Nordsee als Alternative zum Urlaub im Süden

„Man muss erfinderisch werden“

Hotelinhaber Marc Brune über Ideen von Azubis, Hygieneregeln und die Nordsee als Alternative
26.05.2020, 10:52
Lesedauer: 6 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
„Man muss erfinderisch werden“

Die Fans der Milchbar auf Norderney lieben nicht nur die Musik von DJ-Duo Blank & Jones, sondern auch den Sonnenuntergang.

Milchbar Norderney

Wie haben Sie und Ihr Bruder die vergangenen Wochen für Ihr Unternehmen erlebt?

Marc Brune: Insgesamt war es eine schwere und ernüchternde Zeit. Wir sind noch nie so gut in eine Saison gestartet, was den Umsatz und die Mitarbeiter angeht. Wir hatten über den Winter ein hoch motiviertes Team rekrutiert und sind auf den Saisonstart zugelaufen. Dann kam die Verfügung vom 17. März. Die allermeisten unserer Mitarbeiter haben wir in Kurzarbeit geschickt. Damit waren wir einer der weniger Arbeitgeber auf Norderney, der seine Mitarbeiter nicht entlassen hat. Die sind zutiefst dankbar und bereiten nun den Saisonstart vor.

Sie betreiben auf Norderney drei Hotels, zwei Restaurants, das Café Marienhöhe und die Milchbar sowie im Schwarzwald das Landgasthaus Zur Linde. Insgesamt haben Sie 250 Mitarbeiter, 60 Personalwohnungen auf Norderney und laufende Kredite: Waren die vergangenen sieben Wochen für Sie existenzgefährdend?

Man muss sehen, dass wir im März am Anfang der Saison standen. Den Winter nutzen wir üblicherweise, um in die Betriebe zu investieren. Das heißt, dass die Kasse am Anfang der Saison nicht so gut gefüllt ist. Existenzgefährdend waren die vergangenen Wochen für uns trotzdem nicht, weil wir unser Unternehmen bereits in dritter Generation führen und auf einen Substanzwert zurückgreifen können. Anders als viele andere Betrieb verfügen wir zudem über Eigentum und mussten keine Pacht bezahlen. Aber wir hatten trotzdem Kosten und mussten etwa Versicherung und Tilgungen zahlen, Lieferanten und Handwerker. Aber wir haben alles mit einem Großteil unserer liquiden Mittel gelöst und sind sehr froh, dass wir keinen Mitarbeiter entlassen mussten.

Die Bremer Marc (links) und Jens Brune sind Inhaber von Brune & Company.

Die Bremer Marc (links) und Jens Brune sind Inhaber von Brune & Company.

Foto: Dario Bruno
Wissen Sie schon, wann es für Sie weitergeht?

Auf Norderney gibt es 30 000 Gästebetten, davon sind etwa 20 000 bis 22 000 in Ferienwohnungen. Die dürfen seit Montag (11. Mai, Anmerkung der Redaktion) wieder belegt werden. Das merkt man auch, die Promenade ist spürbar belebt. Demgegenüber stehen 3000 Hotelbetten. Die werden vermutlich in den nächsten Wochen wieder zunehmend belegt werden, obwohl wir da einige Auflagen zu beachten haben.

In ruhiges Fahrwasser werden wir aber vermutlich erst in der nächsten Saison kommen. Bis dahin werden uns drei Themen begleiten: Wir dürfen nur die Hälfte der Betten anbieten, müssen den Mindestabstand gewährleisten, was für uns die Hälfte der Gäste in den Restaurants und im Café bedeutet, und wir haben zudem erhöhte Auflagen von den Behörden. Die sind mit zusätzlichen Kosten wie etwa Security vor den Eingängen, Hygieneaufwendungen oder Dokumentationspflichten verbunden.

Sie waren in den vergangenen Wochen bereits fleißig und haben sich Gedanken zur Wiedereröffnung sowie zur Weiterbildung des Personals gemacht. Können Sie einige Beispiele nennen, wie Ihr Hygienekonzept aussieht?

Die Wiedereröffnung von Hotels und Gastronomie ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Wir müssen uns und unsere Gäste vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen. Wir wollen auf Norderney nicht zu einem Infektionshotspot wie Ischgl werden. Bisher ist niemand auf der Insel infiziert, gleichwohl wissen wir, dass die Gefahr, dass das Virus eingetragen wird, existent ist. Deshalb müssen wir den Kontakt auf ein Mindestmaß beschränken, und deshalb kann man künftig nur noch bargeldlos zahlen.

Darüber hinaus wird jede Rezeption mit Plexiglas geschützt. Zudem werden alle Gäste im Vorfeld informiert, damit sie mit den richtigen Erwartungen anreisen. Wir machen sie auch darauf aufmerksam, dass die medizinischen Kapazitäten bei uns auf der Insel beschränkt sind.

Für die Küche haben wir ein Drei-Säulen-Konzept erarbeitet: In unserem Hotel Seesteg mit 16 Zimmern und Lofts werden künftig Frühstückskörbe gepackt und vor die Zimmertür gestellt. Auf Wunsch stehen auch Lunch- oder Dinnerboxen bereit. Das Hotel, in dem wir auch das mit einem Michelin Stern ausgezeichnete Restaurant Seesteg betreiben, ist das einzige Haus, in dem wir auch weiterhin – ausschließlich für Hausgäste – einen Service am Tisch anbieten. Das Servicepersonal in den Restaurants ist außerdem darauf geschult worden, dass eine Person die Teller mit dem frischen Essen an die Tische bringt, eine andere Person das benutzte Geschirr abräumt. Dadurch gibt es keine Überkreuzung der Wege.

