Rauchiger Smog hüllt Chinas Hauptstadt ein / Behörden reagieren mit vagen Versprechen

Nur noch mit Atemmaske auf die Straße

Wieder versinkt Peking unter einer hochgefährlichen Smogdecke. Die Feinstaubwerte erreichten gestern die bislang höchsten Werte in diesem Winter. Mit weniger Kohleheizungen ist es nicht getan. Chinas Führung geht nun gegen seine Stahlindustrie vor .
17.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Nur noch mit Atemmaske auf die Straße
Von Felix Lee

Wieder versinkt Peking unter einer hochgefährlichen Smogdecke. Die Feinstaubwerte erreichten gestern die bislang höchsten Werte in diesem Winter. Mit weniger Kohleheizungen ist es nicht getan. Chinas Führung geht nun gegen seine Stahlindustrie vor .

Eine dichte Nebeldecke legt sich am Mittwochnachmittag über Peking. Die Lichter der zahlreichen Wolkenkratzer sind nur noch verschwommen zu erkennen. Wenig später ist der metallene Geschmack auf der Zunge zu spüren, der immer dann auftritt, wenn die Smogwerte nach oben gehen. Beißender Kohle- und Schwefelgeruch dringt trotz geschlossener Fenster und Türen in die Zimmer. Ein kurzer Blick auf die App, die stündlich die Luftwerte der chinesischen Hauptstadt anzeigt, bestätigt die Vermutung: „Hazardous“(gefährlich) leuchtet in roten Buchstaben auf.

Bis gestern zum frühen Morgen ist der Feinstaub-Index der US-Botschaft auf 671 Mikrogramm pro Kubikmeter geklettert. Das ist 26 Mal so viel wie der Grenzwert, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesundheitlich für bedenklich hält. Es ist das erste Mal in diesem Winter in Peking, dass die Luftwerte die 500-Marke übersteigen. Normalerweise endet die Skala bei dieser Zahl. Die Werte lagen auch den ganzen Tag über gestern über zwischen 400 und 500. Mit einem Abziehen des Smogs wird frühestens heute gerechnet.

Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer (PM2,5) gilt als besonders gefährlich; er kann beim Atmen über die Lunge ins Blut geraten und Krebs auslösen. Doch auch kurzfristig steigt bei hohen Smog-Werten in den Krankenhäusern die Zahl der Patienten mit Atemwegsleiden sowie Herz- und Kreislauferkrankungen sprunghaft an.

Nur zweithöchste Alarmstufe

Beim Pekinger Rekordsmog vor genau einem Jahr mit Spitzenwerten von über 800 Mikrogramm pro Kubikmeter sind Schätzungen zufolge allein in Peking mehrere Tausend Menschen unmittelbar an den Folgen des Smogs gestorben. Offizielle Opferzahlen haben die Behörden bis heute nicht herausgegeben. Langzeit-Studien internationaler Forscher haben ergeben, dass die hohe Luftverschmutzung in Nordchina die Lebenserwartung im Schnitt um 5,5 Jahre senkt.

Trotz der hohen Werte gestern riefen die Behörden lediglich die zweithöchste Alarmstufe aus. Älteren Menschen, Kranken und Kleinkindern wurde empfohlen, nicht vor die Tür zu gehen. Viele Pekinger zeigten sich dennoch besorgt: „Ich habe meine Tochter nicht zur Schule geschickt“, sagt die 31-jährige Hai Ling. Taxifahrer berichten von massiven Umsatzeinbußen, weil sich die Menschen nicht mehr auf die Straße trauten. Wer es dennoch tat, trug eine Atemmaske.

Dabei geht die chinesische Führung inzwischen sehr viel energischer gegen das Smogproblem vor als vor einem Jahr. Im Januar 2013 versuchten die Behörden noch, die hohen Feinstaubwerte herunterzuspielen. Inzwischen hat Chinas Premierminister Li Keqiang die Regierungen der besonders arg betroffenen Städte und Provinzen angewiesen, den Ausstoß von Schadstoffen drastisch zu drosseln.

Pekings Bürgermeister hat erst vor wenigen Wochen angekündigt, den Kohleverbrauch in diesem Jahr um 2,6 Millionen Tonnen zu reduzieren. Kohlebrand ist neben dem immer dichteren Autoverkehr die Hauptursache für die hohe Luftverschmutzung. China bezieht rund 70 Prozent seiner Energie aus Kohle. Vor allem in den Wintermonaten, wenn eine halbe Milliarde Menschen ihre Heizungen aufdrehen oder ihre Kohleöfen anmachen, lässt die Belastung mit Schadstoffen drastisch in die Höhe schnellen. Der Pekinger Bürgermeister hat daher angekündigt, dass im Stadtgebiet sämtliche kohlebetriebenen Kessel beseitigt und verstärkt auf Gas gesetzt werden soll.

„Das wird bei Weitem nicht reichen“, meint jedoch Tom Miller, Analyst beim privaten Forschungsinstitut Dragonomics. Das Problem sei die Schwerindustrie. So werde allein in Pekings Nachbarprovinz Hebei mehr Stahl produziert als in der gesamten EU, sagte Miller. 60 Prozent dieser Hüttenbetriebe tragen ganz erheblich zur Verschmutzung bei. Solange diese nicht abgeschaltet würden, bleibe das Smog-Problem erhalten.Die Provinzregierung von Hebei wies in einer Erklärung am Donnerstag darauf hin, dass 2013 bereits mehr als 8000 Werke geschlossen wurden. Aus diesem Grund, sei der Smogwert in diesem Jahr nicht auf 800, sondern „nur“ auf 600 Mikrogramm gestiegen.

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