Schimpansen wissen offenbar genau, von welchen Artgenossen ihre Gegner Hilfe erwarten können

Neue Einblicke ins Sozialleben von Affen

Die Schimpansen sind nicht nur die nächsten Verwandten des Menschen, sondern zeigen oft auch ähnliche Verhaltensweisen. Wenn sich Menschen in Konfliktsituationen mit Gegnern auseinandersetzen müssen, ist es für sie wichtig zu wissen, wer zu deren Freunden und Unterstützern zählt und ihnen möglicherweise helfen könnte. Menschen achten auf die sozialen Beziehungen anderer. Einer neuen Studie zufolge machen es Schimpansen ähnlich.
06.02.2014, 00:00
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Neue Einblicke ins Sozialleben von Affen
Von Jürgen Wendler
Neue Einblicke ins Sozialleben von Affen

Schimpansen können sich gegenseitig helfen, aber auch Konflikte austragen. Darin sind sie dem Menschen durchaus ähnlich.

A9999 DB MPI EVAN/JGI-USA

Die Schimpansen sind nicht nur die nächsten Verwandten des Menschen, sondern zeigen oft auch ähnliche Verhaltensweisen. Wenn sich Menschen in Konfliktsituationen mit Gegnern auseinandersetzen müssen, ist es für sie wichtig zu wissen, wer zu deren Freunden und Unterstützern zählt und ihnen möglicherweise helfen könnte. Menschen achten auf die sozialen Beziehungen anderer. Einer neuen Studie zufolge machen es Schimpansen ähnlich.

Freundschaft und Feindschaft gibt es auch bei den Affen. Erst vor wenigen Monaten hatten die Biologen Jorg Massen von der Universität Wien und Sonja Koski von der Universität Zürich im Fachjournal „Evolution and Human Behavior“ erklärt, dass es ein Zeichen von Freundschaft sei, wenn bestimmte Schimpansen besonders oft und lange in Körperkontakt miteinander seien. Wie Menschen, so neigten auch die Affen dazu, Freundschaft mit Artgenossen zu schließen, die ähnlich seien wie sie selbst, zum Beispiel ähnlich mutig oder gesellig.

Vor wenigen Wochen veröffentlichten Forscher um Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine Studie, die Hinweise liefert, dass das Teilen von Nahrung für den Auf- und Ausbau sozialer Beziehungen bei Schimpansen noch wichtiger ist als die Praxis, sich gegenseitig bei der Fellpflege zu helfen. Einen Beleg dafür sehen sie in der Konzentration des Hormons Oxytocin im Urin, die nach dem Teilen der Nahrung besonders hoch ist. Von dem Hormon ist bekannt, dass es Bindungen fördert.

Vielsagende Warnrufe

Auf einen anderen Aspekt des Miteinanders von Schimpansen hatte Wittig vor etwa zwei Jahren hingewiesen, als er gemeinsam mit Kollegen von Alarmrufen berichtete, mit denen frei lebende Affen in Uganda Mitglieder ihrer Gruppe vor Giftschlangen warnen. Die Wissenschaftler hatten bei Untersuchungen festgestellt, dass Schimpansen besonders häufig Alarmrufe ausstießen, wenn sie sich in der Gesellschaft von Gruppenmitgliedern befanden, die die Schlange entweder selbst noch nicht gesehen oder frühere Warnrufe nicht gehört haben konnten. Die Experten werteten dies als Beleg dafür, dass die Tiere den Wissensstand ihrer Artgenossen berücksichtigen. „Schimpansen verstehen offenbar, dass sie etwas wissen, was ihr Gegenüber nicht weiß. Sie verstehen ebenfalls, dass sie den anderen informieren können, indem sie eine ganz bestimmte Lautäußerung von sich geben“, hatte Wittig damals erklärt.

Jetzt hat der Leipziger Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen in den „Proceedings B“ der britischen Royal Society Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, in deren Mittelpunkt die Frage steht, welche Rolle das Wissen über die Beziehungen von Artgenossen zu anderen für das Verhalten von Schimpansen spielt. Den Hintergrund bildet die Tatsache, dass zum Leben der Tiere neben der gegenseitigen Hilfe auch Konflikte gehören. So hatten frühere Untersuchungen zum Beispiel gezeigt, dass die Affen Gruppen bilden, andere Gruppen angreifen und sogar Artgenossen töten, um ihr Territorium zu erweitern. Auch unter Gruppenmitgliedern kann es zu Kämpfen kommen, etwa wegen der Rangordnung. Dass es dabei nützlich ist zu wissen, wer dem Gegner zu Hilfe eilen könnte, ist klar. Nach den Erkenntnissen der Forschergruppe um Wittig verfügen die Schimpansen über dieses Wissen.

Die Wissenschaftler hatten frei lebenden Schimpansen aus dem Budongo-Wald in Uganda zwei Stunden nach einem Kampf mit einem Artgenossen über einen Lautsprecher eine Aufnahme von aggressiven Schreien eines weiteren Tiers vorgespielt. Wie sich herausstellte, hing die Reaktion davon ab, in welcher Beziehung das schreiende Tier zu dem Gegner beim Kampf stand. „Schimpansen blickten länger auf den Lautsprecher und bewegten sich häufiger von ihm weg, wenn sie mit den aggressiven Schreien eines Kooperationspartners ihres Gegners konfrontiert waren“, erläutert Wittig. „Wenn Gegner und Rufer nicht näher miteinander befreundet waren, bewegten sie sich hingegen häufiger in Richtung Lautsprecher oder parallel zum Lautsprecher.“ Weitere Untersuchungen machten deutlich, dass Schimpansen tatsächlich nur dann eine ablehnende Haltung zeigen, wenn es sich um aggressive Schreie handelt, die zudem von einem Freund oder Verwandten des Gegners beim Kampf stammen. Wittig und seine Kollegen ziehen aus ihren Beobachtungen den Schluss, dass sich die Tiere auch noch nach einiger Zeit an den Kampf erinnern und ihn mit dem Wissen um die sozialen Beziehungen ihres Gegners in Verbindung bringen können.

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