Der Großteil fast aller Zimmer unserer Hotelbetriebe verfügt über Pantry-Küchen, in denen sich die Gäste ihr Essen selbst zubereiten können. Das Frühstück stellen wir den Gästen schon bei Anreise fast vollständig zusammen, sodass der Kühlschrank entsprechend gefüllt ist.

In unserem Café, der Marienhöhe, und auch in der Milchbar werden wir in den kommenden Monaten ausschließlich recycelbares Einweggeschirr benutzen. Das wird nicht allen gefallen, aber momentan sind solche Neuerungen gefragt. Wir haben so viel Innovation aufgebracht, wie vermutlich in den vergangenen drei Jahren nicht mehr.

Im Restaurant Seesteg wird es auch künftig Sterneküche zu essen geben, wie den gebratenen Kabeljau – allerdings nur für Hotelgäste.

Im Restaurant Seesteg wird es auch künftig Sterneküche zu essen geben, wie den gebratenen Kabeljau – allerdings nur für Hotelgäste.

Foto: CARSTEN HEIDMANN FOTOGRAFIE

Was die Weiterbildung angeht, haben unsere Azubis vermutlich noch nie so viel Aufmerksamkeit erfahren wie in den vergangenen Wochen. Sie haben gekocht sowie tranchiert, und wir haben die Abschlussprüfung simuliert. Gemeinsam mit unseren Azubis haben wir außerdem ein Projekt entwickelt. Sie haben sich Rezepte ausgedacht, gekocht und die Gerichte verpackt. Das Essen haben sie dann auf dem Wochenmarkt auf Norderney verkauft. Jetzt haben sie bereits zum zweiten Mal den Umsatz verdoppelt und sind begeistert und mit strahlenden Gesichtern zurückgekommen. Daraus ist nun auch eine Geschäftsidee entstanden: Wir produzieren Essen für Gäste, die in Ferienwohnungen unterkommen und denen wir keinen Platz mehr in unseren Restaurants anbieten können. Das Essen in vakuumierten Beuteln können sie sich dann aufwärmen. Diese Idee hilft uns auch, unsere Mitarbeiter zu halten und mit sinnvollen Aufgaben zu beschäftigen.

Die Pandemie wird den Tourismus vermutlich nachhaltig verändern. Glauben Sie, dass das auch positiv sein kann?

Die große Chance, die ich sehe, sind die Menschen, die unsere Nordsee noch nicht kennen und die nach Alternativen zu ihrem Strandurlaub im Süden suchen. Die müssen wir begeistern und alle Menschen mit Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Authentizität gewinnen.

Was werden die größten Probleme sein, wenn der Tourismus wieder anläuft?

Ich sehe zwei Probleme: Es kann sein, dass das Sicherheitsbedürfnis von Gästen und Mitarbeitern auf Unverständnis stößt. Viele tragen in Supermärkten und in öffentlichen Verkehrsmitteln Masken, aber es gibt eben auch Verweigerer. Und deshalb wird es sicherlich auch Menschen geben, die vehement fragen, warum sie nicht wie immer auf der Terrasse vom Seesteg sitzen können oder warum die Milchbar eingezäunt ist. Da müssen wir aber unserer Schutzpflicht nachkommen. Das Verständnis der Gäste für die Situation bedarf Überzeugungsarbeit.

Das zweite Problem wird sein, dass sich aus Ermangelung an Alternativen mehr Menschen, als wir unterbringen können, zu uns auf den Weg machen wollen. Und dann müssen wir Nein zu Menschen sagen, zu denen wir Ja sagen wollen. Aber die Gesundheit geht vor. Je klarer, glaubwürdiger und transparenter wir das sagen, umso besser. Das Maß der Dinge wird es sein, den richtigen Ton zu treffen und eine Haltung zu zeigen.

Können Sie auch in der jetzigen Situation den neuen Tourismus auf Norderney weiter mitgestalten?

Fakt ist, wir müssen Lösungen finden, denn die Pandemie ist nicht vorbei. Situationen, wie in Italien oder Spanien möchte ich nicht erleben. Wir müssen uns bewusst sein, dass die momentane Situation keine disziplinarische Übung ist, sondern wir Mittel und Wege finden müssen, damit umzugehen. Wir können keinen vollen Service anbieten, es wird Abstriche und Neuerungen geben. Das machen wir aber nicht, um eine Innovationsführerschaft aufzubauen, sondern um den Auflagen gerecht zu werden. Da muss man erfinderisch werden. Und je besser man sich bestimmte Situationen vorstellen kann, desto besser kann man sich vorbereiten. Jede Vermeidung von Kontakt schützt uns alle. Und es braucht uns alle, um das Virus wieder aus der Welt zu schaffen.

Das Gespräch führte Marie-Chantal Tajdel.

Info

Zur Person

Marc Brune

ist Architekt. Gemeinsam mit seinem Bruder Jens ist er Inhaber von Brune & Company. Die beiden Bremer führen in dritter Generation auf Norderney Hotels und Restaurants wie Seesteg, Milchbar oder Inselloft.

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