Unterwegs mit der Inlandsbahn in Nordschweden

Langsam ans Ziel

Die Inlandsbahn in Nordschweden überrascht mit Stopps, gemeinsamen Pausen und Brückenquerungen zu Fuß
10.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Reinhard Pantke
Langsam ans Ziel

Die Inlandsbahn verkehrt zwischen Mora, Östersund und Gällivare.

Reinhard Pantke

Irgendwo auf freier Strecke hält der Zug scheinbar grundlos und aus einem im Wald versteckten, roten Holzhäuschen schlendert eine Frau mit einem großen Korb Kartoffeln heran. Zugbegleiterin Marie umarmt sie, unterhält sich angeregt mit ihr und erzählt dann: „Das ist nur meine Mutter. Oft wenn ich Dienst habe und vorbeikomme, bringt sie mir einige der besten Kartoffeln Schwedens mit!“

In Deutschland wäre diese Szene wohl undenkbar, aber wir sind hier in der Wildnis Nordschwedens. Doch unsere Zugbegleiterin ist noch für viel mehr zuständig: Sie versorgt uns lebendig und mehrsprachig mit wissenswerten Details, Kaffee, guter Laune und singt auch schon mal mit einigen stimmgewaltigen Mitreisenden die lokale Hymne.

Abendlicht an einem See in Arjeplok. Der Ort ist bekannt für sein Silbermuseum. Dort wird Silberschmuck der samischen Kultur gezeigt.

Abendlicht an einem See in Arjeplok. Der Ort ist bekannt für sein Silbermuseum. Dort wird Silberschmuck der samischen Kultur gezeigt.

Foto: Reinhard Pantke

Die Hintergrundmelodie der Fahrt ist das meditativ-monotone Rattern und Klackern des Zugs, das gelegentlich unterbrochen wird durch lautes Hupen, mit dem der Lokführer die Rentiere verscheucht, die wenig scheu an oder direkt auf der Bahntrasse stehen. Manchmal steigt er sogar persönlich aus, um Weichen oder Signale an der Strecke umzustellen oder Pakete einzusammeln und auszuliefern.

Ich komme mit ihm ins Gespräch. Der Lokführer erzählt, dass er eigentlich im Süden Schwedens Frachtzüge fahre und seinen Sommerurlaub nutzt, um für einige Tage den abgelegenen Norden Schwedens zu erleben. Für einige Kilometer darf ich ausnahmsweise neben ihm im „Logenplatz“ sitzen und die einzigartige Landschaft aus einer ungewohnten Warte genießen.

Der höchste Punkt der Bahn liegt 524 Meter über dem Meer.

Der höchste Punkt der Bahn liegt 524 Meter über dem Meer.

Foto: Reinhard Pantke

Der Weg ist das Ziel

Wer mit der Inlandsbahn reist, sollte keine Geschwindigkeitsrekorde erwarten. Nachdem man den Passagiertransport auf der Strecke der Inlandsbahn in den 1990er-Jahren gegen den Protest der Einheimischen offiziell eingestellt hatte, war der Bedarf trotzdem so groß, dass man sich dazu entschloss, zwischen Mitte Juni und Ende August einen regelmäßigen Liniendienst mit maximal zwei täglichen Verbindungen zwischen Mora und Gälliväre anzubieten.

Ich verstehe diese lange Bahnfahrt nicht als Möglichkeit, schnell ans Ziel zu gelangen: Die Fahrt in das Reich der Mitternachtssonne ist ein Transportereignis, das Reisenden Einblicke in die vielfältigen Landschaften bietet, die zwischen Mittelschweden und Lappland liegen. Allein für das 900 Kilometer lange Teilstück des zweiten Tages zwischen Östersund und Mora braucht der Zug fast 14 Stunden. Theoretisch könnte ein ICE die Strecke in drei Stunden zurücklegen. Doch Geschwindigkeit führt in Schweden nicht ans Ziel.

Ruhe und Abendrot an einem See in Schwedisch-Lappland.

Ruhe und Abendrot an einem See in Schwedisch-Lappland.

Foto: Reinhard Pantke

An mir ziehen riesige Wälder, zahlreiche in der Sonne glitzernde Seen, dunkle Moore und kleine verschlafene Orte vorbei, die man manchmal noch heute besser mit dem Zug als auf einer Straße ansteuert.

Immer wieder stoppt der Zug und unsere charmante Schaffnerin Marie führt uns zu kleinen Cafés, Museen oder gelegentlich an eine – unbewohnte – Bärenhöhle entlang der Strecke. In den Cafés und Museen wird sie freudig begrüßt wie eine alte Bekannte. Die meisten Museen werden in den wenigen Sommermonaten von ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben. Grinsend fügt sie nach der Besichtigung an einem Stopp hinzu: „Bitte nicht zurückbleiben, der nächste Zug hält erst in 24 Stunden, die nächste Straße ist 50 Kilometer entfernt – und vielleicht kommt der Bär ja zurück.“

Die unendlich scheinende Reichsstraße 95 in Lappland heißt Silberweg.

Die unendlich scheinende Reichsstraße 95 in Lappland heißt Silberweg.

