Reise in die Niederlande

Haarlem: Stadt der Blumen

Die niederländische Stadt unweit von Amsterdam liegt mitten in einem Anbaugebiet für Blumenzwiebeln und ist deshalb stets bunt geschmückt. Aber neben dieser floralen Vielfalt, hat sie auch noch mehr zu bieten.
30.10.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Uta Petersen

Haarlem. Den schwärmerische Schlager „Zeven anjers, zeven rozen“ (sieben Nelken, sieben Rosen) von Willy Sommers kann in den Niederlanden jedes Kind summen. Ihre Liebe zu Blumen ist den Holländern allüberall anzumerken, so auch in Haarlem, nur 20 Tram-Minuten von der Hauptstadt Amsterdam entfernt. Es grünt und blüht auf und vor Fensterbänken, ringelt sich um Gartenzäune, wuchert auf Dachgärten, schmückt Grachtenufer und Brücken, umrankt Torbögen wie Haustüren und sorgt nahezu das ganze Jahr auch für prachtvolle Zier in den öffentlichen Gebäuden.

im Frühsommer erblüht Haarlem in einem Blumenmeer

Eingebettet zwischen dem Fluss Spaarne und dem Ringvart-Kanal scheint das Leben in den insgesamt vierzig „Buurten“ (Deutsch: Nachbarschaften) im Gelassenheitsmodus – in aller Ruhe darf sich in die typisch niederländisch-beschauliche Lebensweise eingefädelt werden, am liebsten per Fahrrad. Bezaubernde Giebelhäuschen, lauschige Gassen mit Kopfsteinpflaster und romantisch begrünte Innenhöfe – die „hofjes“. In den Grachten ziehen Schiffe ihre Bahnen, wie eh und je wird für die höheren unter ihnen die historische Holzbrücke „Gravesteenenbrug“ über der Nieuwe Gracht aufgeklappt. Zuverlässig im April und Mai erblüht Haarlem zu einem Blumenmeer. Die Blumenstadt der Niederlande: „Haarlem bloeit“. Der Einzug eines aus fast ausschließlich Blumen zu bestehenden Wagenkorsos hält dann keinen Haarlemmer mehr an seinem Platz. Die Lage im Herzen eines Blumenanbaugebietes verpflichtet, man putzt dann erst recht alle Gebäude und Räume prachtvoll mit Blumengebinden und -gestecken heraus.

Stilvoll blumenfündig wird man auch im Teylers Museum am Spaarne-Ufer, das seit 1794 nicht nur die wichtigsten wissenschaftlichen Instrumente seiner Zeit ausstellt, sondern auch Fossilien sowie eine bemerkenswerte Wissensbibliothek in mehreren Sprachen beherbergt.

Blumen heißen auf Niederländisch „Bloemen“. Im Gemäldesaal, der einem Pariser Salon ähnelt, finden sich opulente „Bloemstilleven met een vogelnestje“ oder „Bloemstilleven in een Griekse vas, 1821“ von Georgius Jacobus Johannes van Os. Und sogar ein Monet – oder doch nicht? Das Meisterwerk „De Tuin, 1893“, das den Garten des Haarlemer Künstlers Jacobus van Looy zeigt, mutet an wie im Stil des französischen Impressionismus. Um Blumen ging es in Holland schon immer, auch bei dem Gemälde „Bloemenmarkt op de Grote Markt in Den Haag, 1880“ von Johannes Christiaan Karel Klinkenberg. Meisterwerke, die man derzeit durch begrenzte Besucheranzahl besonders intensiv auf sich wirken lassen kann.

Haarlem ist ein Traum für Kunstliebhaber: Mit Sicherheit ist Frans Hals, der berühmte Sohn der Stadt, im 17. Jahrhundert mit seinen fünf Söhnen über „De Grote Markt“ geschritten. Dort stößt man auch auf das gleichnamige Museum über den Maler mit seinen Werken. Oder die „Grote St. Bavo-Kerk“, vielfach auf Gemälden verewigt. Nicht weit entfernt thront auch die St. Bavo-Kathedrale, eine Basilika, die in einem Atemzug mit „Sacré-Cœur“ und der Londoner „Westminster Abbey“ genannt wird. Die Vorstellung, dass auf der größeren der beiden Orgeln 1766 der zehnjährige Mozart gespielt haben soll, macht Gänsehaut. „Monsterlijk mooi“ (Ungeheuerlich schön) heißt die Führung zu den eher gruseligen Steinmonstern auf dem Dach hinauf in luftige 60 Meter Höhe. Bis heute wird über die Aussagekraft von „Het Kakkertje“ (Der Pupser) oder „Exorzist en de duevel“ (Exorzist und Teufel) sinniert, während die Augen weit über die einstige Hauptstadt von Nordholland schweifen können.

Haarlem ist auch eine Brauerei-Stadt

Beinahe ist vom Dach der St.Bavo-Basilika aus das „Landje van De Boer“ zu entdecken, an der Bezirksgrenze zu Bloemendaal. Mit Hilfe von mittlerweile 50 Helfern und Helferinnen ist aus einer Brache ein überbordend grünes Paradies entstanden. Dicht an dicht gedeiht dort im natürlichen Kreislauf alles, was duftet und schmeckt. Ostindische Kirsche, Malven und Gurkenkraut, Ringelblumen, Lakritzpflanzen, Mohnblumen: Ein Blumendinner von Frau Marlies beginnt mit Holunderblütencocktail oder Rosenblütentee, zum Rote-Bete-Carpaccio fügt sie Schnittlauchblüten und Magenta- oder Baumspinatblätter hinzu. Ein mit frischem Knoblauch eingeriebenes Bruschetta serviert sie mit Fenchel- und Primelblüten.

