Kreuzfahrt auf dem Nil

Unterwegs am großen Strom

Ein Ausflug zu Amun-Re und dem Mondgott Chon, zu Krokodilsköpfen und eine Einladung zum Tee.
08.04.2020, 10:46
Lesedauer: 6 Min
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Von Axel Scheibe
Unterwegs am großen Strom

Die „Alyssa“ wurde erst im vergangenen Jahr komplett saniert und gilt nun als eines der komfortabelsten Schiffe auf dem Nil.

Axel Scheibe

Luxor. Ungefähr 6550 Kilometer – so schätzt man die Länge des Nils. Wie bei allen großen Strömen der Erde gibt es recht unterschiedliche Auffassungen, wo eigentlich die richtige Quelle zu finden ist. Deshalb streiten sich die Gelehrten bis heute auch darüber, ob dem Nil oder vielleicht doch dem Amazonas die Krone des längsten Stromes gebührt. Nur ganze 220 Kilometer sind es, die vor den Touristen liegen, die sich für eine der beliebten Nilkreuzfahrten zwischen Luxor und Assuan entschieden haben. Das sind nur drei Prozent des Nils, die auf dem Reiseplan stehen – aber drei Prozent, die es in sich haben.

Entlang des Stromes, der Lebensader Ägyptens, reiht sich eine Tempelanlage an die nächste. Reichlich Gelegenheit, in die Hochkultur der Pharaonen einzutauchen, die vor 2000 bis 3000 Jahren ihre Blütezeit erreichte. Also in einer Zeit, als die alten Germanen noch mit Holzkeulen durch die Wälder streiften und an eine Schriftsprache im heutigen Europa noch nicht zu denken war.

Doch bevor es in die Vergangenheit geht, steht die Gegenwart auf dem Plan. Das heißt, die Passagiere inspizieren ihr schwimmendes Domizil für die nächste Woche: Knapp 320 der großen Kreuzfahrtschiffe sind auf dem Nil unterwegs. Da gehört entweder eine gute Recherche im Vorfeld oder Glück dazu, das richtige zu erwischen. Und die Gäste aus den USA, Japan und Deutschland merken schnell, dass sie alles richtig gemacht haben. Schon das schnittige Aussehen der „Alyssa“ lässt auf ein ebenso attraktives Inneres hoffen. Da wird keiner enttäuscht. Das 2005 gebaute Schiff hat 2019 eine komplette Runderneuerung erhalten und zählt nun unbestritten zu den komfortabelsten Schiffen auf dem Nil. Ein Hauch Pharaonenzeit zieht durch das Interieur, doch nicht aufdringlich, sondern dezent. Die Farbabstufung und die Muster der Teppiche und der Polstermöbel besticht. Gemütlichkeit und Moderne stoßen in den offiziellen Räumen gekonnt aufeinander.

Die Maße des Schiffes sind aus den Buchungsunterlagen schon bekannt: 75 Meter lang, 22 Meter breit und ein Tiefgang von 1,55 Metern. Damit gehört die „Alyssa“ nicht zu den ganz Großen ihrer Art. Auch die Anzahl der Kabinen, es sind 62, ist überschaubar. Das garantiert in den Kabinen reichlich Platz und die raumhohen Fenster zeigen ein unvergleichliches Nilpanorama.

Der Karnak-Tempel beeindruckt die Besucher mit seinen wuchtigen Ausmaßen und hinterlässt die Frage, wie solche Bauwerke vor 3000 Jahren entstehen konnten.

Der Karnak-Tempel beeindruckt die Besucher mit seinen wuchtigen Ausmaßen und hinterlässt die Frage, wie solche Bauwerke vor 3000 Jahren entstehen konnten.

