Auf der Monte Isola schlemmen Der Iseosee und seine Schätze

Bei einer Tour zur Monte Isola und in die Franciacorta kann man Oliven, Sardinen und Schaumweine verkosten
20.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gabriel Schultheiß

Eine knappe Viertelstunde ist das kleine Boot jetzt unterwegs, nachdem es an der Anlegestelle in der kleinen Stadt Iseo abgelegt hat. Da schafft es die Sonne endlich doch über die Spitzen der Alpenausläufer rund um den Sebino, wie der Iseosee von den Einheimischen genannt wird. Zuerst nehmen die grauen Felswände eine zartrosa Farbe an, dann trifft das Licht auf die Häuser und die Kirche über der Ortschaft Menzino auf der Monte Isola, dem Ziel. Dort beginnt der Tag mit einem Einblick in einige der kulinarischen Schätze, die die Region im Norden Italiens zu bieten hat: Oliven, Sardinen und die Weine der Franciacorta.

In Carzano im Nordosten der Monte Isola, des etwa 600 Meter hohen Bergs im See, liegt die Ortschaft Carzano, wo das Boot anlegt. Es ist die größte Insel in einem See, die Europa zu bieten hat. Von jetzt an geht es zu Fuß weiter, nur die nicht einmal 1800 Bewohner der Insel dürfen dort mit dem Auto unterwegs sein. Schon an dem kleinen Hafen für Sportboote und die Fähre, die alle 20 Minuten von Iseo herüberkommt, prägen die Olivenbäume das Bild. Etwa 15.000 Bäume soll es auf der Insel geben, so weit im Norden wie nirgendwo sonst in Europa. Das liegt an dem ganz besonderen Mikroklima des Sees an den südlichen Ausläufern der Insel.

Die Schwestern Monica und Giovanna Archini wissen das zu nutzen. Sie betreiben eine Ölmühle und verarbeiten die Früchte von vielen der etwa 200 Produzenten. Die Wassermassen des Sees sorgen dafür, dass es im Sommer immer etwas kühler ist als beispielsweise in der nahen Ebene und die Temperaturen im Winter nicht allzu sehr in den Keller gehen. „Wir haben ausgeglichene, mildere Temperaturen als etwa im nahen Brescia“, erläutern die Archinis. Das Öl der Schwestern vom Typ „Extra Vergine“, geschützt durch eine geografische Ursprungsbezeichnung, ist begehrt. Man braucht etwas Glück, um eine Flasche zu bekommen. Zwischen 30 und 50 Euro kostet der Liter, „die Produktion ist oft schon im Voraus ausverkauft“, sagen sie.

Von Carzano aus sind die alten Fabriken am Ufer des Festlandes zu erkennen, in denen die Frauen und Mädchen früher die Netze herstellten, während ihre Männer auf dem See fischten. Der wichtigste Fisch ist die Sardine des Sees. Heute ist Fernando Soardi der Einzige, der sie noch nach der traditionellen Methode konserviert. Wie die beiden Schwestern Archini nimmt er Teil an der Initiative „Taste in Brescia“. Die lokalen Erzeuger wollen traditionelle typische Produkte für ihre Besucher erfahrbar machen.

Gerne demonstriert Fernando, der schon als kleiner Junge mit seinem Großvater auf dem See zum Fischen unterwegs war, wie die Sardinen ausgenommen und zum Trocknen auf ein Holzgestell in die Sonne gehängt werden. Zum Verzehr bereit sind sie aber erst, wenn sie danach eine Zeit lang in Olivenöl eingelegt wurden. Mit ein wenig Polenta werden die salzigen Filets nebenan im Restaurant, der Locanda al Lago, serviert, das von Fernandos Schwester betrieben wird.