Foto: Reinhard Pantke

So vielfältig wie die Landschaften sind auch die Mitfahrer: Wanderer mit riesigen Rucksäcken berichten begeistert von ihren Plänen, den Kungsleden zu erforschen. Der Fernwanderweg durch die Einsamkeit Schwedisch-Lapplands, durch weite Täler, über reißende Flüsse und vorbei an Schwedens höchstem Berg, dem 2099 Meter hohen Kebnekaise. Alte Leute zieht ihre Sehnsucht im Sommer zurück zu ihren – in der Abgeschiedenheit gelegenen – Sommerhäusern oder einstigen Wohnhäusern, und Büromenschen mit Aktenkoffern fahren ein paar Stationen mit. Selbst Fahrräder, Hunde und ein kleines Kanu werden sicher in dem kleinen Zug verstaut. Immer wieder komme ich mit den Mitreisenden ins Gespräch.

Wenn die Sonne lacht und man dem Fahrplan nicht hinterherfährt, lässt uns die Zugbegleiterin an einer Stelle sogar aussteigen und langsam vor dem Zug über eine Brücke laufen, damit wir uns die Beine vertreten können und das spektakuläre Wildwasser eines Flusses in Lappland bewundern können. Alles ist etwas entspannter im hohen Norden, und so eröffnen sich stets neue Horizonte für alle Freunde des langsamen Reisens, die sich die Fähigkeit bewahrt haben, Eindrücke nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu verarbeiten.

Ein typisch schwedisches Haus an der Strecke der Inlandsbahn.

Ein typisch schwedisches Haus an der Strecke der Inlandsbahn.

Foto: Reinhard Pantke

Die Schaffnerin, hat am Ende der Reise in der Eisenerzstadt Gällivare erst einmal drei Tage Pause, genug Zeit, um ihre Kartoffeln zu kochen.

Aber Zeit hat man in Schwedisch Lappland anscheinend sowieso mehr als anderswo. Irgendwann werden Mittags- und Abendbrotzeit ausgerufen und Lokführer, Schaffner sowie Passagiere stapfen erst einmal seelenruhig zu einem an der Strecke gelegenem Restaurant, um dort eine Stunde Pause einzulegen. Das Essen sucht man sich zuvor im Zug aus. Das wäre doch eigentlich auch eine geeignete Maßnahme in Deutschland, wenn es einmal wieder etwas länger dauert und eine Strecke gesperrt ist.

Die meisten Reisenden erforschen von Gällivare aus den nördlichsten Teil Schwedens oder fahren via Kiruna und Abisko mit der Erzeisenbahn nach Norwegen hinüber. Aber das ist eine andere Geschichte.

Info

Zur Sache

Nordschweden

Anreise: Kristinehamm, Mora und Östersund erreicht man beispielsweise mit der schwedischen Staatsbahn „Sj“ mehrmals täglich von Stockholm aus. Von Gälliväre kommt man mit Zug oder Bus nach Kiruna, und könnte von dort entweder nach Süden oder mit der Erzeisenbahn nach Narvik reisen. Echte Eisenbahnfans können mit dem Bus nach Bodö fahren und von dort auf dem norwegischen Schienennetz bis Oslo fahren. Es gibt unterschiedlichste Kombinationsmöglichkeiten, um den Norden Skandinaviens weiter zu erforschen.

Die Strecke: Die insgesamt fast 1300 Kilometer lange „Inlandsbanan“ führt von Kristineham nach Gällivare, wo sie mit der Eisenerzbahn und somit der norwegischen Küste verbunden ist. Einige Abschnitte werden heute nur noch für den Güterverkehr genutzt. Zwischen Juni und Ende August verkehren die Personenzüge zwischen Mora und Östersund (1. Tag) und Östersund und Gällivare (Tag 2). Im Winter fahren die Züge zum Samen-Markt in Jokkmokk. Die Strecke Kristinehamm – Mora wird nur noch mit Bussen befahren.

Infos zur Inlandsbahn: Die Richtung ist beliebig zu wählen, es gibt Tickets, die das Befahren über längere Zeiträume ermöglichen. Auch wenn man die Strecke theoretisch in zwei Tagen abfahren kann, sollte man sich eher drei bis vier Tage Zeit nehmen, um die Orte und Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke kennenzulernen. Insbesondere Mora, Östersund und Jokkmokk bieten viele Möglichkeiten auch für längere Stopps. In der Inlandsbahn werden, sofern Platz in den Zügen ist, Fahrräder befördert. Die Mitnahme kann online gebucht werden. Weitere Infos, Preise und Zeiten unter res.inlandsbanan.se/en. Dort findet man auch interessante Optionen für längere Aufenthalte mit unterschiedlich langen Aufenthaltsdauern und etwa Kombinationsmöglichkeiten mit Hurtigrouten.

Mitnehmen sollte man im Sommer ein gutes Mückenmittel und Sonnenschutz.

Weitere Informationen

Der Autor Reinhard Pantke erlebt seine Reiseziele mit Fahrrad und Rucksack. Weitere Infos gibt es unter www.reinhard-pantke.de.

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