Schon immer war Haarlem auch eine Stadt der Brauereien, die heute wohl originellste ist „De Jopenkerk“ in einer ehemaligen Kirche an der Gedempten Voldersgracht: der Hotspot schlechthin. Jopen waren 112-Liter-Bierfässer, die in alten Zeiten über die Spaarne transportiert wurden. Junge Brauer zapfen in dem rot ausgeleuchteten Kirchenschiff vor den glänzenden Kupferkesseln perfekte Bierblumen von eigenen Craft Bieren mit spannenden Geschmacksrichtungen. Dazu sollte man ein „Borrel“, einen Kurzen, probieren. Das typisch niederländische „gezellige“ Beisammensein mit Freunden, bei dem auch „Borrelhappjes“ (Snacks) nicht fehlen dürfen.

Grüne Daumen hat auch die Nachbargemeinde Aalsmeer. Das Städtchen gilt als Wiege des Blumenbaus, hält sogar die Position einer Blumenhauptstadt. So liegt es nahe, dass hier ein „Flower Art Museum“ eröffnete – im ehemaligen Reinwasserkeller des imposanten, 90 Jahre alten Wasserturms direkt gegenüber. Aktuell widmet man sich Exponaten zur Kommunikation der Bäume untereinander, ihrer Schönheit und Magie. Ein anderes Projekt ist „Nocturnal Garden“ der Videokünstlerin Elsbeth van Noppen – sie zeigt das geheime Zusammenspiel zwischen nächtlicher Flora und Fauna, Licht und Dunkelheit, erforscht die enge Beziehung zwischen Nacht, Mensch und Natur. Die „Tropisme“-Projekte sind faszinierende Kunst, die mit der Wahrnehmung spielen – an der Schnittstelle von Natur, Wissenschaft und Technologie. Das bahnbrechende Projekt „Photosynthese“ beleuchtet Pflanzen auf eine neue Art und Weise, indem Künstler sie mit ungewöhnlichen Techniken fotografieren.

Die Pandemie-Zwangspause wurde von Museumsleitung und Bürgern kreativ für die Erstellung eines Kunstwerkes genutzt. Die 64 Meter lange „Wall of Flowers“ ist ein sogenanntes Fotil: ein Kunstwerk aus vielen kleinen Blumenbildern, das, aus der Entfernung betrachtet, neue Blumenmotive ergibt. Und erst, wenn man die 209 Stufen hinauf bis in die 50 Meter hohe Spitze des „Water Toren“ geschafft hat, erschließt sich die unvergleichliche Wasserkulturlandschaft „Westeinderplassen“, die einen umgibt.

Eine Multimediashow entführt die Gäste in Urwälder und Blumenmeere

Blumenduft steigt auf dem Gelände des historischen niederländischen Pflanzenanbaubetriebs „Tuin Huis“ in die Nase – das grüne Herz Aalsmeers inmitten dieser Kanäle. Man hegt und pflegt dort eine spezielle Sammlung von Pflanzen, die früher in Aalsmeer angebaut und gehandelt wurden, unter ihnen auch Exoten wie die wunderschöne, jedoch hochgiftige Engelstrompete. Es wird mit bewundernswerter Leidenschaft geackert, gesät, gepflanzt und gezupft, alte knisternde Holzöfen in den Gewächshäusern halten empfindliche Pflanzen warm. „Wenn Du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen“ sagte einst Heinrich Heine. Und die historischen Rosensorten duften betörend, man kommt aus dem Grüßen kaum heraus. Die Königin aller Blumen zieht so Honigbienen, Käfer, Hummeln, auch Vögel und sogar Fledermäuse an.

Jeden Sommer schippert das Tuin-Huis-Team die blühende Ernte auf kleinen Booten durch die Grachten, versteigert sie auf der größten Blumenauktion der Welt, der „Royal Floral Holland“ und präsentiert sie auf dem Aalsmeer Flower Festival: Prächtige Blumenbukette, die den großartigen niederländischen Stillleben alle Ehre machen. Die meisten Blumenliebhaber kennen das Tulpenparadies Keukenhof, doch auch „Flori World“ mit Standort in Aalsmeer beliefert die Welt mit prächtigen Blüten. Das farbenfrohe Gebäude, den bunten Blumenfeldern der Niederlande nachempfunden, birgt eine neue, interaktive Multimediashow. Sie lässt die Besucher jahreszeitenunabhängig in Urwaldgrün und Blütenmeeren versinken und endet schließlich in einer spannenden Blumenauktion – ein rauschhaftes Erlebnis.

Die Reise wurde unterstützt von www.iamsterdam.com, www.visithaarlem.nl, www.visitaalsmeer.nl und www.klm.com.

Info

Zur Sache

Haarlem und Aalsmeer

Anreise: mit dem Zug von Bremen in etwa vier Stunden über Osnabrück nach Amsterdam; ab Amsterdam nach Haarlem in 15 Minuten Fahrtzeit.

Übernachtung: Das Hotel Carlton Square im Herzen von Haarlem hat eine familiäre Atmosphäre und beherbergt das hervorragende Restaurant Zocher, Zimmer ab 81 Euro.

Aktivitäten: Teylers Museum direkt am Spaarn-Ufer, Craft Beer De Jopenkerk Haarlem: Brauerei mit erstaunlicher Küche, Historische Tuin Aalsmeer, Museum, Flori World Aalsmeer, Wasserturm „Watertoren Aalsmeer“, Landje van De Boer.

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