Zugspitzland Wo Mythen und Sagen lebendig sind

Im bayerischen Zugspitzland ist nicht nur die Landschaft wie im Märchen: Noch immer erzählen sich dort Menschen die Geschichten von Fabelwesen. Ein Besuch ist wie ein Eintauchen in eine magische Welt.
02.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Eva Keller

Eschenlohe. Die Heimatforscherin Henny Schübel lässt aus Worten Bilder entstehen. Dabei wird die friedliche Natur im oberbayerischen Zugspitzland zur zauberhaften Kulisse ihrer Geschichten. Sie berichtet Altüberliefertes und von ihren eigenen Begegnungen mit fabelhaften Wesen. Auf den Führungen rund um die drei Orte Oberau, Eschenlohe sowie Farchant tauchen Urlauber in die Sagenwelt des Zugspitzlands ein und erkunden eindrucksvolle Schauplätze.

„Es heißt, dass hier auf dem Friedhof die Geister von drei Burgfräulein mit einem schwarzen Hund gesichtet werden. Das Tier soll feurig-rote Augen haben.“ Wenn Henny Schübel erzählt, verschmelzen Mythen- und Sagenfiguren mit der Umgebung des Zugspitzlands: Die Kuhflucht-Wasserfälle verwandeln sich in einen Spielplatz fröhlicher Nixen, knorrige Lindenbäume zeigen sich als liebenswerte Schutzgeister und am Eschenloher Burgplatz meint man fast, Ritterrüstungen klappern zu hören.

Henny Schübel ist nicht nur eine meisterhafte Geschichtenerzählerin, sondern auch zertifizierte Natur-, Kultur- und Landschaftsführerin sowie Pilgerbegleiterin. Neben einer Drogistenlehre hat sie Studienabschlüsse in Betriebswirtschaftslehre, Forstwirtschaft sowie bayerischer Geschichte und arbeitete viele Jahre in der Pharmabranche. Ihr breites Spektrum an Wissen teilt die Ortsführerin auf ihren Mythen-und-Sagen-Touren mit den Gästen. „Wenn sich jemand besonders für die Römerzeit interessiert, lege ich den Fokus auf diese Ära. Oder auf Wildkräuter oder Architektur, und manchmal wollen Besucher einfach nur von meinen persönlichen Erfahrungen mit der Sagenwelt hören“, erzählt Henny Schübel, die im Zugspitzland aufgewachsen ist.

Schon als junges Mädchen betrat sie beim Spielen – eher zufällig – das Reich der Mythen. In der Nähe von Oberau liegt das idyllische Gießenbachtal, wo sich die Kinder aus dem Ort genauso wie die kleine Henny gern ungestört austobten. „Doch die Erwachsenen ermahnten uns, ruhig zu sein, sonst würden wir die Mundl vertreiben, die im Bach sitzt“, erzählt sie. „Ab der Stelle, wo wir das Wasser rauschen hörten, wurden wir mucksmäuschenstill und schlichen uns an die Quelle. Und tatsächlich, wir haben die Mundl gesehen. Eine Fee mit hellblonden Locken und strahlenden Augen.“ Bei dieser Begegnung aus dem Legendenreich blieb es nicht. Schöne ebenso wie schaurige Erzählungen von Wassergeistern, Zwergen und Göttinnen waren Teil ihrer Jugend und werden im Zugspitzland weiterhin am Leben gehalten. Sie prägen Kultur, Traditionen und Bräuche.

Heute weiß Henny Schübel, die als Expertin für bayerische Mythologie am Kinofilm „Alpgeister“ mitwirkte, dass der alpenländische Sagenschatz großteils von Germanen, Kelten und den Rätern stammt. „So etwas wie Feen kennt man im Christentum eigentlich nicht, trotzdem erzählt man sich hier von ihnen.“

Viele mythologische Wesen haben die Christianisierung überlebt oder wurden schlichtweg übersehen. Andere wurden an den christlichen Glauben angepasst. Ein Beispiel dafür findet sich auf dem Oberauer Kirchbichl. Wer dem Waldweg bis nach oben folgt, dem eröffnet sich der Blick über einen wunderschönen Bergfriedhof mit der kleinen St. Georgskirche, die erhaben auf einem Felsvorsprung thront. Man spürt, dass dieser Ort einen besonderen Zauber innehat. „Hier war einst ein keltischer Opferplatz zu Ehren der Göttin Wilbeth“, erläutert Henny Schübel. Trotz fortschreitender Christianisierung tauchte Wilbeth zusammen mit ihren göttlichen Begleiterinnen Worbeth und Ainbeth sowie einem Drachen immer wieder im Zugspitzland und in anderen Orten Bayerns sowie in Südtirol in verschiedenen Formen auf. Sogar in die Kirchen hielten sie Einzug – als heiliges Trio Katharina, Barbara und Margaretha. „Die Menschen konnten sich wohl von dem Glauben an die drei Göttinnen nicht lösen, also wurden sie christianisiert und zu Heiligen ernannt.“ Noch heute finden Fabel-Fans in den Giebeln der alten Bauernhäuser in Farchant hölzerne Drachen mit knallroten Augen und bei der Werdenfelser Burgruine soll Wilbeth als „weiße Frau“ spuken.

Auf den Mythen-und-Sagen-Führungen im Zugspitzland betreten Urlauber eine unbekannte Parallelwelt, die Naturwunder, faszinierende Geschichten und Historie vereint. So verzaubern bei Eschenlohe Sieben Quellen auf einem Spaziergang durchs Moor und der Eschenloher Burgplatz wird zum Mittelpunkt dramatischer Rittergeschichten.

Info

Zur Sache

Das Zugspitzland

Das Zugspitzland ist ein touristischer Zusammenschluss der Orte Farchant, Oberau und Eschenlohe. Besonders aktive Naturliebhaber und Kultururlauber, aber auch Familien kommen dort voll auf ihre Kosten. Weitere Infos gibt es unter www.zugspitzland.de.

Führungen: Wer bereit ist, sich von Henny Schübel in die sagenhafte Seite des Zugspitzlands entführen zu lassen, meldet sich einfach bei den Touristinformationen in Oberau, Eschenlohe oder Farchant an. Die Führungen dauern knapp zwei Stunden und sind für Gästekarteninhaber der Zugspitzregion kostenlos. Alle anderen Teilnehmer bezahlen fünf Euro.

Weitere Informationen zu den Orten gibt es bei der Touristinformation Farchant, Am Gern 1, 82490 Farchant, Telefon: 0 88 21 / 96 16 96, E-Mail: info@farchant.de, Internet: www.
farchant.de, bei der Touristinformation Oberau, Schmiedeweg 10, 82496 Oberau, Telefon: 0 88 24 / 9 39 73, E-Mail: info@oberau.de, Internet: www.oberau.de sowie bei der Touristinformation Eschenlohe, Murnauer Straße 1, 82438 Eschenlohe, Telefon: 0 88 24 / 82 28, E-Mail: info@eschenlohe.de, Internet: www.eschenlohe.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+