Tübingen

Rabenvögel besitzen gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis

Tübingen. Die Zeiten, in denen Wissenschaftler allein dem Menschen Intelligenz bescheinigt haben, sind längst vorüber. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und auf dieser Grundlage zum Beispiel Werkzeuge herzustellen und zu nutzen, lässt sich auch bei Tieren beobachten.
17.06.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Rabenvögel besitzen gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis
Von Jürgen Wendler

Die Zeiten, in denen Wissenschaftler allein dem Menschen Intelligenz bescheinigt haben, sind längst vorüber. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und auf dieser Grundlage zum Beispiel Werkzeuge herzustellen und zu nutzen, lässt sich auch bei Tieren beobachten. Dass Rabenvögel wie die Neukaledonischen Krähen zu besonderen Leistungen fähig sind, haben schon vor Jahren aufsehenerregende Versuche mit einem Tier namens „Betty“ bewiesen. Die Krähe bog sich einen Draht so zurecht, dass sie damit einen Futterkorb aus einem Gefäß herausziehen konnte. Kürzlich veröffentlichte Studien liefern neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns von Rabenvögeln und ihre Fähigkeit, die Beziehungen von Artgenossen zueinander zu verstehen.

Wie bei vielen anderen sozial lebenden Tieren gibt es auch bei Raben unterschiedliche Beziehungen. Die Vögel haben Freunde, Verwandte und Partner und bilden Hierarchien. In der Fachzeitschrift „Nature Communications“ hat eine Forschergruppe um Jorg J. M. Massen von der Universität Wien von Experimenten berichtet, die Hinweise liefern, dass Kolkraben fähig sind, die Beziehungen anderer Raben zueinander einzuschätzen. Damit besitzen sie nach Darstellung der Wissenschaftler eine Fähigkeit, die zuvor nur von Primaten bekannt war. Das Wissen um die Beziehungen anderer ist eine wichtige Voraussetzung, um sich klug verhalten zu können. Die Vögel zeigten bei den Experimenten auch dann Interesse an Beziehungen von Artgenossen zueinander, wenn diese nicht ihrer eigenen Gruppe angehörten.

Zu den Grundlagen von Intelligenz gehört ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis. Dieses eröffnet die Möglichkeit, Informationen kurzfristig zu speichern und zu verarbeiten. Ohne Arbeitsgedächtnis wäre es für Menschen zum Beispiel unmöglich, einer Unterhaltung zu folgen. Wie das Arbeitsgedächtnis von Rabenvögeln funktioniert, haben Neurobiologen um Lena Veit von der Universität Tübingen kürzlich im „Journal of Neuroscience“ verdeutlicht. Die Forscher hatten Krähen auf einem Bildschirm ein Bild gezeigt, das die Vögel anschließend beim Betrachten einer Gruppe von vier Bildern wiedererkennen und mit dem Schnabel berühren sollten. Wie sich herausstellte, fiel es den Krähen nicht schwer, das anfangs gesehene Bild im Arbeitsgedächtnis zu speichern und wiederzuerkennen.

Messungen der Hirnströme zeigten, dass Nervenzellen in einem bestimmten Bereich ihres Endhirns für das Erinnerungsvermögen verantwortlich waren. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass kognitive Fähigkeiten auf der Grundlage unterschiedlich entwickelter Gehirnstrukturen entstehen können. Menschen verdanken ihre geistigen Fähigkeiten der Großhirnrinde (Kortex), der äußeren, aus Schichten aufgebauten Nervenzellstruktur des Gehirns. Vögel besitzen keine Großhirnrinde. Ihr Endhirn ist anders aufgebaut.

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