Art déco in Neusseland

In ein anderes Jahrhundert schlüpfen

Beim Art-déco-Festival in Napier feiern die Neuseeländer stilecht gekleidet eine kunstvolle Epoche
08.05.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Béatrice Hecht-El Minshawi
In ein anderes Jahrhundert schlüpfen

Die Tanzfläche gehört ihnen: Ella und Tom zeigen, wie man Swing tanzt.

Béatrice Hecht-El Minshawi

Jahr für Jahr tanzen Ella und Tom nun schon beim Art-déco-Festival in Napier. Beide etwa 80 Jahre alt, tanzen und schwingen sie innig und fließend miteinander im Sound der 1920er- und 1930er-Jahre. An der Ecke Emerson und Market Street begeistern sie das Publikum, wenn sie im Swing von Lindy Hop tanzen. Bei soviel Perfektion traut sich niemand sonst auf die Tanzfläche, und die beiden Alten genießen den Freiraum, den sie freilich ausfüllen können. Und das stundenlang.

An der Ostküste der Nordinsel Neuseelands wird jährlich im Sommer das Art-déco-
Festival in der berühmten Weinregion Hawke’s Bay Region gefeiert. Es ist ein finanzstarkes Spektakel. In diesem Jahr wurde das Festival zwar wegen Covid-19 abgesagt, dennoch trafen sich Menschen in der Stadt und konnten wieder Ella und Tom bewundern.

Napier und das wenige Kilometer entfernte Hastings im Süden bilden The Twins im pulsierenden Ballungszentrum der Ostküste. Die Region war Land der Maori, der indigenen Bevölkerung Neuseelands. Das Land wurde aber ab Mitte des 19. Jahrhunderts peu à peu von europäischen Siedlern in Anspruch genommen. Heute ist der Hafen in Napier wichtiger Umschlagplatz regionaler Produkte wie Wein, Obst, Wolle oder Kunstdünger.

Die Menschen leben gerne dort, Reisende sind willkommen und diejenigen, die übernachten wollen, können sich auf paradiesische Unterkünfte wie das Hill Haven auf dem Hospital Hill freuen. Von dort aus lassen sich Norden, Osten und Süden der Stadt zu Fuß gut erkunden.

Ein Erdbeben zerstörte die Stadt

Das Erdbeben im Februar 1931 mit einem Wert von 7,8 auf der Richterskala und das folgende große Feuer waren ein Desaster für die Region. Besonders in Napier – mit seinen heute etwa 65.000 Einwohnern – wird der Vernichtung der Stadt mit dem fünf Tage langen Fest getrotzt. Dass Napier das Art-déco-Zentrum Neuseelands geworden ist, verdankt sich dem Baustil, der zurzeit des Wiederaufbaus modern war, dem Art déco.

Aus dem verspielten Jugendstil entwickelte sich zur Jahrhundertwende in Frankreich der elegante Art-déco-Stil. Klare, symmetrische Linien und leuchtende Pastellfarben setzten sich in der Architektur und Kunst als Gestaltungsprinzip durch. Viele Gebäude in den Großstädten der Welt sind im Art déco erbaut, ebenso in Napier. Besonders schön lässt sich das um die Straßenzüge Emerson und Tennyson Street herum erkunden. Dort sollen sogar Motive der Maori integriert sein. Kein Wunder eigentlich, denn immerhin stammen schätzungsweise 20 Prozent der Bevölkerung von den Maori ab.

Die Autorin (Mitte) mit zwei stilecht gekleideten Fans des Art-déco-Festivals in Napier.

Die Autorin (Mitte) mit zwei stilecht gekleideten Fans des Art-déco-Festivals in Napier.

Foto: Béatrice Hecht-El Minshawi

Beim Art-déco-Festival dreht sich alles um den Lebensstil der 1930er-Jahre. Die Stadt putzt sich liebevoll heraus. Viele Art-déco-Läden sind angefüllt mit Modeartikeln der damaligen Zeit. Einheimische aller Generationen und Reisende tragen sie, flanieren durch die Stadt und genießen das außergewöhnliche Treiben. „Fühlen sie sich verkleidet?“, frage ich einige von ihnen. „Oh, nein“, sagen sie. „Beim Art-déco-Weekend gehört das für uns dazu und zu uns. Wir Kiwis sind so!“

Organisiert werden zahlreiche Veranstaltungen, die von Jahr zu Jahr mehr werden und die in Lokalen sowie draußen stattfinden. Und niemand will die Automobilia Vintage Car Parade verpassen, wenn sich Hunderte glänzender Oldtimer, viele noch aus den Jahren vor 1946, durch die Straßen schlängeln und hupen. Neuere Modelle im nostalgischen Stil sind täuschend echt nachgebaut und schleichen mit.

Kinder freuen sich besonders auf das Seifenkistenrennen ulkiger, fahrbarer Kreationen. Niemand will das missen und schon gar nicht am letzten Tag die Präsentation unzähliger Stände am Strand der Marine Parade. Dort stellen die Einheimischen das aus, was sie noch aus der Art-déco-Zeit haben: Singles, Paare, Familien und Freunde inszenieren sich stilecht gekleidet, zeigen stolz ihre Möbel, Geschirr, Nippes und Speisen der 1930er-Jahre – und überbieten sich in Kreativität. Der Duft des Meeres in einer Brise erfrischt die Sommerluft und Musik erklingt – getanzt wird übrigens auch.

Ob Ella und Tom dieses Jahr wieder dabei waren? Sicher ist es nicht, aber es ist ihnen zuzutrauen.

Weitere Informationen

Autorin Béatrice Hecht-El Minshawi lebt in Bremen, hat als interkulturelle Trainerin gearbeitet und ist Weltreisende. Über ihre Reisen hat sie bereits verschiedene Bücher veröffentlicht.

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