Foto: Axel Scheibe

Schnell sind die Kabinen bezogen und man trifft sich im Salon, um sich mit den anderen Angeboten des Schiffes und dem Programm der nächsten Tage vertraut zu machen. Während der Generator leise brummt, kann Kapitän Hamada noch darauf verzichten, die drei je 480 PS starken Hauptmaschinen zu starten. Vorerst rufen die Tempel von Karnak und Luxor. Die Anreise war teils lang und die Hitze erdrückend, doch diesen Einstieg in die ägyptische Geschichte will sich niemand entgehen lassen. Nur wenige Minuten im Bus reichen für den Ausflug in die Welt der Pharaonen. Der Tempel Amun-Re in Karnak galt einst als größter und reichster des Pharaonenreichs. Als König der Götter vereint Amun-Re die Eigenschaften des Re, Min und Amun, ist deshalb gleichermaßen Sonnen-, Wind- und Fruchtbarkeitsgott. Seit der 18. Dynastie, also vor rund 3000 Jahren, bauten die Pharaonen an dieser etwa 30 Hektar großen Anlage und versuchten sich dabei zu übertreffen. Wobei das Bauen wohl eher die Sklaven, Bauern und Handwerker übernehmen mussten.

Beeindruckend sind dabei die unzähligen in die Wände geschlagenen Reliefs mit Bildern und Schriften, die über das Leben am Hofe berichteten und immer wieder die Gottheit des Amun-Re in den Mittelpunkt setzen. Beeindruckend sind auch die zehn Pylonen – ein Portal mit doppeltürmigen Bauwerken und einem verbindenden Torüberbau als Eingang zum Tempel – von denen die größte eine Höhe von 45 Metern aufweist. Ob die große Säulenhalle, der Obelisk des Thutmosis I. oder auch die zahlreichen Pylone, es bleibt trotz der kenntnisreichen und spannenden Erklärungen von Reiseleiter Zacharias, der sich auf der Fahrt um die deutsche Gruppe kümmert, immer ein ungläubiges Staunen darüber, wie die Ägypter es geschafft haben, solch monumentale Bauwerke an das Ufer des Nils zu setzen. Einfach unvorstellbar.

Der Tempel in Luxor gehört ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe.

Der Tempel in Luxor gehört ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe.

Foto: Axel Scheibe

Zu diesen Unvorstellbarkeiten gehört auch die antike Allee, die den Karnak-Tempel mit dem Luxor-Tempel verband. 2,5 Kilometer lang wurde sie einst links und rechts von je 365 Sphinxen gesäumt. In den vergangenen Jahren wurde Stück für Stück daran gearbeitet, auch diesen Teil des Tempelbezirkes wieder aufzubauen.

Nicht über diese Allee, sondern mit dem Bus gelangt man schnell zum Luxor-Tempel, der dem Gott Amun, seiner Gemahlin Mut und ihrem gemeinsamen Sohn, dem Mondgott Chons geweiht war. Einmal im Jahr, zum ägyptischen Neujahrstag, wurden zum Opet-Fest die Statuen der Götter Amun, Mut und Chons auf tragbaren Barken vom Karnak-Tempel zum Luxor-Tempel gebracht. Dort kam es dann jährlich neu zur Vereinigung des Königs mit seinem göttlichen Ka. Auch wenn sich Zacharias die größte Mühe gibt, die Götterwelt der alten Ägypter ist nicht so leicht in den Kopf zu bekommen, doch die gewaltige Macht ihrer Bauwerke hält alle gefangen. Die Tempel in Karnak und Luxor sind seit 1979 auf der Weltkulturerbeliste der Unesco zu finden.

Der erste Morgen an Bord. Die Sonne strahlt durchs Fenster und hilft beim Aufwachen. Die „Alyssa“ kämpft sich mit knapp zehn Knoten langsam stromaufwärts in Richtung Edfu. Da lädt Kapitän Hamada auf die Brücke ein. Der 51-Jährige ist seit 25 Jahren auf dem Nil zu Hause; und das in dritter Generation. Seit 18 Jahren ist er Kapitän und die „Alyssa“, wie auch den Nil, kennt er genau. Wobei das mit dem Nil nicht ganz so einfach ist. „Der ändert regelmäßig seinen Lauf“, erzählt er. „Wo gestern noch die Fahrrinne war, kann morgen schon eine kleine Sandbank gewachsen sein.“ Gut, dass er reichlich Erfahrung hat. Seine Frau und die drei Töchter sind es gewohnt, dass er im Normalfall unterwegs ist. Umso mehr freuen sich seine fünf Enkelkinder auf die freien Tage mit dem Opa. „Und das“, sagt er lächelnd, „ist so selten nun auch wieder nicht.“ Wie die gesamte Besatzung fährt er 50 Tage am Stück und hat dann zehn Tage frei. Gemeinsam mit seinem zweiten Kapitän Farid kann er sich die Arbeit einteilen. Da auch der schon viele Jahre auf dem Nil unterwegs ist, sind die Passagiere immer gut aufgehoben.

