruppe mit gut drei Dutzend Mitgliedern, ob der Name Anthropozän eingeführt werden sollte. Die Entscheidung werde voraussichtlich beim 35. Internationalen Geologischen Kongress im Spätsommer 2016 in Kapstadt fallen, sagt der Geologe Professor Helmut Weissert von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, der der ICS angehört.

Warum aber wird überhaupt diskutiert, wo der Einfluss des Menschen auf die Erde doch offensichtlich ist? Offenbar will man nichts überstürzen. „Geologen haben sich mit der Zeitskala schon immer viel Arbeit gemacht“, sagt Professor Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin. „Wenn man alles abwägen möchte, kann das Jahre dauern.“ Der Teufel steckt im Detail: Geklärt werden muss nicht nur generell, ob der Begriff eingeführt wird, sondern auch, wann das Menschen-Zeitalter begann.

Jede Epoche, so will es das ICS-Schema, braucht einen Anfang – einen Abdruck in der Natur, der geologisch möglichst weltweit und dauerhaft nachweisbar ist. Dieser sogenannte Golden Spike soll belegen, dass der Homo sapiens ein geologischer Faktor ist.

Die Kreidezeit, die rund 80 Millionen Jahre dauernde Spätphase der Dinosaurier, endete zum Beispiel vor etwa 66 Millionen Jahren mit dem Beginn des Paläogens. Der Golden Spike ist hier die sogenannte Iridium-Anomalie. Diese weltweit nachweisbare erhöhte Konzentration des Elements Iridium in Ablagerungen aus jener Zeit gilt als Folge eines Asteroiden-Einschlags im Golf von Mexiko. Crutzen und Stoermer hatten ursprünglich dafür plädiert, das Anthropozän mit der Industrialisierung starten zu lassen, genauer: mit der Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt im späten 18. Jahrhundert. Dieses plausible Kriterium hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Es lässt sich geologisch kaum nachweisen.

„Am besten nachweisbar sind die radioaktiven Fallouts nach den Atombombenversuchen“, sagt Leinfelder. „Da wäre es sinnvoll, den ersten zu nehmen.“ Das wäre der 16. Juli 1945. An diesem Tag wurde in Alamogordo im US-Bundesstaat New Mexico die erste Atombombe gezündet. Das Datum würde die Anforderungen erfüllen: Der Fallout lässt sich – etwa anhand von Plutonium 239 – vielerorts in Sedimenten nachweisen. Auch Crutzen hält dieses Startdatum für akzeptabel. Andere Forscher lehnen diese Definition jedoch ab.

„Ist es wirklich sinnvoll, eine vom Menschen beherrschte Ära so beginnen zu lassen, Jahrtausende, nachdem die meisten Wälder in ackerbaufähigen Regionen für die Landwirtschaft abgeholzt wurden?“, fragte kürzlich eine Forschergruppe um William Ruddiman von der University of Virginia in Charlottesville im Fachjournal „Science“. Rodungen und die Umwandlung von Grasland in Felder seien die größten räumlichen Umgestaltungen der Erdoberfläche in der Geschichte der Menschheit gewesen. „Die Wahl des Jahres 1945 als Beginn des Anthropozäns würde die großflächigen Veränderungen der Landwirtschaft und der frühen Industrialisierung aussparen“, wenden die Autoren ein.

Auch Simon Lewis und Mark Maslin vom University College London lehnen Atomversuche als Kriterium ab – allerdings aus einem anderen Grund: „Die Wahl des Bomben-Spike erzählt die Geschichte einer von einer Elite ausgehenden technologischen Entwicklung.“ Atomwaffen hätten zwar das Potenzial, die Welt zu verändern, dies aber bislang nicht getan. Die Londoner Forscher plädieren für das Jahr 1610. Für diese Zeit belegen Eisbohrkerne aus der Antarktis einen Abfall der Kohlendioxidkonzentrationen. Die Forscher betrachten dies als Folge der Entdeckung Amerikas. Die von den Kolonialherren eingeschleppten Krankheiten – vor allem die Pocken – hätten damals binnen Jahrzehnten rund 50 Millionen Menschen dahingerafft. Weil deren Felder nicht mehr bestellt worden seien, hätten die sprießenden Wälder der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen. „Das Anthropozän begann wahrscheinlich damit, dass Arten sich zwischen Kontinenten ausbreiteten“, sagt Lewis. „Das fing an, als die Alte Welt der Neuen begegnete.“

Große Verantwortung

Ob diese Sicht in der ICS mehrheitsfähig ist, bleibt abzuwarten. Aber sie zeigt, wie viel Symbolkraft dem Anfangsdatum des neuen Erdzeitalters – falls es denn tatsächlich anerkannt wird – innewohnt. „Der Begriff macht letzten Endes nicht nur deutlich, dass der Mensch massiv die Erdoberfläche verändert, sondern auch, dass er eine Verantwortung für den Planeten trägt“, sagt der Geowissenschaftler Professor Frank Keppler von der Universität Heidelberg. „Es geht nicht nur um unsere Vergangenheit, sondern auch um unsere Gegenwart und Zukunft.“ Der Ausdruck Anthropozän habe in der ganzen Welt einen Nerv getroffen, was kein anderer geologischer Zeitabschnitt geschafft habe, sagt Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester. Ist nach dem Anthropozän überhaupt noch eine andere Ära vorstellbar – zumal etliche Zeitalter mit Katastrophen endeten, die die Pflanzen- und Tierwelt grundlegend veränderten? „Ich hoffe, dass das Anthropozän nicht nur ein Aussterbeereignis wird“, sagt Leinfelder, „sondern dass wir es so gestalten, dass es ein möglichst langes Zeitalter wird.“

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