Das Mikroklima des Sees begünstigt neben der Olive auch das Wachstum einer weiteren Pflanze, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Es waren die Benediktiner-Mönche aus dem französischen Cluny, die vor beinahe 1000 Jahren die ersten Reben im Süden der Insel pflanzten und Wein herstellten. Die Ausläufer eines eiszeitlichen Gletschers haben im Übergang zur Ebene ein Gelände gebildet, das in seiner Form der Innenfläche einer riesigen Innenhand gleicht. Das demonstriert am Abend Peter Alcorini an einem Modell im Weingut Bersi Serlini. Der Sommelier des Familienbetriebs deutet von einem Hügel aus in Richtung Alpen mit den Bergen der Adamella-Gruppe, die bis in die Höhe von 3500 Metern reichen. Von dort weht morgens ein Wind herab, der Feuchtigkeit und Kühle bringt und über die Weinberge streicht, erläutert Alcorini. Die Nähe zu den Bergen sorgt dafür, dass auch an heißen Sommertagen die Temperaturen am Abend deutlich zurückgehen. Das Ergebnis sind frische und säurehaltige Trauben mit intensivem Geschmack, die sich bestens für die Herstellung von Sekt nach dem traditionellen Champagner-Verfahren eignen.

Mit wenigen anderen Pionieren habe die Familie Bersi Selini in den 1960er-Jahren mit der Herstellung des „Franciacorta“ begonnen, wie der Wein benannt ist. Heute verlassen jährlich etwa 120.000 Flaschen das Weingut, das auf 15 Hektar vor allem Chardonnay, Pinot Blanc und Pinot Noir angepflanzt hat. Schon im August werden die Trauben geerntet, lange vor der eigentlichen Reife, um die Frische zu bewahren und in die Flasche zu bringen. Bevor er seine Gäste zur Verkostung in den Keller führt, zeigt er ihnen noch einmal die Kuppe der Monte Isola, wo der Ausflug am Morgen begann.

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Zur Sache

Iseosee

Der Iseosee ist zwar kein Geheimtipp mehr für Touristen, aber im Verhältnis zum nahen Gardasee, in dessen Schatten er steht, wird er deutlich weniger besucht. Internationale Bekanntheit erlangte er 2016. Der Künstler Christo verband den Ort Peschiera Maraglio auf der Insel Monte Isola mit dem winzigen Eiland Isola di San Paolo und dem Festland mittels gelb-orangefarbener Laufstege. Hunderttausende Menschen wanderten in jenem Sommer über das Wasser und genossen die Aussicht auf die malerischen Dörfer und die Berge rings um den See. Das Angebot an Hotels und Restaurants ist vielfältig und gut. Infos unter www.visitbrescia.it

Franciacorta ist der Name der Landschaft mit ihren Rebhügeln, Weingütern, Klöstern und kleinen Dörfern. Nach ihr ist der champagnerähnliche Wein benannt, der in der Regel von sehr guter Qualität ist. Die Mönche betrieben ihre Klöster steuer- und abgabenfrei, „curta franca“, wie es damals hieß.

Aktivitäten: organisierte Touren mit dem Fahrrad, auch mit E-Bikes, führen zu den Sehenswürdigkeiten, buchbar etwa unter www.iseobike.it. Die ersten Kilometer geht es durch die Torfmoore am Auslauf des Iseosees. Die Seenlandschaft ist entstanden, weil dort in früheren Jahrhunderten der Torf für die Häuser und Fabriken gestochen wurde, in denen Netze für die Fischerei hergestellt wurden. Die Torfmoore sind heute Schutzgebiet und bieten zahlreichen Vogelarten eine Heimat.

Für einen Ausflug und zum Einkauf bietet sich das nahe Brescia an. Die Industriestadt bietet einen authentischen Einblick in die Geschichte Oberitaliens, vom einstigen römischen Zentrum, wo sich wichtige Straßen kreuzten, über die Herrschaft der Langobarden und die mittelalterlichen Kirchen bis zur Architektur des Faschismus unter Mussolini. Unbedingt zu empfehlen ist ein Besuch des Museums Santa Giulia, das in ein ehemaliges Kloster aus langobardischer Zeit integriert ist. Ein Teil des Gebäudes ist über den Resten römischer Häuser errichtet, Treppen und Gänge führen hinüber in die mittelalterlichen Klosterräume und eine Kapelle. Infos: www.bresciamusei.com

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