Gut aufgehoben sind sie auch bei Zacharias, der ihnen in den nächsten zwei Tagen noch die Tempel in Edfu und Kom Ombo näherbringen wird, ehe das Schiff dann in Assuan für zwei Tage eine Pause einlegt.

Manchmal wird das Ungeplante zum Höhepunkt. Besonders dann, wenn es ein Stückchen vom Alltag zeigt – völlig unbeeinflusst vom touristischen Trubel. Der unvollendete Obelisk im Granitsteinbruch liegt ebenso hinter den Passagieren, wie ein Besuch per Boot auf der Philae-Insel mit dem Isis-Tempel und die Busfahrt zum mächtigen Staudamm: Das klassische Assuan-Programm ist abgearbeitet. Eindrucksvoll und sehenswert wie bereits alles auf dieser Reise. Doch nun geht es auf eine Stippvisite ins nubische Dorf an den Nilkatarakten. Ein touristischer Ort, aber nur an der Anlegestelle und der Hauptstraße.

Chefkoch Mohamed Samir hat die Gäste der „Alyssa“ auch mit frischen Obst und süßen Leckereien versorgt.

Chefkoch Mohamed Samir hat die Gäste der „Alyssa“ auch mit frischen Obst und süßen Leckereien versorgt.

Foto: Axel Scheibe

Die deutsche Reisegruppe umfasst gerade mal drei Gäste. Gemeinsam mit Zacharias bummeln sie durch die kleinen Gassen im Hintergrund, abseits der Touristenroute. Nach touristischem Geld sieht es dort wahrlich nicht aus. Plötzlich steht die Gruppe vor einer Haustür mit einem Krokodil darüber. Besser gesagt, mit den Resten eines Krokodils. Nilkrokodile spielen und spielten für die Nubier eine große Rolle. Die Haustür steht offen, Zacharias geht in den Innenhof und auf sein Rufen kommt die Hausherrin aus einem Nebenraum. Erstaunen steht ihr ins Gesicht geschrieben. Dieser Besuch kommt völlig überraschend und unerwartet. Ihr Lächeln verliert sie trotzdem nicht. Es ist wirklich nichts vorbereitet, nichts organisiert. Gern lädt sie die Gäste zu einer Tasse Tee ein und zeigt ihnen anschließend ihr Haus, das kaum als solches bezeichnet werden kann, für dortige Verhältnisse aber sicher zu den besseren gehört. Stolz erzählt sie von ihren beiden Söhnen, die mit ihren eigenen Familien bereits eigene Häuser gebaut haben. Vom Dach ihres Hauses bietet sich ein Blick übers Dorf bis hinunter zum Nil. In einer Wanne im Hinterhaus hat sie, wohl nicht ganz legal, zwei kleine Krokodile, die letztlich Glück bringen sollen.

Am nächsten Tag geht es auf dem Nil zurück nach Luxor, wo mit dem Tal der Könige, den Kolossen von Memmnon, dem Hatschepsut- und dem Habu-Tempel noch weitere Höhepunkte warten. Auch ein Bauchtanzabend steht noch im Programm.

Und eines lässt man sich auf keinen Fall entgehen: einen Plausch mit dem Chefkoch. Die erfahrenen Reisenden wissen, dass das, was Mohamed Samir mit seiner Crew täglich aufs Büfett zaubert, durchaus nicht Standard ist. Der 48-Jährige versteht sein Handwerk meisterlich.

Die Reise wurde unterstützt von Der Tour.

Info

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Die Reise wird von Der Tour an zahlreichen Terminen auch in Kombination mit einem Badeaufenthalt am Roten Meer angeboten. Weitere Informationen unter www.dertour.de.

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